Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Klimaneutrale Buchproduktion – Verlagskonzepte

 

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ ist in aller Munde. Doch habt ihr jemals ein Buch in den Händen gehalten und euch gefragt, ob dieses Buch auch nachhaltig ist? Vermutlich nicht, da das Buch kulturell bedingt einen guten Ruf hat und somit kaum einer auf die Ökobilanz schaut. Neuerdings jedoch mag das vielleicht passieren, da immer mehr Bücher einen kleinen Aufkleber haben, der mitteilt, dass der Verlag „klimaneutral“ produziert. Doch wie kann ein Buch klimaneutral hergestellt werden und was bedeutet das? Wie viele Verlage arbeiten an solch einem Konzept oder sind schon Teil davon?

Bei der Produktion von Medien entstehen, wie bei jedem anderen Produktionsprozess auch, Emissionen, die unvermeidbar sind. Klimaneutral bedeutet in diesem Zusammenhang daher, dass entstandene Emissionen an anderer Stelle eingespart werden. Es wird also versucht einen Ausgleich zu schaffen. Die Alternative zur Kompensation von Emissionen ist der Versuch, die Emissionswerte zu senken oder gar ganz zu vermeiden.[1]

Nach Aussagen von Joerg Pfuhl (CEO der Holtzbrinck Verlagsgruppe) sind 72% der Emissionen der Buchverlage, die zur Holtzbrinck Verlagsgruppe gehören, auf die Papierherstellung zurückzuführen. Der Transport verursacht 15% der CO2-Emissionen und der Energieverbrauch 6%. Ein einziges Buch verursacht im Schnitt ca. 400g CO2. Der Rest geht auf Dienstreisen und das Pendeln der Mitarbeiter_innen zurück.[2]

Die Verlage bemühen sich die unvermeidbaren Emissionen auszugleichen. Dabei gehen sie wie folgt vor: Zunächst wird der Carbon-Footprint, also die CO2-Bilanz, berechnet (meist durch eine_n Klimaschutzberater_in), der beim Druck eines Produktes entsteht. Dabei wird unter anderem der Stromverbrauch, die Maschinenlaufzeit (sowohl die tatsächliche Laufzeit als auch die Langlebigkeit der Maschine), die Druckvorstufe (beinhaltet alle vorherigen Arbeiten zum Entwurf des fertigen Drucks) und die Endlogistik (der Weg vom Lager zum Endverbraucher) berücksichtigt. Dadurch berechnet sich die Gesamtmenge des Kohlenstoffdioxids, das für die Produktherstellung ausgestoßen wurde. Gleicht ein Verlag den Carbon Footprint durch Emissionskompensationen aus, so zahlt er zusätzlich zu den Produktionskosten noch Geld für das Klimaschutzprojekt.[3]

Bei Büchern ist der größte Anteil der entstehenden Kohlenstoffdioxid-Emissionen bedingt durch die Papierherstellung und den Papierverbrauch. Hier wird mit Klimaschutzprojekten versucht, die Abforstung auszugleichen. Beispielsweise beteiligt sich der Piper Verlag an dem Projekt „ReForest“. Piper gibt an, dass durch dieses Projekt 314.000kg CO2 kompensiert werden konnte.[4]

Was also tun die Verlage derzeit, um die klimaneutrale Buchproduktion zu ermöglichen?

Doch der Carbon Footprint ist nur ein Aspekt, der bei einer nachhaltigen Buchproduktion ins Gewicht fällt. Weitere Faktoren betreffen die Verpackung, den Druck an sich sowie die Endlogistik der Bücher.

Penguin Random House lässt beispielsweise die Bücher innerhalb Deutschlands oder in den Nachbarländern produzieren, sodass möglichst kurze Transportwege zu den Verbraucher_innen entstehen. Dies gilt allerdings nur für die deutschsprachigen Bücher der Verlagsgruppe. Erst kürzlich hat die Verlagsgruppe die „Healthy Printing Charta“ unterschrieben.[5] Damit sind sie die Verpflichtung eingegangen, „daran zu arbeiten, dass alle Inhaltsstoffe und Materialien in den Kreislauf zurückkehren und weiter genutzt werden können.“[6] Konkret bedeutet das, dass verwendete Leime zur Bindung des Buches oder auch die Druckfarben rückstandslos entfernt werden können.[7] Die für den Druck verwendeten Farben bestehen aus Pflanzenöl und sind frei von Mineralölen und anderen giftigen Stoffen wie Blei, Arsen, Quecksilber oder Chrom, die häufig als Bestandteil der Druckfarben verwendet werden.[8] Somit sind die Drucke uneingeschränkt recycelbar.

