Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Forsters Lichtmetaphorik – Ein kritischer Ausblick auf unsere heutige Gesellschaft?

Gerade in der dunklen Jahreshälfte wird mir bewusst, wie gut es tut, von der Sonne geweckt zu werden. Wenn die Sonnenstrahlen schon morgens durchs Fenster scheinen, meine Nasenspitze kitzeln und den Raum angenehm erhellen, dann habe ich das Gefühl, dass alles positiver erscheint als noch am Tag zuvor, an dem ich bei grau in grauem Himmel kaum Lust hatte mein Bett zu verlassen und meine Stimmung eher wenig mit Fröhlichkeit gemein hatte. Ohne Licht kann der Mensch nicht leben. Licht ist ein Lebenselixier, so wie die Luft zum Atmen. Es ist „(…) neben dem Schall das wichtigste Kommunikationsmittel für uns Menschen. (…) Mit Licht verbinden wir (…) das Positive in unserem Leben“[1]. Das Licht bringt uns, wie auch bereits den Menschen um 1900, zu der Zeit, als E.M. Forster sein Buch „Die Maschine steht still“ verfasst, Kunde von der Welt und kommt von Sonne und Sternen zu uns. Es zeigt uns das Dasein, die Bewegungen und den Aufbau von allen Dingen, die wir durch Licht wahrnehmen können.[2]

Lichtmetaphorik im Wandel der Zeit

So sind die Metaphern des Lichts ein sehr alter und wichtiger Gegenstand unseres Nachdenkens[3] und spielen eine bedeutende Rolle in der Kulturgeschichte des Menschen bereits seit der Antike. Denn da wird der Mensch als ein Tagwesen beschrieben, das lebt „(…) wenn e[s] sehen kann bzw. am Tage und solange e[s] sehen kann, bzw. bis e[s] stirbt.“[4] Licht als Wahrheit wird im christlichen Mittelalter dann zur göttlichen Wahrheit, zum „Licht der Offenbarung“[5],  was auch die reiche Lichtmetaphorik der Bibel verdeutlicht. Später, in der Neuzeit, ist die Metapher des „Lichts des Geistes“, welches das „Licht der Wahrheit“ hervorbringt, weit verbreitet.[6] Als die Wissenschaft ihren ersten Zenit in der Frühen Neuzeit erlebt, bricht die Epoche der Aufklärung mit ihrer speziellen Lichtmetaphorik an. Der Begriff Aufklärung hat zunächst die meteorologische Bedeutung „Aufheiterung des Wetters“, bevor er im übertragenen Sinne als „Klarmachen“ und „Aufdecken“ gebraucht wird.[7] Die Epoche wird zum „Siècle des Lumières“[8], zum Zeitalter des Lichts. Redewendungen wie „Jemandem geht ein Licht auf“ oder „Das Licht der Welt erblicken“ verweisen auch heute noch auf verschiedene Ebenen der Bedeutung von Licht, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben.

Wahrnehmung des Sonnenlichts bei Forster

In Forsters „Die Maschine steht still“ wird Sonnenlicht, also das natürliche Licht, anders besetzt als in meiner eingangs erwähnten Szene, in der es die Stimmung schon beim Aufwachen hebt. Im Roman lässt Forster seine Protagonistin Vashti eine Reise zu ihrem Sohn antreten, zu dem sie nur mittels der Beförderung durch ein sogenanntes Luftschiff, wohl eine Art Zeppelin, gelangt.  Das Rollo vor dem Fenster der Kabine im Luftschiff ist defekt, weshalb sie vor Entsetzen und Schreck erstarrt, als ein „(…) Strahl rosenfingrigen Lichts [beim Sonnenaufgang] in Vashtis Kabine dr[ingt]“[9] und „(…) ungehindert in die Kabine fällt und dort die Wand wie ein goldenes Meer flutet“[10]. Während wir in einer solchen Situation möglicherweise unser Gesicht den wärmenden Strahlen des Sonnenaufgangs entgegenstrecken würden, überkommt Vashti panische Angst, das natürliche Licht könne ihr Gesicht berühren, woraufhin die Reisende eine neue Kabine mit intaktem Rollo im Luftschiff zugewiesen bekommt.[11] Licht, das wird in diesem Werk von 1909 lediglich in seiner künstlichen Form von Vashti positiv besetzt. Dieses künstliche Licht gibt Vashti Sicherheit. Es hilft ihr, negative Emotionen wie Einsamkeit, die sie nach einem in der Dunkelheit geführten Videoanruf mit ihrem Sohn verspürt, zu überwinden. Ihr Raum wird nach dem Gespräch künstlich erhellt und sie festigt sich mental wieder.[12]

