Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Beten wir in Zukunft eine Maschine an?

,,Du betest die MASCHINE doch an“, sagte er kalt.[1] Diese Worte von dem Protagonisten Kuno im Roman ,,Die Maschine steht still“ zeigen, wie die Menschheit in der Zukunft mit dem Thema Gottheit umgehen könnte. Theoretisch kann man auch andere Dinge als Gott anbeten, oder etwa nicht? Wenn man sich bei der Diskussion nur auf die monotheistischen Religionen bezieht, ist es einzig und allein ein Gott, der über uns herrscht. Menschen haben das Bedürfnis an Gott zu glauben.[2] Sie suchen nach dem Sinn im Leben und nach dem Grund ihrer Existenz. Sie möchten Sicherheit und Halt in Notsituationen. Es kann auch sein, dass die Menschen glauben wollen, dass die Welt einen gerechten und tiefen Sinn hat. Dass all das Leid, die Krankheiten, der Tod nicht endgültig sind. Dass alles, was passiert, ob Gutes oder Schlechtes, einen triftigen Grund hat. Trotz des Bedenkens im 19. Jahrhundert, dass der Gottesglaube nur ein ,,kulturelles Phänomen, [..] ein Trost für die Unzivilisierten im Rest der Welt‘‘ [3] sei, welches eventuell mit der Zeit absterben wird, ist die Anzahl der Gläubigen stabil geblieben.

,,Es wirkt paradox: Das Irreale ermöglicht es dem Menschen, das reale Leben zu meistern. Es dient dem Hirn. Das Übernatürliche ist also natürlich.“[4] 

Auch ich glaube an das Übernatürliche. Da ich in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen bin, gibt es für mich kein Leben ohne Gott. Das Erste, was ich früh morgens nach dem Aufstehen mache, ist Beten. Wenn ich Probleme habe oder in einer Notsituation bin, hoffe ich auf die Hilfe Gottes. Deswegen kommt es für mich gar nicht in Frage etwas wie eine Maschine als gottesgleich anzusehen.

 

Gott vs. Maschine

Wenn sich die Menschen allgemein nach einem höheren Wesen sehnen, wieso kann es dann keine Maschine oder ein anderes Ding sein, wie es in dem Roman geschildert wird? Wie muss dieses Wesen beschaffen sein bzw. welche Funktionen muss es erfüllen?

,,Das Wort «Religion» wurde geflissentlich gemieden, denn theoretisch war die MASCHINE nach wie vor eine Schöpfung des Menschen und damit sein Werkzeug. Praktisch aber wurde sie von allen, außer einigen Kümmerlingen, als etwas Göttliches verehrt. “[5]  

,,Oh, Maschine! Oh, Maschine!”, flüsterte sie, liebkoste ihr BUCH und fühlte sich getröstet.[6]

Diese Textstellen zeigen, wie sehr für die Menschen im Roman die Maschine die Funktionen einer Gottheit übernommen hat. Es wird wortwörtlich erläutert, dass die Maschine gottesgleich ist. Es gibt zahlreiche Gründe dafür, dass die Maschine Gott ersetzt hat. Die Maschine zeigt sehr viele Ähnlichkeiten und sogar Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Gott auf. Gott soll in Notlagen für uns da sein, uns nicht hungern lassen und uns vor Unheil schützen. Aber werden diese Aufgaben zu 100% erfüllt? Wieso leiden dann so viele Menschen auf der Welt an Armut und Hunger? Für diese und andere Probleme hält die Maschine jedoch Lösungen bereit. Sie ernährt die Menschen, bietet ihnen durch Räumlichkeiten Schutz, versorgt sie bei Krankheiten mit Medikamenten, kümmert sich um die Unterhaltung und bestimmt die Richtlinien, nach denen die Menschen leben sollen. Die Richtlinien werden in dem sogenannten Handbuch beschrieben, welches ein religiöses (Lehr-) Buch ersetzt. Die Menschen widmen der Maschine ihr ganzes Leben. Keiner darf sich der Maschine widersetzen, denn ansonsten droht die Heimatlosigkeit, die mit dem Tod gleichzusetzen ist. Diese Angst sorgt auch dafür, dass die Menschen sozusagen gezwungen sind, die Maschine als etwas Höheres zu betrachten. Somit übt die Maschine teilweise auch Angst und Schrecken aus.