Aber nicht nur neue, sondern auch viele ältere Bücher (beispielsweise Stark von Ben Elton aus dem Jahr 1989) weisen ein Zeichen von klima- und ressourcenschonender Produktion auf: Das sogenannte Schmutztitelblatt (die erste Seite eines Buches) trägt Zertifizierungen, die bei umweltfreundlicher Papiergewinnung vergeben werden. Eines davon ist die FSC-Zertifizierung: „Sie steht für nachhaltige Waldwirtschaft und stellt sicher, dass die Unternehmen die Materialien aus verantwortungsvollen Quellen erhalten.“[9] Alternativ gibt es die Möglichkeit, auf Recyclingpapier zurückzugreifen; dieses besteht zu 100% aus wiederverwertetem Altpapier.

Konzepte der Verlage zur Klimaneutralität anhand verschiedener Verlagsgruppen

Hier ist zunächst zu vermerken, dass die Aussagen allesamt aus den jeweiligen Verlagshäusern stammen. Ebenso haben sich viele erst kürzlich zu Klimaneutralität verpflichtet.

Penguin Random House gehört zur Bertelsmann-Gruppe, diese ist ein internationales Medien-, Dienstleistungs- und Bildungsunternehmen, das in circa 50 Ländern weltweit aktiv ist. Mit dazu gehört die Verlagsgruppe Penguin Random House, mit Sitz in München, die auf Platz vier der umsatzstärksten Verlagsgruppen Deutschlands rangiert. Das Unternehmen verfolgt nach eigenen Angaben das Ziel, bis 2030 klimaneutral zu werden.[10] Jährlich soll der Anteil der klimaneutral produzierten Buchtitel um 20% gegenüber dem Vorjahr gesteigert werden. Bereits seit dem Jahr 2003 gibt es bei Bertelsmann eine Umweltinitiative, die Entscheidung gänzlich klimaneutral zu werden wurde jedoch erst im Jahr 2020 getroffen. So berichtet auch das Börsenblatt, das reichweitenstärkste Buch-Fachmagazin, von dem „Kurs auf Klimaneutralität“.[11] Erwähnenswert ist hier auch, dass verschiedene Geschäftsbereiche des Medienkonzerns aufgrund ihrer Komplexität und den infolgedessen unterschiedlich großen CO2-Fußabdrücken die Klimaziele unterschiedlich schnell erreichen werden.[12] Das Corporate Center soll als erstes diesen Schritt erreichen. Hier werden zentrale Dienstleistungen für das gesamte Medienunternehmen erbracht. Seine Funktionen sind unter anderem strategische Konzernplanung, Unternehmenskommunikation, Finanzen, Controlling und Personalmanagement.[13] Dass hier die Klimaneutralität früher erreicht wird, als beispielsweise in den Druckereien, ist demnach leichter, da hier der Energieverbrauch (z.B. von Computern) am höchsten zu Buche schlägt und dies mit Ökostrom ausgeglichen werden kann. Bei der Produktion hingegen kommt der Transport sowie der Ressourcenverbrauch noch mit in die Rechnung, sodass hier die Klimaneutralität nicht so schnell erreicht werden kann.

Auch die Holtzbrinck Verlagsgruppe will zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen. Mit einem selbst entwickelten Logo „Der Umwelt zuliebe“ weisen die Holtzbrinck Verlage auf ihr Engagement hinweisen.[14] Was sich dahinter verbirgt, kann auf der Website (https://www.holtzbrinckverlage.de/klimaneutralerverlag) nachgelesen werden. Informationen zum Papier, das verwendet wird, gibt es hier jedoch nicht. Die Gründe für die Entscheidung klimaneutral zu produzieren seien einerseits die Wünsche der Verlagsmitarbeiter_innen, die bei gesellschaftlich relevanten Themen wie dem Klimawandel und dem Umweltschutz ihre Meinung vertreten würden, sowie der hohe Energiebedarf, der bei der Papierproduktion anfalle.[15]

Neben den größten deutschen Publikumsverlagsgruppen zieht auch Springer Nature, eine wissenschaftliche Verlagsgruppe und ebenfalls zugehörig zur Holtzbrinck Gruppe, nach und bestätigt die zukünftige klimaneutrale Produktion. Die Verlagsgruppe zählt zu den zehn umsatzstärksten Verlagsgruppen der Welt und ist derzeit der umsatzstärkste Verlag in Deutschland.[16]

