Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Mensch und Maschine – oder: Der menschliche Fortschritt hin zum Diktat der Maschinen

Der Wecker klingelt. Schnell ein Blick aufs Smartphone, schon mal die erste Nachricht beantworten, dann aufstehen. Die Kaffeemaschine anstellen, das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine stellen. Mit der fahrerlosen U-Bahn zum Bahnhof, vor der Uni noch in die Bibliothek, die nötigen online bereitgestellten Skripte für die Vorlesungen ausdrucken. Schon in diesen ersten Stunden des Tages verwenden wir so viele Maschinen, dass wir uns früher oder später die Frage stellen müssen: Kommen wir überhaupt noch ohne Maschinen aus? Unterwerfen wir uns nicht geradezu dem Diktat von Maschinen und katapultieren uns damit direkt in eine „selbst verschuldete Unmündigkeit“[1]?

 

Denn wenn der Drucker einmal kaputt ist, man keine Zeit hat, auf die Waschmaschine zu warten, der Handyakku leer ist oder das Internet nicht funktioniert, sind wir schnell vor ein mehr oder weniger großes Problem gestellt: Wir können die Unterlagen nicht mit zur Uni bringen oder unser Lieblings-T-Shirt nicht anziehen, müssen warten, bis unser Handy aufgeladen ist und haben trotzdem sicherheitshalber ein Ladekabel dabei, oder rufen jemanden, der unser Internet überprüft. Selbst reparieren können wir unsere Maschinen im seltensten Fall.
Also passen wir unseren Tagesablauf den Maschinen an: Wir sind zuhause, wenn sie repariert werden, wir sorgen dafür, dass wir rechtzeitig Strom für das Handy zur Verfügung haben, oder lange genug zuhause sind, dass die Waschmaschine unsere Wäsche waschen kann. Meistens ist uns diese Anpassung gar nicht bewusst – so lange, wie alle Maschinen um uns herum funktionieren, bemerken wir sie häufig gar nicht. Doch was sagt das über uns aus? Wie sehr sind wir wirklich schon von Maschinen abhängig, und inwiefern diktieren sie unser Leben bereits? Auf den Komfort der modernen Technologie möchte heutzutage niemand so wirklich verzichten und kann es häufig auch nicht: In fast allen Berufen werden Computerkenntnisse vorausgesetzt, das Studium wird online organisiert und in Freundesgruppen fällt man schnell hinten runter, wenn man sich nicht mit den gleichen Apps vernetzen kann. Deshalb fangen wir an, unserer von der Gesellschaft – und damit von uns selbst – aufgezwungenen Anpassung an die Maschinen entgegenzusteuern: Indem wir die Maschinen an uns anpassen. So entwickeln wir beispielsweise Powerbanks, um unser Smartphone jederzeit aufladen zu können – auch ohne Steckdose. Doch trotz dieses (illusorischen) Schrittes in die Unabhängigkeit bleibt das Diktat: Auch die Powerbank will irgendwann aufgeladen werden.

 

