Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Trägt die Maschine aus „Die Maschine steht still“ zur Entmenschlichung der Menschheit bei?

Ob groß oder klein, jung oder alt, Mann oder Frau, unabhängig von Kultur und Religion – eines haben wir alle gemeinsam: Wir sind Menschen. Unser „Mensch-Sein“ verbindet uns alle, so unterschiedlich wir auch sein mögen. Doch was genau macht dies eigentlich aus? Unsere Anatomie, also, dass wir über zwei Arme, zwei Beine, Hände inklusive des evolutionär extrem vorteilhaften Daumens verfügen? Ich behaupte, nicht ausschließlich. Denn die Anatomie klassifiziert uns zwar biologisch gesehen als Tierart Mensch. Aber ist „Mensch-Sein“ nicht mehr als nur ein biologischer Unterschied zu anderen Lebewesen?

Vielleicht macht unser, im Vergleich zu anderen Tierarten überdurchschnittlich leistungsfähiges, Gehirn unsere Menschlichkeit aus. Im Gehirn werden die Reize, die wir aufnehmen, verarbeitet und  koordiniert und darauf aufbauend führen wir unsere Handlungen aus. Der Mensch ist das intelligenteste Lebewesen, das es bisher gibt. Wir sind im Stande zu reflektieren, zu analysieren und zu hinterfragen. Diese Möglichkeit des Ausschöpfens des eigenen Verstandes ist eine unserer herausragendsten Eigenschaften.

Doch was ist, wenn wir genau diese Möglichkeit nicht mehr nutzen? Wenn wir aufhören zu hinterfragen, uns abhängig machen und nicht mehr selbstständig denken? So ein Szenario tritt zum Beispiel in dem Roman „Die Maschine steht still“ von E.M. Forster ein. In diesem Roman wird den Menschen, die in ihren isolierten Zellen unter der Erde zu fett und träge zum Aufheben von heruntergefallenen Sachen und zu bequem zum eigenen Denken sind, letztendlich von der alles beherrschenden Maschine die Selbstbestimmung genommen.

Ein bezeichnendes Beispiel: „Der Mann, der das BUCH fallen gelassen hatte, befand sich auf der Rückreise. Er was zur Vermehrung seiner Art nach Sumatra geschickt worden.“ (Forster, 2016, S.30). Die Maschine bestimmt also, wer sich mit wem fortpflanzen darf, bestimmt somit über einen der ältesten Triebe der Menschen, ohne dafür von den Menschen in Frage gestellt zu werden. Ebenso werden im Roman „zu starke“ Babys von der Maschine direkt nach der Geburt selektiert und getötet. Dass dies toleriert wird, zeugt ebenfalls von der Macht der Maschine über die Menschen, die diese Selektion nicht zu reflektieren scheinen.

Lediglich ein einziger Charakter im Roman beherzigt noch Kants Worte, „Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Kant, 1781) Kuno, einer der Menschen, der wie die anderen unter der Erde wohnt, kritisiert das System der Maschine. Er möchte eigene Entscheidungen treffen, wie zum Beispiel an die Oberfläche zu gelangen. Damit ist er der Einzige, der selbstständig handelt. Denn auch wenn die Menschen in Forsters Roman selber entscheiden dürfen, wann sie schlafen gehen oder welche Musik sie hören wollen, so ist dies kein wirklich selbstbestimmtes Handeln. Denn hierbei handelt es sich nur um Auswahlmöglichkeiten, die ihnen von der Maschine gegeben werden. Kuno dagegen überschreitet die festgelegten Grenzen der Maschine durch seinen Besuch an der Oberfläche.

Wenn man das Ausschöpfen des eigenen Verstandes, das eigenständige Denken, ja, die Unabhängigkeit von einem System als Autonomie versteht – dann haben die Menschen in der Dystopie „Die Maschine steht still“ ihre Autonomie verloren.Die Folgen dieses Autonomieverlustes zeigen sich am Ende des Romans. Die Maschine geht kaputt, die Menschen wissen nicht weiter ohne sie, sie können gar nicht mehr ohne. So sterben sie zu Tausenden in der Dunkelheit.

Insofern wird den Menschen von der Maschine mit ihrer Autonomie auch ein Teil ihres „Mensch-Seins“ genommen. So gesehen trägt die Maschine also zur Entmenschlichung des Menschen und damit zum Untergang der Menschheit bei. Und das, obwohl sie eigentlich dafür konstruiert wurde, den Menschen zu helfen!

Ob groß oder klein – unsere Menschlichkeit verbindet uns. Und egal, was sie nun letztendlich ausmacht, man sollte sie sich nicht nehmen lassen, denn was verbindet uns Menschen dann noch?

 

Quellen:

Forster, E.M. (2016): Die Maschine steht still, Hamburg, HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH, neue Übersetzung nach Gregor Runge

Kant, Immanuel (1781): Die Kritik der reinen Vernunft

 

Über die Autorin:

Mein Name ist Anna Dittrich. Ich studiere im 4. Semester Pädagogik und Politikwissenschaft an der FAU Erlangen- Nürnberg. Den Roman „Die Maschine steht still“ hatte ich bereits gelesen und als ich das Angebot eines Seminars dazu sah, zögerte ich nicht lange und belegte es. Eine Wahl, die ich nicht bereue, denn die Diskussionen um die dystopische Zukunft und den Fortschritt der Technologie waren sehr anregend. Vor allem die moralischen Fragen, zu denen auch die Frage nach der Menschlichkeit gehört, weckten mein Interesse, wie man diesem Blogpost entnehmen kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Kommentar zu “Trägt die Maschine aus „Die Maschine steht still“ zur Entmenschlichung der Menschheit bei?

  1. Lara Kassing sagt:

    Hallo Anna,

    dein Beitrag ist wirklich unglaublich interessant! Ich finde die Frage nach der Menschlichkeit ist eine Sache, die man sich in letzter zeit bestimmt öfters Mal gestellt. Besonders die traurige Frage, ob wir uns nicht mittlerweile sogar unsere Menschlichkeit selbst entreißen? Ich bin der Meinung, dass es vielleicht nur eine Menschlichkeit gibt, sondern jeder Mensch zu dieser seine teil beitragen kann. Ob und wie man das macht, liegt am Ende bei jedem selber. So sehe ich diese in Zukunft nicht nur wegen der aufkommenden „Macht“ der Maschine gefährdet, sondern auch durch uns selbst.

    Dennoch finde ich die Perspektive, welche Forster in seiner Buch annimmt, unglaublich realistisch. Den ganzen Tag verbringen die meisten Menschen ihr Leben nur noch vor dem Fernseher oder dem mobilen Endgerät und sehen nicht was um sie herum passiert. Die meisten Menschen bemerken nicht, eben so wie die Menschen in „Die Maschine steht still“, dass ihnen die Autonomie genommen oder zumindest eingegrenzt wird. Ich vermute ob und wie wir in Zukunft damit umgehen werden, damit die Vorstellungen von Forster nicht wahr werden, wird sich sicherlich im Laufe der nächsten Jahrzehnte zeigen.

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