Betrachten wir nun noch einen kleineren Verlag im Vergleich zu den großen Verlagsgruppen, den Oekom Verlag. Oekom wurde 1989 gegründet mit dem Wunsch, alternativen Konzepten und grünen Ideen im Buchmarkt einen Platz zu geben. Nach eigenen Aussagen bilden Ökologie und Nachhaltigkeit das Fundament der Unternehmensphilosophie.[17] Auch Oekom achtet auf Regionalität und umweltschonende Arbeitsweisen in Sachen Druck sowie auf den Verzicht von Einschweißfolien. Bei der der Wahl des Papiers jedoch unterscheidet sich Oekom von den bisher genannten Verlagen. Während Penguin Random House auf FSC-zertifiziertes Papier, (also frisches Papier) zurückgreift, greift Oekom zu Papier, das mit dem Blauen Engel gekennzeichnet ist. Oekom verwendet hier also die nachhaltigere Alternative, da ihr Papier zu 100% aus Altpapier besteht.

Oekom achtet jedoch weitsichtiger auf Nachhaltigkeit als beispielsweise die Verlagsgruppe Bertelsmann. So möchte Oekom sein Konzept wirklich auf jeden Funktionsbereich übertragen und bezieht sogar die Beschaffung von umweltfreundlichen Möbeln in ihre Planungen mit ein.[18] Bertelsmann spricht vor allem von Emissionen, die gesenkt oder vermeidet werden sollen.[19]

Abschließend betrachtet kann man sagen, dass Oekom sich sicherlich mehr der Nachhaltigkeit verpflichtet hat (das zeigt sich auch in ihrem Verlagsprogramm) als die großen Verlagsgruppen. Oekom wurde schon mit dem Ziel gegründet, nachhaltig zu sein und zu nachhaltigem Denken anzuregen. Man kann jedoch den größeren Verlagen nicht Green-Washing vorwerfen, denn sie bewerben nicht nur einzelne Projekte oder Aktionen der Verlage, um ihre Marke „grün“ zu halten, sondern arbeiten systematisch daran, den ganzen Produktionsablauf klimaneutral und nachhaltig zu gestalten. Aufgrund der Größe der Verlagsgruppen (und im Falle der Mediengruppen müsste man ja auch Film und TV miteinbeziehen) gestaltet sich dies jedoch als ein Entwicklungsprozess, der nur sukzessive umgesetzt werden kann. Wenn ich also hier von Bertelsmann oder Holtzbrinck rede, beziehe ich mich lediglich auf deren Buchproduktion. Aber klar ist auch, dass es sicherlich Unterschiede gibt, inwiefern die Verlage die Nachhaltigkeit als Herzenssache ansehen oder eben als Verpflichtung aufgrund der Gesellschaft, die ein Umdenken verlangt.

Ein Trend, der noch in den Kinderschuhen steckt

Abschließend ist zu vermerken, dass die klimaneutrale Buchproduktion ein Trend ist, der noch in den Kinderschuhen steckt. Die großen Verlagsgruppen haben sich fast allesamt erst im Jahr 2020 vollständig der umweltschonenderen Bücherproduktion verschrieben. Es scheint also eine notwendige Folge einer längerfristigen Entwicklung zu sein, denn auch im neuen Jahr 2021 ziehen einige Verlage nach.[20] Das bedeutet jedoch auch, dass noch viel Luft nach oben ist. Klar ist aber leider auch, „völlig emissionsfreie Produktions- und Arbeitsprozesse sind in der Buchproduktion nicht möglich“.[21] Der gänzliche Verzicht auf nicht-recycelbares Papier und Druckfarben scheint unmöglich. Umso wichtiger ist es also, dass darauf geachtet wird, weniger Emissionen zu erzeugen.

Für all diejenigen, die genauso buchaffin sind wie ich, ist es jedoch eine gute Nachricht, dass bereits daran gearbeitet wird, klimaneutrale Bücher herzustellen.

Dadurch, dass viele Verlage und Verlagsgruppen (nicht nur die oben genannten, es würde jedoch zu lange dauern alle aufzuzählen; eine Liste gibt es leider auch nicht) an einem klimaneutralen und nachhaltigen Konzept arbeiten, ist es leicht zu versuchen, nachhaltigere Bücher zu kaufen. Selbstverständlich ist es auch immer eine gute Idee, bereits gebrauchte Bücher zu kaufen. Aber das ist ein anderes Thema, das einen eigenen Blogbeitrag wert wäre.

