Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Back to the Roots: Heimisches Gemüse statt exotischer Superfoods

– Aspekte einer nachhaltigen Ernährung –

Es ist zur Normalität geworden: Ein Gang zum Supermarkt ist wie eine Reise um die Welt in zehn Minuten. Neben Äpfeln und Birnen liegen Ananas, Mangos und Avocados. Wir haben Zugriff auf Nahrungsmittel aus aller Welt. Eine Lebensmittelgruppe, deren Produkte gewöhnlich aus fernen Ländern geliefert werden, sind die sogenannten Superfoods.

 

 

 

 

 

 

ein Apfelbaum[1]                                                            ein Mangobaum[2]

Hierbei handelt es sich um Nahrungsmittel, welche als besonders gesund vermarktet werden, weil sie natürlicherweise einen hohen Anteil gesundheitsfördernder Nährstoffe beinhalten. Bekannte Beispiele sind Avocados, Chiasamen, Açaí-Beeren, Quinoa und Kokosnüsse, aber auch Kakao und Mandeln gehören dazu. Deutschland stellte 2016/17 nach den USA den zweit-wichtigsten Markt für Superfoods weltweit dar.[3] 2020 gaben bei einer Umfrage innerhalb Deutschlands 33% an, mindestens einmal wöchentlich Superfoods zu konsumieren – mindestens einmal im Monat sind es sogar 44%.[4] Gesunde Ernährung ist für viele Menschen wichtig, doch dasselbe gilt für Nachhaltigkeit. Da Superfoods meist von Übersee kommen und diese weiten Transportwege noch einmal deutlich umweltschädlicher sind als Transporte innerhalb Europas, sollten umweltbewusste Konsument:innen diese Nahrungsmittel hinterfragen. Dazu wollen wir uns im Folgenden einigen Aspekten genauer widmen.

Energieverbrauch und Emissionen durch Lebensmitteltransport

Der problemlose Zugriff auf exotische Lebensmittel ist für Verbraucher:innen ein großer Luxus, hat für die Umwelt jedoch gravierende Konsequenzen. Täglich werden tausende Tonnen Lebensmittel nach und innerhalb Deutschlands transportiert.[5] Der Lebensmittelimport nach Deutschland kommt hauptsächlich aus den Niederlanden, Polen und Italien[6]. Nur ca. vier Prozent aller Lebensmittel, die in Deutschland verbraucht werden, stammen aus Übersee, jedoch machen die Wegstrecken dieser vier Prozent im Vergleich zu allen anderen Lebensmitteln zwei Drittel aus. Die umweltschädlichsten Transporte sind per Luft, gefolgt von LKW, Bahn und Schiff. Letzteres ist zwar am „umweltfreundlichsten“, jedoch verbraucht es trotzdem noch elf Mal mehr Energie als der Transport von Produkten innerhalb Deutschlands.[7]

Energieverbrauch geht mit der Produktion von Abgasen einher. Die Abgase, welche beim Transport entstehen, sind immens. Hier der Richtwert: Der CO2-Ausstoß für ein Kilo Lebensmittel auf 1000 km Transportweg beträgt bei Flugzeugen 1000 Gramm, bei LKWs 200 Gramm, bei der Bahn 80 Gramm und bei Schiffen 35 Gramm. Im Vergleich: Für ein Kilo Lebensmittel aus Übersee, das per Schiff transportiert wird, können elf Kilo in Deutschland produziert werden; für ein Kilo Lebensmittel aus Übersee, das per Flugzeug transportiert wird, können 90 Kilo in Deutschland produziert werden. Würden nur Lebensmittel transportiert werden, die aus klimatischen Bedingungen nicht bei uns wachsen (Bananen, Kaffee, Tee), könnte man über 22% der Emissionen einsparen.[8]

Zwar kann man als Käufer:in auf die Herkunft des Produkts achten, allerdings werden Zwischentransportwege den Verbraucher:innen oft verschwiegen. Hier das Paradebeispiel Nordseekrabben: Sie werden in Deutschland gefangen und nach Marokko geschifft, wo sie gepult werden. Dann werden sie wieder nach Deutschland transportiert und hier verkauft. Auf der Verpackung steht nur „aus Deutschland“.[9] Leider fehlt also oft die Transparenz beim Einkaufen. Daher ist es aufgrund des CO2-Ausstoßes beim Transport sinnvoll, regional einzukaufen – zum Beispiel auf dem Wochenmarkt. Dadurch lässt sich auch Verpackungsmüll vermeiden.