Doch, mag jetzt der Eine oder die Andere einwenden, was genau hat das jetzt mit der krassen Abhängigkeit der Menschen von der Maschine in „The Machine Stops“ zu tun? Sollen ein praktisches Smartphone sowie aufgabenerleichternde Maschinen wie die Spül- oder Waschmaschine mit Forsters Maschine gleichgesetzt werden? Die Unterschiede liegen schließlich auf der Hand: Während die Menschen in Forsters Dystopie in der Maschine sind, die ihr ganzes Leben bestimmt, ja, ohne die sie nicht überleben können, an die sie vollkommen angepasst sind, kontrollieren wir unsere Maschinen selbst und sind schließlich auch ohne Technologien überlebensfähig – oder? Wer weiß denn heute noch, wie man ohne Waschmaschine Wäsche wäscht, wie man sich verabredet, ohne in Echtzeit abzusprechen, dass man sich verspätet oder wo genau man sich befindet? Wer kann noch ohne Google Maps analoge Straßenkarten lesen oder ohne Google gewünschte Informationen im Lexikon nachschlagen? Wir mögen uns noch nicht auf dem Stand der Forsterschen Menschen befinden, aber vermutlich sind wir auf einem guten Weg dorthin. Die Entwicklung der technikaffinen Evolution ist in Forsters Maschine bereits abgeschlossen, bei uns befindet sie sich noch in den Anfängen.
Was können wir also dagegen tun? Können wir überhaupt etwas dagegen tun? Laut Immanuel Kant ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit die Aufklärung.[2] Vielleicht lässt sich das auch auf die selbst verschuldete Unmündigkeit durch die Anpassung und das daraus folgende Diktat der Maschinen anwenden: Es wäre eine Illusion zu glauben, dass die Menschen je wieder in ein Leben ohne Maschinen zurückkehren werden, aber schon das Wissen um die fortschreitende Abhängigkeit der Menschen von den Maschinen könnte uns aus diesem Sog befreien.
Denn vielleicht liegt die Gefahr eben genau darin, dass wir diesen Sog nicht bemerken, der uns nach und nach in die Abhängigkeit und damit bald auch in das Diktat der Maschinen zieht. Wir gewöhnen uns so schnell an neue Technologien, dass wir aufhören, sie zu hinterfragen. Wir sehen nur noch die Vorteile, die Verbesserung zu dem, was vorher war. Ein Handy ist besser als ein Kabeltelefon, weil wir es überall hin mitnehmen können. Der Preis dafür besteht allerdings darin, dass wir regelmäßig Strom zur Verfügung haben müssen – im Falle eines Smartphones sogar Internet für Whats App und co. Ob wir bereit sind, diesen Preis, den es für die jeweiligen technologischen Fortschritte zu zahlen gilt, zu bezahlen, sollten wir häufiger hinterfragen – denn sonst unterwerfen wir uns dem Diktat von Maschinen.

 

Über die Autorin:
Mein Name ist Helke Rüder, ich studiere Theater- und Medienwissenschaften und Germanistik an der FAU Erlangen-Nürnberg. Medien und moderne Technologien bestimmen unser Leben, wie man es sich vor hundert Jahren nicht hätte träumen lassen können – außer natürlich Forster, der unsere digital vernetzte Welt im Zeitalter des Internets mit erschreckender Genauigkeit vorausgesagt hat. Unsere mangelnde Wahrnehmung der vielen Maschinen ist meiner Meinung nach ein wesentlicher Punkt auf dem Weg in Forsters Maschinengesellschaft.

 

[1] Vgl. Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, Staadt, Wiesbaden, 1914

[2] Ebd.

2 Kommentare zu “Mensch und Maschine – oder: Der menschliche Fortschritt hin zum Diktat der Maschinen

  1. Jenitha Thayaparan sagt:

    Liebe Helke,

    Erst letztens führte ich eine heiße Diskussion mit meinen Freunden. Es ging darum, ob wir wirklich ohne die technischen Geräte nicht mehr leben könnten. Die Meinungen gehen hierbei sehr weit auseinander. Die einen behaupten felsenfest, dass man sehr wohl ohne die Technik leben kann. Hier stell ich mir die Frage, ob sie ihre Abhängigkeit nur leugnen wollen oder ob es wirklich stimmt. Der andere Teil gibt offen zu, dass sie ohne ihre Handys, Drucker und co nicht mehr leben könnten.
    Ich gehöre zu den Leuten die offen und ehrlich zugeben, dass ich ohne die Technik (vorallem Handy und Laptop) nicht mehr zurecht kommen würde. Schon bei den kleinen Dingen im Leben merke ich diese Abhängigkeit. Die Tatsache, dass ich ein sehr orientierungsloser Mensch bin und wohlmöglich ohne das Navisystem auf dem Handy die Vorlesungssäle auf Anhieb nicht finden würde, bestätigt dies.

