Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Die Maschine steht still als “a counterblast to one of the heavens of H. G. Wells”

Zu den prägendsten Ereignisse im viktorianischen England gehören wohl die exponentielle
Entwicklung des technischen Fortschritts durch die industrielle Revolution und die
Veröffentlichung von Darwins Buch On the origin of Species, in dem er die Evolutionstheorie
darlegt. Diese Entwicklungen führten – neben positiven Erwartungen – auch zu einem
sorgenvollen Blick in die Zukunft. In der Literatur etablierte sich das Genre des Science
Fiction und der Dystopie, welches die immer größer werdende Macht dieser neuen
Errungenschaften argwöhnisch betrachtete. Eines dieser literarischen Werke ist
Die Maschine steht still von E.M Forster, welches 1909 erstmals veröffentlicht wurde.
Er selbst beschreibt es in seinem Vorwort als „a counterblast to one of the heavens of H.G.
Wells“ (vgl. Forster 1947). Möglicherweise, als “counterblast” zu dem 1895 erschienenen Werk
von Wells, Die Zeitmaschine.

Da sich “counterblast” im deutschen in etwa mit “vehemente Antwort” übersetzen lässt, stellt
sich die Frage, worin genau könnte die Antwort auf Die Zeitmaschine legen? Um dies näher
beschreiben zu können, muss man zunächst einen näheren Blick auf das Werk von Wells werfen.

In Die Zeitmaschine reist der Protagonist mit Hilfe einer Zeitmaschine in die Zukunft. Hier trifft er
auf eine in zwei Klassen geteilte Gesellschaft, welche durch die Eloi und die Morlocks
verkörpert wird. Da Wells, der 1866 geboren wurde, schon während seiner Kindheit mit dem
viktorianischen Klassensystem konfrontiert wurde, ist es nicht verwunderlich, dass er dies auch
in seinem Roman reflektiert (vgl. Hammond 2004, 62ff). Die Eloi, welche als klein, schön, naiv
und unbekleidet dargestellt werden, sollen hierbei die Entwicklung der oberen Mittelschicht
darstellen. Da diese eher dümmlich sind, den ganzen Tag nichts machen und wie kleine Kinder
nur spielen wollen, scheinen sie dem Hedonismus komplett verfallen zu sein. Der Protagonist
des Buches beschreibt die Entwicklung der Eloi wie folgt: „The too-perfect security of the
Upperworlders had led them to a slow movement of degeneration, to a general dwindling in size,
strength, and intelligence” (Wells 1895, 92).

Im Gegensatz dazu stehen die Morlocks, deren Name sich von dem lateinischen Wort für Tod
„mors“ ableiten lässt. Als unmenschlich und tierartig bezeichnet (vgl. Wells, 92), stellt diese
Schicht die Entwicklung der Arbeiterklasse da. Sie leben unter der Erde und scheinen zunächst
für die Eloi zu arbeiten. Jedoch stellt der Protagonist des Romans schnell fest, dass die
Verhältnisse sich mittlerweile umgekehrt haben. Die Morlocks halten die Eloi durch Maschinen,
um welche sie sich unter der Erde zu kümmern scheinen, lediglich am Leben, da sie diese als
Nahrung benutzen. Hiermit beschreibt Wells seine Kritik an der Unterdrückung der Arbeiter und
dem damit unausweichlichen Aufstand jener Völkerschicht (vgl. sparknotes.com). Die
Darstellung der beiden unterschiedlichen evolutionären Ausprägungen lässt sich anhand Wells‘
großem Interesse an der Evolution erklären. So war er der Meinung, dass man nicht wissen
könnte, in welche Richtung sich der Mensch weiterentwickeln würde (vgl. Hammond 2004, 9).

Ebenso wie Wells war der 1879 geborene E.M. Forster Humanist (vgl. Forster 1938; Wells
1930). Die Menschen in Die Maschine steht still werden jedoch, anders als bei Wells, stark
negativ wertend charakterisiert, denn sie sind lediglich „(…) ein in Tücher gewickelter
Fleischberg, (…) mit einem Gesicht weiß wie ein Pilz“ (Forster 2017, 1). In ihren wabenartigen
Zimmern leben die Menschen auf eine passive Weise und scheinen durch die Maschine
komplett entmündigt zu sein (vgl. Blogbeitrag Mensch und Maschine – oder: Der menschliche
Fortschritt hin zum Diktat der Maschinen). Die Maschine raubt den Menschen ihre Individualität,
ihre Verlangen aus der Routine zu entfliehen und verweigert ihnen auch zwischenmenschliche
Beziehungen, da zum Beispiel die Fortpflanzung durch die Maschine bestimmt wird. All dies
waren Punkte, die Forster für extrem wichtig hielt (vgl. Forster 1938). Die Maschine, welche sich
zu einer „Gottheit“ weiterentwickelt hat (vgl. Blogbeitrag Beten wir in Zukunft eine Maschine an?),
ist demnach nicht nur ein Indikator des Fortschritts nach der industriellen Revolution, sondern
spiegelt eine komplette Umkehrung von Forsters Werten
wider.