Vorteile von saisonorientiertem Einkaufen

Wo die Transparenz grundsätzlich gegeben ist, ist bei der Saisonalität. Die Globalisierung und schnellen Fortschritte in der Technik machten es über die letzten Dekaden möglich, das ganze Jahr über Zugriff auf jegliches Obst und Gemüse zu haben, ob frische Tomaten im Januar oder Wintergemüse wie Kohl im Juni. Jedoch ist die Rundum-Verfügbarkeit von Produkten aus einer nachhaltigen Perspektive nicht allzu vorteilhaft. Denn dem nicht-saisonal geernteten Obst und Gemüse mangelt es, im Vergleich zur saisonalen Ernte, an gesunden Nährstoffen, da diese nicht so lange reifen können.[10] Außerdem bedeutet saisonal kaufen auch selbst kochen, denn das Gemüse ersetzt Fertigprodukte. Somit hat man immer den Überblick über die Zutaten und Inhaltsstoffe, die man zu sich nimmt. Wenn man sich an Saisonernährung hält, kocht man über das Jahr gesehen auch vielfältig, also gesund!

Auch der Geldbeutel profitiert. Man kann die Preisentwicklung von Obst und Gemüse gut nachverfolgen. Nähert man sich der Saison eines Produkts, sinkt der Preis, nähert man sich dem Ende der Erntezeit, steigt er wieder. Logisch, zur Erntezeit entsteht ein Überhang an Angebot, weswegen der Wert sinkt.[11] Ein Saisonkalender ist beispielsweise unter folgendem Link zu finden: https://utopia.de/ratgeber/saisonkalender-fuer-gemuese-obst/.[12]

Verpackungsmüll meiden

Was beim nachhaltigen Einkaufen ein wichtiger Aspekt ist, ist der Verpackungsmüll. Heutzutage ist allbekannt, dass Plastik schädlich für die Erde ist und schlecht entsorgt werden kann, weswegen man beim Lebensmitteleinkauf darauf achten sollte, es zu vermeiden. Bei Obst und Gemüse ist es noch am einfachsten, Produkte ohne Verpackung zu wählen, leider jedoch auch nicht immer. Zudem ist eine Verpackung natürlich nicht immer unumgänglich, man kann schließlich nicht Mehl oder Nudeln in Händen aus dem Laden tragen… Außer man besucht einen Unverpackt-Laden und bringt seine eigenen, wiederverwendbaren Behälter mit. Solltet ihr aber keinen Unverpackt-Laden in der Nähe haben und euch weiterhin fragen, wie ihr auf nachhaltige Verpackung achten könnt, möchten wir euch auf Maike Hitz’ Blogbeitrag „Umweltsünde Lebensmittelverpackungen? – Glas und Metall im Vergleich“ hinweisen, in dem sie sich mit den Unterschieden zwischen Glas und Aluminium beschäftigt hat.

Folgen des Anbaus von Superfoods

Nicht nur der hohe Energieverbrauch und die Menge an Emissionen sind als negative Auswirkungen des Konsums von Superfoods zu erwähnen, die Beeinträchtigung der Nachhaltigkeit dadurch ist noch um einiges komplexer. Betrachten wir dies einmal am Beispiel Kakao: Aufgrund des erhöhten Konsums wird mehr Fläche für den Anbau benötigt. Hierfür wird entweder der Platz anderer Pflanzen genutzt – was wiederum zur Abholzung führt – oder die bereits genutzte Fläche intensiver bewirtschaftet, beispielsweise mithilfe von Pestiziden und Düngern. Durch die veränderte Nutzung der Fläche gibt es weniger Vielfalt von Pflanzen und Tieren und diese ändern ihre Verhaltensweisen, was wiederum zu einer Veränderung der Böden führt. Zum Ausgleich wird wieder mehr Dünger benötigt, was abermals die Pflanzen- und Tierwelt beeinflusst – ein Teufelskreis.[13]