 

Abwendung von Gott aufgrund des Lebenswandels                                

Schlussendlich bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass etwas Anderes die Funktionen von Gott übernehmen kann. Auch die aktuelle Diskussion darüber, dass eine künstliche Intelligenz zu einer neuen Gottheit werden könnte, deutet darauf hin, dass man Gott durch etwas Anderes ersetzen kann:[8] ,,Das zentrale Nervensystem dieser neuen Gottheit wird das Internet, als Sinnesorgane dienen die Sensoren und Smartphones dieser Welt. Dieser Gott hört den Menschen immer zu.“[9] Zudem fügt der Autor hinzu: ,,Im 21. Jahrhundert werden wir wirkmächtigere Fiktionen und totalitärere Religionen als jemals zuvor schaffen.“[10] Die neue Gottheit muss lediglich die Wünsche und Vorstellungen, die der Mensch hat, bedienen. Dieses wird in dem Roman durch die Maschine erfüllt. „In der heutigen Gesellschaft existier[t]en Bedürfnisse, die von den Religionen [bzw. Gott] nur unzureichend bedient w[e]rden“.[11]

Der allgemeine Lebenswandel der Menschen (z.B. die zunehmende Technisierung) führt dazu, dass sich die Bedürfnisse der Menschen an eine Gottheit wandeln. ,,Menschliches Leben ist definiert durch lebenslanges Werden und Verändern.“[12] Wenn jedoch die Menschen so wandelbar sind, stellt sich mir die Frage, ob die Menschen wieder zurück zum Glauben an Gott kehren, wenn die ,,neue Gottheit‘‘ nicht mehr existiert. [13] Kann es sein, dass die Menschen wieder zu Gott beten, wenn die Maschine langsam anfängt den Geist aufzugeben?[14][15]

 

Über die Autorin:

Mein Name ist Jenitha Thayaparan und ich studiere an der Erlanger FAU Ökonomie/Politikwissenschaften. Auf den Beitrag bin ich durch einen Kurs an meiner Uni gekommen, der sich mit der Lektüre ,,Die Maschine steht still“ beschäftigt hat. Dazu wurde uns viele Beiträge über die Zukunftsforschung gezeigt, welches sich auch mit den Themen Gott und Religion beschäftigt hat. Dadurch wurde mein Interesse geweckt und ich habe mich dazu entschieden meinen Blogbeitrag darüber zu schreiben.

 

 

[1] E.M. Forster (1909), Die Maschine steht still, Hamburg 2016, Hoffmann und Campe Verlag.S.35.

[2-4] https://www.welt.de/welt_print/kultur/article8423718/Wie-Gott-das-Gehirn-der-Glaeubigen-ruhigstellt.html

[5] E.M. Forster (1909), Die Maschine steht still, Hamburg 2016, Hoffmann und Campe Verlag.S.23

[6] E.M. Forster (1909), Die Maschine steht still, Hamburg 2016, Hoffmann und Campe Verlag.S61.

[7] Moorstedt, Michael: Näher, mein Bot zu dir. Im Silicon Valley will eine Religion die künstliche Intelligenz anbeten. Süddeutsche Zeitung. 2017. S.11.

[8-9] http://www.deutschlandfunkkultur.de/way-of-the-future-kirche-will-kuenstliche-intelligenz-als.2156.de.html?dram:article_id=401230

[10] Moorstedt, Michael: Näher, mein Bot zu dir. Im Silicon Valley will eine Religion die künstliche Intelligenz anbeten. Süddeutsche Zeitung. 2017. S.11.

[11] http://www.deutschlandfunkkultur.de/way-of-the-future-kirche-will-kuenstliche-intelligenz-als.2156.de.html?dram:article_id=401230

[12] Scholl, Norbert. (2016). Glauben im Zweifel. Der Lambert Schneider Verlag 2016. S. 143.

[13] Strauch, Werner (2017), Wieso hat der Mensch das Bedürfnis an Gott zu glauben unter:  http://gibt-es-gott.com/wieso-hat-der-mensch-das-beduerfnis-an-gott-zu-glauben, Stand: 12.11.2017.

[14] Sölle, Dorothee (1992). Es muss doch mehr als alles geben: Nachdenken über Gott. Hamburg 1992, Hoffmann und Campe Verlag. S.46.

[15] Gasser Albert (2017), Mit Philosophen und Theologen denken und glauben, Zürich 2017, Theologischer Verlag Zürich, S. 57.

 

 

2 Kommentare zu “Beten wir in Zukunft eine Maschine an?

  1. Kristina Gössler sagt:

    Hallo Jenitha,

    beim Lesen Deines Beitrages sind mir einige Gedanken in den Kopf gekommen. Zunächst einmal finde ich es sehr interessant, dieses Thema aus dem Blickwinkel einer Gläubigen zu lesen. Ich selbst bin in den letzten Jahren zunehmend kritisch mit der Frage, ob es (einen) Gott gibt umgegangen und würde nun sagen, dass ich zumindest nicht an die von der Kirche vertretene Vorstellung eines Gottes glaube. Dass es irgend eine Art höhere Macht gibt, schließe ich aber nicht kategorisch aus.