-Verfasst von Paula Kuhn-

 

Quellen:

https://www.bertelsmann.de/meta/zahlen-und-fakten/  (Stand: 19.12.2020)

https://www.bertelsmann.de/verantwortung/engagement/projekt/klimaneutrale-buchproduktion-bei-der-verlagsgruppe-random-house.jsp (Stand 27.12.2020)

https://www.bertelsmann.de/news-und-media/nachrichten/bertelsmann-wird-bis-2030-klimaneutral.jsp (Stand 27.12.2020)

https://www.holtzbrinckverlage.de/klimaneutralerverlag/ (Stand 19.12.2020)

Kraatz, Katharina: Die ökonomischen und ökologischen Chancen der Vernetzung von klimaneutraler Medienproduktion und Dialogmarketing. 2010. https://monami.hs-mittweida.de/frontdoor/deliver/index/docId/938/file/Bachelorarbeit_BM07_Katharina_Kraatz.pdf (19.12.2020)

https://www.piper.de/piper-verlag-setzt-sich-fuer-eine-klimaneutrale-buchproduktion-ein (Stand 27.12.2020)

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157647/umfrage/die-zehn-groessten-verlage-in-deutschland-nach-umsatz-im-jahr-2009/ (Stand 28.12.2020)

https://www.randomhouse.de/UEber-die-Verlagsgruppe-Random-House/Umweltleitlinie/aid60988_12400.rhd (Stand 15.01.21)

https://www.boersenblatt.net/archiv/1812806.html (Stand 07.02.2021)

https://printelligent.de/co2-buch-vs-streaming/ (08.02.2021)

https://www.boersenblatt.net/archiv/1667635.html (08.02.2021)

https://www.boersenblatt.net/archiv/1667635.html (08.02.2021)

https://www.gabler-banklexikon.de/definition/corporate-center-56748 (11.02.2021)

https://www.oekom.de/wir-ueber-uns/c-37?p=37 (11.02.2021)

https://www.oekom.de/der-verlag/unsere-philosophie/stabsstelle-nachhaltigkeit-im-unternehmen/c-118 (11.02.2021)

 

[1] Vgl. Kraatz 2010, S. 15

[2] Vgl. https://www.boersenblatt.net/archiv/1667635.html (08.02.2021)

[3] Vgl. Kraatz 2010, S. 33

[4] Vgl. https://www.piper.de/piper-verlag-setzt-sich-fuer-eine-klimaneutrale-buchproduktion-ein

(27.12.2020)

[5] Weitere Informationen zur Healthy Printing Charta https://www.healthyprinting.eu/workspace/uploads/imagefolder/healthy-printing-charter-version-3-0_de_4.pdf (11.02.2021)

[6] https://www.bertelsmann.de/news-und-media/nachrichten/bertelsmann-wird-bis-2030-klimaneutral.jsp (15.01.2021)

[7] Vgl. https://www.randomhouse.de/UEber-die-Verlagsgruppe-Random-House/Umweltleitlinie/aid60988_12400.rhd (15.01.2021)

[8] https://www.dieumweltdruckerei.de/farben (07.02.2021)

[9] https://www.fsc-deutschland.de/de-de/der-fscr/prinzipien  (16.01.2021)

[10] Vgl. https://www.bertelsmann.de/meta/zahlen-und-fakten/ (19.12.2020)

[11] Vgl. https://www.boersenblatt.net/archiv/1812806.html (07.02.2021)

[12] Vgl. https://www.bertelsmann.de/news-und-media/nachrichten/bertelsmann-wird-bis-2030-klimaneutral.jsp (27.12.2020)

[13] Vgl. https://www.gabler-banklexikon.de/definition/corporate-center-56748 (11.02.2021)

[14] Vgl. https://www.holtzbrinckverlage.de/klimaneutralerverlag (22.02.2021)

[15] Vgl. https://www.boersenblatt.net/archiv/1667635.html (08.02.2021)

[16] Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157647/umfrage/die-zehn-groessten-verlage-in-deutschland-nach-umsatz-im-jahr-2009/ (19.12.2020)

[17] https://www.oekom.de/wir-ueber-uns/c-37?p=37. (11.02.2021)

[18] Vgl. https://www.oekom.de/der-verlag/unsere-philosophie/stabsstelle-nachhaltigkeit-im-unternehmen/c-118 (11.02.2021)

[19] Vgl. https://www.bertelsmann.de/news-und-media/nachrichten/bertelsmann-wird-bis-2030-klimaneutral.jsp (11.02.2021)

[20] Z.B. der Verlag Monika Fuchs vgl. https://verlag-monikafuchs.de/ab-2021-ist-der-druck-unserer-buecher-klimaneutral/ (22.02.2021)

[21] https://www.piper.de/piper-verlag-setzt-sich-fuer-eine-klimaneutrale-buchproduktion-ein (27.12.2020)

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