Auch auf der sozialen Ebene wirkt sich die erhöhte Nachfrage nicht unbedingt positiv aus, Beispiel Kokosnuss: Durch den intensivierten Anbau kann dieser nicht mehr traditionell ausgeführt werden, wodurch die Kosten für die Landwirt:innen steigen. Durch die nötige Veränderung ergibt sich – trotz erhöhter Einnahmen – eine Situation von geringerem Profit. 60% der Kokosnuss-Farmer lebt aber bereits unter der Armutsgrenze.[14]

Durch die erhöhte Nachfrage steigen auch die Preise der Produkte, wodurch die angestammte Bevölkerung teils selbst auf die Pflanzen verzichten muss, von denen sie sich traditionell ernährt hat. Dies ist zum Beispiel bei Quinoa der Fall.

Eine Konsequenz des intensivierten Anbaus ist weiterhin, dass die positiven Eigenschaften der Pflanzen, nämlich ihre ursprünglich außerordentlich hoher Nährstoffgehalt, geringer werden. [15] Dies könnte auch bei anderen „Superfood“-Erzeugnissen der Fall sein.[16] Somit wird der Hauptgrund für deren Konsum teilweise nichtig. Zudem ist dieser eigentlich überhaupt nicht notwendig. Man braucht keine exotischen Superfoods, denn es gibt genügend heimische Produkte mit ähnlichen Nährstoffen und/oder ähnlichem Geschmack. Dies ist eine ausführlichere Recherche wert, aber hier eine kurze Liste von Superfoods und ihren heimischen Gegenstücken:

Superfood Alternativen

  • Chiasamen -> Leinsamen
  • Quinoa -> Hirse
  • Goji-Beeren -> Sanddorn- oder Schwarze Johannisbeeren
  • Açaí-Beeren -> Heidelbeeren, Holunderbeeren, Brombeeren
  • Avocado -> Walnüsse (in Bezug auf ungesättigte Fettsäuren).[17]

Es gibt also ausreichend heimische Nahrungsmittel, um eine abwechslungsreiche, ausgewogene und zugleich umweltfreundliche Ernährung zu führen. Viele der hiesigen Gemüse- und Obstsorten kennen oder konsumieren wir heutzutage gar nicht mehr – es gibt folglich viel zu entdecken.

Das Konzept der Nachhaltigkeit bezieht sich also nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf das menschliche Wohlergehen. Regional und saisonal einzukaufen erfüllt diese Ansprüche: Es wird nicht nur auf die Umwelt Rücksicht genommen, sondern auch auf die Farmer, die eigene Gesundheit und den eigenen Geldbeutel.

Im Sommer ist die Auswahl an heimischer Ware groß; problematisch wird es eher im Winter. Wie wäre es, wenn wir uns gegenseitig dabei unterstützen, auch dann wieder mehr heimisches Gemüse zu konsumieren? Vielleicht habt Ihr einen Tipp, wie man Wintergemüse abwechslungsreich verarbeiten kann – oder ein Lieblingsrezept, das dringend geteilt werden möchte. Ihr dürft euch unten in der Kommentarspalte austoben, und wir fangen hier direkt an: https://vegan-taste-week.de/vegane-rezepte/kartoffel-brokkoli-auflauf. Pro-Tipp: Wenn man den Brokkoli durch Wintergemüse ersetzt, erfüllt das Rezept auch die Ansprüche. 😉 Guten Appetit!

-Verfasst von Sarah Meyer und Annalena Ewald-

 

Quellen

 BfR-Verbrauchermonitor 2020: BfR-Verbrauchermonitor 2020: Spezial Superfoods, Berlin 2020.