Licht als Metapher für die vorherrschende Zivilisation

Das Licht taucht mehrmals, sowohl in seiner natürlichen als auch in seiner künstlichen Form im Buch auf und verdeutlicht schon durch das frühe Erwähnen auf der ersten Seite seine wichtige metaphorische Rolle. So ist der Lichtapparat, der die Zellen der Menschen im Buch in „sanftes Leuchten“[13] taucht, eine wichtige Instanz und erhebt Licht weiterhin zu einem Zeichen der vorherrschenden Zivilisation. Aufs Ganze gesehen lässt sich sagen, dass das künstliche Licht der Maschine bei Forster den Auf-, genauso aber den Abstieg seiner dargestellten Zivilisation beschreibt, denn „(…) als das Licht nach und nach abnahm, wusste (Vashti), dass sich der lange Tag ihrer Kultur dem Ende neigte“[14]. Es ist also ein Zeichen des Lebens – des Lebens in dieser Zivilisation, die sich so von der unserer heutigen unterscheidet. Es ist für den Leser nicht weiter erstaunlich, dass die Menschen gegen Ende des Buches „(…) zu Hunderten in der Dunkelheit (…)“[15] sterben, ihre Lebensart ist dann nicht mehr existent.

Was also bedeutet das künstliche Licht im übertragenen Sinne auf die Gesellschaft, die sich abgewendet hat vom natürlichen Licht? Es lässt die Menschen zum Beispiel ihren eigenen Tagesrhythmus per Knopfdruck planen. In Forsters Buch wird der Triumph beschrieben, dass „[d]ie Morgendämmerung, die Mittagszeit, das Zwielicht am Abend (…)“[16] die Menschen nicht mehr berührt und sie ihren Tagesrhythmus mittels Lichtapparat selbst steuern, da sie nicht mehr auf das Tageslicht angewiesen sind wie die Menschen im vorangegangenem Zeitalter. Sie richten sich in ihrem Leben zwar immer noch nach dem Licht und schlafen, wenn es dunkel ist. Allerdings hat das nichts mehr mit dem natürlichen Tagesverlauf, der sich nach dem Auf- und dem Untergang der Sonne richtet, zu tun. Licht bedeutet immer noch Leben und Wissen, denn im Licht werden die neuen Ideen, die die Menschen schaffen, geboren. Gemeint ist allerdings lediglich das dauerhafte künstliche Leuchten.[17] Und nicht nur Dunkelheit kann Panik hervorrufen, sondern ebenso das Sonnenlicht.

Und heute? Unsere Lichtwahrnehmung und Metaphorik im Vergleich

An diesem Punkt sollten wir uns unweigerlich fragen, welche Bedeutung das künstliche Licht in unserer westlichen Zivilisation spielt. Haben wir uns ebenso wie die Menschen in Forsters Roman abgewendet von diesem natürlichen Wunder, dass es morgens hell wird und abends dunkel? In Zeiten von Lichtverschmutzung, also der Aufhellung der natürlicherweise dunklen Nacht durch künstliche Lichtquellen[18] und dauerhafter Lichtflut für das Auge, ist dies durchaus denkbar. Als Forster das Buch schreibt, erlebt das elektrische Licht seinen Aufschwung, es zieht in die Häuser und das Leben der Menschen ein, das Nachtleben entsteht.[19] Vielleicht lässt der Autor aufgrund der Erfindung des elektrischen Lichts dem künstlichen Licht im Roman eine so große Rolle zukommen. Um seine Gesellschaft im Buch durch das vom Menschen geschaffene Licht zu charakterisieren, welche ja gänzlich ohne die Natur an der Erdoberfläche auszukommen scheint, alles elektronisch steuert und die in ihrer künstlich geschaffenen Umgebung Sonnenlicht als störend empfindet. Die Lichtreizung, die wir heute erleben, ist in ihrer Form noch viel größer als die zu Forsters Zeiten. Für uns ist das Medium Licht aber längst selbstverständlich geworden. In den Städten wird es nicht mehr komplett dunkel und wir können dank Elektrizität ganz selbstverständlich die Nacht zum Tag machen.