    Dennoch erläuterst du in gewisser Weise die abgewandelte Form von etwas, was ich immer wieder spannend finde und was mich schon in der Vergangenheit sehr zum nachdenken angeregt hat: Viele (gläubige) Menschen belächeln den früheren Glauben verschiedener Bevölkerungsgruppen, wie beispielsweise der Germanen an Odin oder Thor, während sie für die Existenz ihres eigenen Gottes ebenso wenig Beweise haben. In gewisser Weise passiert dies auch im Roman mit der Abkehr der Menschen von ihrem Glauben an einen Gott hin zur Verehrung einer Maschine als Gottheit – mit dem einzigen Unterschied, dass die Existenz der Maschine bewiesen ist.

    Hier scheint es mir auf der einen Seite logisch, dass eine Maschine zur Gottheit wird, andererseits aber auch unlogisch. In meinem Gehirn entsteht praktisch ein Paradoxon.
    Als logisch empfinde ich es, weil – wie du ansprichst – die Menschen auch meiner Meinung nach etwas brauchen was ihnen Halt gibt und woran sie glauben können. Im durchaus aufgeklärten, rationalen Zeitalter des Romans scheint ein Glaube an etwas unbewiesenes nicht möglich. Stattdessen bietet es sich an, die Maschine zu verehren, die tatsächlich in ihrer Funktion all das bereitstellt was sich Menschen von einer Gottheit wünschen.
    Andererseits erscheint es mir unlogisch, da ich glaube, dass ein dauerhaft funktionierender Glaube diesen Touch des mystischen, unbeweisbaren benötigt. Dies lässt Raum zur Idealisierung, die wiederum geraucht wird, um wirklich Trost und Halt zu finden. Die Menschen im Buch sind zwar von der Maschine umgeben und dennoch hat meines Wissens nach nahezu niemand das Rechenzentrum der Maschine gesehen. Daher glaube ich, dass die Maschine gar nicht den Geist aufgeben müsste, damit die Menschen wieder zu ihrem Glauben an (einen nicht maschinellen) Gott zurückkehren. Eine einfach Konfrontation mit der Tatsache, dass sie etwas reales, greifbares, von Menschen erschaffenes anbeten, würde meiner Meinung nach dazu ausreichen. Dies würde der Maschine die Mystik nehmen, die es – wie ich glaube – so dringend braucht.

    Kristina

  2. Alena sagt:

    Liebe Jenitha,

    das ist ein wirklich spannender Beitrag – mit einem Thema, das wahrscheinlich schon immer für Ausgrenzung, Streit, Verbote, Unsicherheit, genauso aber auch für mentale Sicherheit, Trost, Regeln, schlichtweg kann man sagen, für reichlich Diskussion sorgte.
    Du sprichst einige interessante Punkte an. Auch mir kamen beim ersten Lesen der zum Teil erwähnten Textstellen in Forsters Roman Schlagworte wir „Gottesersatz“ in den Kopf. Für die Menschen im Buch ist dies offiziell natürlich nicht so – schließlich wird der frühere Glaube der Menschen an Götter nur belächelt. Tatsächlich denke ich aber schon, dass der Mensch irgendetwas braucht, woran er festhalten kann. Das ist das schöne am Glauben. In den Köpfen der Menschen, ganz für sie allein, kann dieser ganz unterschiedliche Formen annehmen – oder eben auch nicht.
    In einer Welt wie der, die Forster im Roman erschafft, liegt es natürlich nahe, seinen Notanker in der Maschine zu suchen, so wie Vashti dies auch tut. Kommen ihr Zweifel, küsst sie das Buch der Maschine, was ihr wieder Sicherheit gibt und die Gedanken strukturiert.

    Weiter zum Problem mit der Theodizee, ein unfassbar großes Feld. Kurz gesagt ist es im Falle der Menschen bei Forster natürlich einfach an die Maschine zu glauben. Schließlich lässt diese (im Rahmen des Systems) kein Leid zu (Wenn wir das innere Leiden Kunos, seine Sehnsucht usw. an dieser Stelle einmal außer Acht lassen) – zumindest werden die Menschen mit Lebensmitteln und so weiter und so weiter von ihr versorgt.
    Trotzdem – für mich persönlich ist das eine grauenhafte Vorstellung, an etwas visuell Reales, maschinelles zu glauben.
    Für mich sollte jeder an das glauben, was ihm mental Kraft gibt, eben daran, wovon der Einzelne für sich überzeugt ist – natürlich ohne dabei andere zu verletzen. Ich persönlich denke einfach, dass es ohne den berühmten „Fels in der Brandung“ (der manchmal eben auch selbst die See unruhig werden lässt 😉 ) nicht geht (weshalb man die Umwälzung des Glaubens auf die Maschine gut verstehen kann) – jeder aber auch immer wieder hinterfragen sollte, an was er da eigentlich glaubt.

    Alena

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