Glogowski 2011: Glogowski, Stella: „Nachhaltigkeit und Ernährung: Konzepte und Grundsätze in Deutschland“, in: Ernährungs Umschau, Jg. 11 (Nr. 9), 2011, S. B33-B36.

von Koerber 2006: von Koerber, Karl u. Kretschmer, Jürgen: „Ernährung nach den vier Dimensionen: Wechselwirkungen zwischen Ernährung und Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft und Gesundheit“, in: Ernährung & Medizin, Jg. 4 (Nr. 21), 2006, S. 178-185.

Magrach 2020: Magrach, Ainhoa u. Sanz, María José: „Environmental and social consequences of the increase in the demand for ‘superfoods’ world‐wide“, in: People and Nature, Jg. 2 (Nr. 2), 2020, S. 267-278.

Mintel Germany 2017: Mintel Germany: „Deutschland der weltweit zweit innovativste Markt für Superfoods“, Peter Haigh u. Richard Carr, Düsseldorf 2017, online zugänglich unter: https://de.mintel.com/pressestelle/deutschland-der-weltweit-zweit-innovativste-markt-fuer-superfoods [zuletzt geprüft am 29.01.2021].

Republic 2021: Republic, Elle: „Warum saisonale Lebensmittel so gut sind“, Daniel Scheel, Berlin o.J., online zugänglich unter: https://www.medizinfuchs.de/blog/leben/ernaehrung-erholung-fitness/warum-saisonale-lebensmittel-gut-sind/ [zuletzt geprüft am 03.03.2021].

Statistisches Bundesamt 2021: Statistisches Bundesamt: „51000-0007: Aus- und Einfuhr (Außenhandel): Deutschland, Jahre, Länder, Warensystematik“, Dr. Georg Thiel, Wiesbaden 2021, online zugänglich unter: https://www-genesis.destatis.de/genesis/online?operation=result&code=51000-0007&deep=true#astructure [zuletzt geprüft am 03.03.2021].

Verbraucherzentrale 2019: Verbraucherzentrale: „Superfood: Diese Alternativen sind gesund und günstig“, Oliver Havlat, Düsseldorf 2019, online zugänglich unter: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/gesund-ernaehren/superfood-diese-alternativen-sind-gesund-und-guenstig-28021 [zuletzt geprüft am 29.01.2021].

Volland 2015: Volland, Leena: „Lebensmittel-Transporte mit dem Flugzeug: Eine Infografik“, Florian Schreckenbach, Wiesbaden 2015, online zugänglich unter: https://nachhaltig-sein.info/privatpersonen-nachhaltigkeit/wirkung-von-lebensmittel-transporten-auf-umwelt-infografik [zuletzt geprüft am 30.01.2021].

wlw inside business 2021: wlw inside business: „Saisonale Lebensmittel: Wie die Jahreszeiten unsere Nahrungsaufnahme beeinflussen“, Peter F. Schmid, Hamburg o.J., online zugänglich unter: https://www.wlw.de/de/inside-business/branchen-insights/lebensmittel/saisonale-lebensmittel [zuletzt geprüft am 29.01.2021].

 

[1] Foto von Capri23auto, abrufbar unter https://pixabay.com/de/photos/apfel-apfelbaum-obst-frucht-3535566/

[2] Foto von sarangib, abrufbar unter https://pixabay.com/de/photos/mangobaum-mango-mangifera-indica-321075/

[3] vgl. Mintel Germany 2017

[4] vgl. BfR-Verbrauchermonitor 2020, S. 11

[5] vgl. Volland 2015

[6] vgl. Statistisches Bundesamt 2021

[7] vgl. Volland 2015

[8] vgl. ebd.

[9] vgl. ebd.

[10] vgl. Republic 2021

[11] vgl. Republic 2021

[12] [zuletzt geprüft am 03.03.2020]

[13] vgl. Magrach 2020, S. 270f

[14] vgl. ebd., S. 268ff

[15] vgl. ebd., S. 271

[16] vgl. ebd., S. 175

[17] vgl. Verbraucherzentrale 2019

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