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Licht – natürlich vs. künstlich

Dennoch glaube ich aber, dass wir Menschen heute das natürliche Sonnenlicht im Vergleich zu den Menschen in Forsters Buch durchaus schätzen, und es nicht durch künstliches Licht ersetzt werden kann. Ebenso regt der Sternenhimmel bei Nacht an, die Gedanken schweifen zu lassen und sich dem natürlichen Licht hinzugeben, ganz ohne das künstliche Licht zu vermissen. So denke ich auch, dass für uns Menschen, genauso wie für die Tier- und Pflanzenwelt, das künstliche Licht weder in seiner realen Wirklichkeit, noch in seiner metaphorischen, den Stellenwert des natürlichen Lichts einnimmt. Oder dass man das künstliche Licht als metaphorisches Symbol für unsere Zivilisation verwenden kann, wie Forster dies für seine im Buch macht. Denn wir verbannen das natürliche Licht nicht aus unserem Leben und kreieren nicht nur in künstlicher Lichtatmosphäre neue Ideen. Zwar verbinden wir mit Licht immer noch die klassischen Metaphern wie Wissen oder das Gute, doch assoziieren wir Wissen nicht automatisch mit künstlichem Licht. Zumindest noch nicht in unserer heutigen Zeit.

 

Über die Autorin

Mein Name ist Alena Richter und ich studiere Pädagogik und Kunstgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Für uns heutzutage ist elektrisches Licht wie wir es kennen längst selbstverständlich geworden. Dass dies nicht immer der Fall war ist logisch, und uns sicher geläufig, wenn auch vielleicht nicht immer ganz bewusst. Licht spielt schon seit Anbeginn der Menschheit eine entscheidende Rolle für das Leben und später auch eine wichtige in der Metaphorik. Dieses Feld finde ich in der Kunst, ebenso auch in der Literatur äußerst interessant, weshalb ich Forsters Einsatz von Licht in seinem Werk in Bezug zu unserem heutigen Verständnis von Licht setzen möchte.

 

Literaturverzeichnis

Becker, Karin Elisabeth: Licht- [L]lumière[s]- Siècle des Lumières. Von der Lichtmetapher zum Epochenbegriff der Aufklärung. Phil. Diss. Köln 1994.

Bragg, Sir William: The Universe of Light. Braunschweig 1935.

Fehse, Beatrix: Lichtmetaphorik in der Kunst im öffentlichen Raum. Essen 2015. In: Linse Linguistik Server Essen, URL: http://www.linse.uni-due.de/publikationenliste/articles/lichtmetaphorik-in-der-kunst.html (Stand: 16.12.2018)

Forschner, Maximilian: Zwischen rationaler Aufklärung und mythischer Erleuchtung. Das Licht als Metapher und Symbol in der Philosophie. In: Neuhaus, Helmut (Hrsg.): Licht. Vier Vorträge. Erlangen 2009, S. 33- 54.

Forster, E. M.: Die Maschine steht still. 3. Aufl. Hamburg 2017.

Leuchs, Gerd: Licht- so nah und doch so fern. In: Neuhaus, Helmut (Hrsg.): Licht. Vier Vorträge. Erlangen 2009, S. 85- 102.

Lossau, Norbert: Die Erde wird immer heller. In: www.weltn24.de (2017), URL: https://www.welt.de/wissenschaft/article170865295/Die-Erde-wird-immer-heller.html (Stand: 05.01.2018).

Schwanitz, Dietrich: Englische Kulturgeschichte. 2 Bde. Tübingen 1995.

 

[1] Leuchs 2009, S. 85

[2] Bragg 1935, S. 1f

[3] Fehse 2015, S. 4

[4] Fehse 2015, S. 4

[5] Forschner 2009, S. 34ff

[6] Vgl. Fehse 2015, S. 5

[7] Vgl. Fehse 2015, S. 5

[8] Becker 1994, S. 1

[9] Forster 2017, S. 26

[10] Forster 2017, S. 26

[11] Forster, S.  26

[12] Vgl. Forster 2017, S. 11

[13] Vgl. Forster 2017, S. 5

[14] Forster 2017, S. 74

[15] Forster 2017, S. 76

[16] Forster 2017, S. 25

[17] Vgl. Forster 2017, S. 15

[18] Vgl. Lossau 2017, URL: https://www.welt.de/wissenschaft/article170865295/Die-Erde-wird-immer-heller.html (05.01.2018)