Vergleicht man die beide Werke miteinander, lässt sich feststellen, dass es in beiden Romanen
eine degenerierte Menschheit und damit einen Verlust der Menschlichkeit gibt, die
schlussendlich zum Ende der uns bekannten Menschheit führt. Es ist unklar, ob der
kontinuierliche technische Fortschritt der Grund dieser Entwicklung der Menschheit in Die
Zeitmaschine ist. Klar ist, dass alle Lebewesen auf der Erde bei Wells einen natürlichen,
evolutionären Tod finden. Forsters Antwort hierauf sieht jedoch wesentlich dunkler aus. Denn
hier wird die Maschine klar negativ konnotiert. Die Menschen werden durch diese so stark
intellektuell degeneriert, dass sie ohne sie nicht mehr selbstständig überleben können. Auch
wird die Maschine so mächtig und unüberblickbar, dass, als diese am Ende kaputt geht,
niemand mehr in der Lage ist sie zu reparieren. Das Vertrauen und die Macht, welches sie
dieser „Gottheit“ der industriellen Revolution gaben, kostet den Menschen also das Leben.
Forster sieht demnach, anders als bei Wells beschrieben, kaum etwas Positives in dem
technischen Fortschritt, sodass er sogar so weit geht und mit Die Maschine steht still den
Menschen einen grausamen Tod prophezeit.

Die Entwicklung der Menschen hängt laut dieser beiden Autoren, also von unterschiedlichen
Faktoren ab. Die Frage ist nun: Wie sieht es in der heutigen Zeit aus? Gibt es technische
Entwicklungen, die ebenso wie bei Forster, zur Degeneration und damit vielleicht sogar dem
Ende der uns bekannten Menschheit führt?

 

Über die Autorin:

Mein Name ist Lara Kassing und ich studiere an der FAU Theater- und Medienwissenschaft und Anglistik. Durch mein großes Interesse in an Literaturwissenschaftlicher Analyse, habe ich mich dazu entschieden, diesen Blogbeitrag zu schreiben. Meine Faszination in diesem Bereich beruht vor allem auf der Tatsache, dass Bücher oder Texte aus unterschiedlichen Perspektive gelesen werden können und so eine neuen Bedeutung oder sogar schon einen neuen Inhalt bekommen können. Auch bei Wells hatte ich diesen Fall, da ich seine Bücher bisher immer nur dem Sciences Fiction zugeordnet, sie aber nie aus einer Dystopischen/Utopischen Perspektive gelesen habe.

Literatur:
„What I Believe“ by H.G. Wells, The Forum, August 1930; HTML: https://www.unz.org/Pub/Forum-1930aug-
00065?View=PDF (Stand: 18.02.2018)
Forster, E.M. (1909): The Machine Stops.
Forster, E.M. (1947): The Collected Tales of E.M Forster.
Forster, E.M. (1938): What I believe.
Wells, H.G (1985): The Time Machine.
Hammond, John (2004): H.G. Wells’s The Time Machine: A Reference Guide.
http://www.sparknotes.com/lit/timemachine/section4/

Ein Kommentar zu “Die Maschine steht still als “a counterblast to one of the heavens of H. G. Wells”

  1. Anna Dittrich sagt:

    Liebe Lara,

    ich finde deine Gegenüberstellung der beiden Werke wirklich spannend.
    Denn tatsächlich die Frage, wie der Mensch oder besser gesagt die Menschheit sich weiter entwickeln wird, ist meiner Meinung nach schwer zu beantworten. Die interessanteste Theorie, die mir in dem Komtext bekannt ist, ist die, dass menschliche Körper überflüssig sein werden. Das Bewusstsein der Menschen wird in einen Roboter verpflanzt. Damit würden wir die größte Grenze der Biologie überschreiten: den Tod. Denn wer über keinen organischen Körper verfügt, kann auch nicht sterben.
    Das entspricht zwar nicht der Vorstellung, die Wells oder Forster hatten. Aber Forster fokussiert sich in seinem Werk ebenfalls auf eine Maschine, die das Leben der Menschen bestimmt.
    Ich persönlich bin der Meinung, dass wir ein immer engeres Verhältnis und damit einhergehend eine größere Abhängigkeit zu den Maschinen in unserem Alltag erzeugen. Ob das aber wirklich in der Katastrophe endet, kann nun keiner vorraussagen. Möglicherweise ist eine Symbiose zwischen Mensch und Maschine sogar ein Happy Ending.

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