    Auch ich bin der Meinung, dass man immer mal wieder eine kleine Auszeit von den technischen Geräten nehmen sollte. Jedoch fällt dies vor allem der heutigen Jugend schwer oder täusche ich mich? Wie oft sieht man Jugendliche, die zusammen Kaffee trinken, aber alle sind nur mit dem Handy beschäftigt. Ich bin der Meinung, dass die technischen Geräte sinnvoll und hilfreich sind, da sie viele Dinge im Leben erleichtern. Dennoch sollten sie nicht die wichtigste Rolle in unserem Leben spielen.

  2. Alena sagt:

    Liebe Helke,

    gerade musste ich schmunzeln – erst vor Kurzem habe ich feststellen müssen, wie sehr ich mich auf die Maschinen im Alltag verlasse. Und wie anstrengend es sein kann, wenn sie einmal nicht das machen, was man möchte oder kurzum defekt sind. Anstrengend ist hier übrigens nicht im Sinne von nervig gemeint – mein Drucker wollte nicht mehr drucken, durchgehend wurden Fehlermeldungen angezeigt. Stress kommt in so einer Situation dann auf, wenn man eigentlich sehr dringend Handouts, Abbildungen und den eigentlichen Vortrag für eine wichtige Präsentation am nächsten Tag ausdrucken wollte. Also schnell (!) zum nächsten Copyshop gerannt, dort mit hochrotem Kopf und völlig außer Atem (das liegt hauptsächlich an den viel zu selten besuchten Sportkursen, die bei der Entscheidung gegenüber den gemütlichen Sessions vor der Lieblingsmaschine, dem Laptop, meist den Kürzeren ziehen) ankommen, um dann überglücklich die Ausdrucke kurze Zeit später in Händen zu halten. Es stimmt schon, die Maschinen sind in unserer Generation sehr integriert in unser Leben und unseren Tagesablauf. Ich denke dies ist bis zu einem gewissen Punkt auch gut so – das Wissen der Menschen um die Maschinen, etc. hat sich nun mal entwickelt und es ist doch auch immer wieder erstaunlich, was ein menschliches Gehirn so für Ideen hervorbringen kann. Freilich, das sind die Genies der jeweiligen Zeit. 🙂
    Ich glaube, man sollte für sich einfach die richtige Balance entwickeln. Eine Balance zwischen der Zeit, die man mit Maschinen um sich herum verbringt und der ohne. Für den einen reicht da ein ausgedehnter Spaziergang am Wochenende, obwohl er unter der Woche täglich vor dem PC sitzt. Ein anderer wiederum muss sich abends sportlich auspowern, ein gutes Buch zur Hand nehmen oder sogar meditieren.
    Ich denke weiter, der Kernpunkt ist, dass man sich immer bewusst macht, wie sehr Maschinen den Alltag erleichtern und nicht einfach alles für selbstverständlich nimmt. Und auch, sich immer die Möglichkeit offen zu halten, dass es vielleicht auch ohne gehen könnte (im Falle des Druckers vielleicht etwas schwerer umzusetzen, das Lieblingsshirt kriegt man aber sicher flott ausgewaschen 🙂 ).
    Ich selbst halte sehr viel davon, sich bewusst auch einmal Zeit ohne Smartphone und Co zu gönnen, sowohl abends, mindestens zwei Stunden bevor ich schlafen gehe oder auch gerne im größeren Stil, bei Reisen in die Wildnis :). Kommt man da dann zu sich und stellt fest, dass man auch ohne Handy, Waschmaschine, Drucker, Ubahn und so weiter auskommt, dann wird einem auch klar, dass wir immer noch Mensch sind und uns in unserer (so hoffentlich) erlangten Mündigkeit auch durchaus einmal von den Maschinen in unserem Leben trennen können – auch wenn das aufgrund der Bequemlichkeit, die wir dafür vielleicht aufgeben müssen, immer schwerer werden kann.

    Alena

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