[19] Vgl. Schwanitz 1994, S. 241

3 Kommentare zu “Forsters Lichtmetaphorik – Ein kritischer Ausblick auf unsere heutige Gesellschaft?

  1. Helke sagt:

    Hallo Alena,

    häufig denke ich, wie gut das Wetter doch schon wieder zu meiner Laune passt – müde, Bahn fast verpasst, abgehetzt in die Uni, am besten auch noch Montag… alles scheint schief zu laufen und dann regnet es auch noch, der Himmel grau in grau und die Sonne scheint nie wieder aufzutauchen. Selten denkt man darüber nach, dass es vielleicht genau andersherum ist: Durch das fehlende Licht morgens fällt es schwerer, aufzustehen, man verschläft, verpasst fast die Bahn… und so weiter. Wenn ich das nächte Mal zu spät zur Uni komme, entschuldige ich mich einfach mit dem Wetter – oder halte im nächsten Jahr einfach direkt Winterschlaf 😉

  2. Jenitha Thayaparan sagt:

    Hallo Alena,
    danke für den tollen und interessanten Beitrag. Auch ich habe in den Wintermonaten mit den dunklen Tagen zu kämpfen, man kommt nur schwer aus dem Bett, man ist träge und unmotiviert. Da ich aus einem sehr sonnigen Land komme, fällt es mir besonders schwer mich damit zurecht zu finden. Ich spüre tagtäglich den Vitamin-D-Entzug, diesen Mangel versuche ich mit Vitamin- D- Präparaten wieder auszugleichen
    Auch im Alltag fehlt mit das Sonnenlicht sehr. Vor allem wenn man früh morgens in die Uni fährt und es noch dunkel ist, freut man sich schon darauf nach dem anstrengenden Unitag die Sonne zu genießen. Jedoch ist es leider sehr selten der Fall. Wenn man aus dem Hörsaal rausrennt, um die Sonne zu tanken, wird man bitter enttäuscht. Getrübt fährt man nach Hause, setzt sich vor der Nachtischlampe und fängt wieder an zu lernen.
    Ich hoffe sehr, dass dein Beitrag auch andere Menschen dazu anregt darüber nach zudenken, wie wichtig das natürliche Licht für uns Menschen ist.

  3. Julie Christin Teßmann sagt:

    Hallo Alena!
    Das ist wirklich ein sehr interessanter Artikel! Gerade im Winter merkt man ja doch oft, wie sehr einem die Sonne fehlt. Viele haben auch mit einem Vitamin-D-Mangel zu kämpfen und fühlen sich müde und kraftlos. Im Buch „Rettet die Nacht“ von Mathias und Tanja-Gabriele Schmidt habe ich auch darüber gelesen, dass die Veränderungen der Lichtintensität (Sonnenaufgang und -untergang) den Körper zu einem „Reset“ anregen. Wenn man nun beispielsweise in einer Stadt lebt, in der es nachts nie richtig dunkel wird, und die Lichtunterschiede zwischen Tag und Nacht nicht mehr so extrem sind, dann wird dieser Impuls schwächer oder kann sogar ganz entfallen. Das kann dann unter Umständen sogar zu gesundheitlichen Problemen führen. Sogar die wichtigste Schaltzentrale im Gehirn (SCN) wird durch diese Lichtreize in Gang gesetzt.
    Du hast ja in deinem Artikel auch schon die Lichtverschmutzung in den Städten angesprochen. Es wäre ja schon einmal ein Anfang dieses Problem zu beheben, wenn man selbst ein wenig mehr darauf achtet, ob man nachts unbedingt die ganze Zeit über seine Garten- oder Hausbeleuchtung brennen lassen muss. Es wäre natürlich umso besser, wenn auch die Städte selbst mehr darauf achten würden, nicht jedes Dekorationslicht die ganze Zeit über brennen zu lassen. Die Erlanger Stadtwerke beleuchten – sofern ich das mitbekommen habe – ihren Turm ja auch nicht mehr seit diesem Jahr.
    Ich bin gespannt, ob sich in Zukunft dahingehend etwas tut und das Problem von mehr Menschen erkannt wird.

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