Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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In-Vitro-Fleisch

 Die nachhaltige Alternative aus dem Labor schon bald zuhause auf dem Teller?

Ende des Jahres 2020 machte im Labor kultiviertes, sogenanntes In-Vitro-Fleisch (von lateinisch in vitro ‚im Glas‘), immer häufiger Schlagzeilen mit dem Versprechen, erstmals in Singapur im Supermarkt erhältlich zu sein.[1] Bereits im Jahr 2013 wurde durch moderne Technik so der erste Hamburger produziert und seither wird immer intensiver an einer Produktion und Vermarktung im großen Stil gearbeitet und geforscht.[2] Neben der moralischen Debatte über Tiertötung bei herkömmlicher Fleischproduktion sehen nämlich auch viele aufgrund der negativen Folgen für die Umwelt, die die Tierhaltung mit sich bringt, großes Potential im Laborfleisch. Ist In-Vitro-Fleisch aber tatsächlich nachhaltiger? Und wie plausibel ist es, dass wir es demnächst als Alternative im Supermarkt erhalten können? Genau dies wollen wir nun genauer betrachten, zunächst auch unter dem Aspekt der grundsätzlichen Notwendigkeit einer solchen Alternative.

Warum ist herkömmliche Fleischproduktion nicht besonders nachhaltig?

Dass unsere Massentierhaltung und Fleischproduktion oft schädlich für die Umwelt und das Klima ist, ist bestimmt vielen bereits bewusst, das Ausmaß und die Gründe dafür jedoch meist weniger. In Deutschland beträgt der Pro-Kopf-Fleischkonsum etwa 60 kg im Jahr und unter Einbeziehung von Tierfutter, der industriellen Verwertung sowie Produktverlusten steigt die Zahl sogar auf 87,8 kg im Jahr.[3] Aus diesem Grund müssen nicht nur täglich ca. 1,7 Millionen Hühner, 151.000 Schweine, 94.000 Puten und 9.500 Rinder und Kälber allein in Deutschland ihr Leben lassen, sondern auch die Umwelt und das Klima leiden stark darunter.[4] Die Nutztierhaltung ist nämlich mit einem Anteil von 18% für die anthropogen verursachten Emissionen von Treibhausgasen mitverantwortlich. Hauptverursacher dafür sind vor allem durch die Brandrodung von Wäldern für Futtermittelanbau und Weideland produziertes CO2, Lachgas aus dem Einsatz von Düngemitteln für Futtermittelanbau, sowie durch Rinderhaltung entstehendes Methan, welches der Verdauungsapparat von Wiederkäuern produziert.[5] Dadurch hat die herkömmliche Fleischproduktion weiterhin einen bedeutenden Anteil an der voranschreitenden globalen Erderwärmung und ist laut Greenpeace bereits für 60 Prozent der ernährungsbedingten Klimaemission verantwortlich.[6]

Wissenschaftler_innen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,6 Milliarden Menschen ansteigen wird und dadurch die Nachfrage nach Fleisch laut der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO gegenüber dem Jahr 2006 um 85 Prozent steigen wird.[7] Der Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika in der Tierzucht, welche wir schließlich mit dem konsumierten Fleisch aufnehmen, ist ein weiterer Nachteil der Fleischproduktion und kann gesundheitliche Probleme nach sich ziehen.[8] Auch die Verschmutzung von unserem Wasser durch solche Medikamente ist dabei eine bedenkliche Folge, wie Ihr in folgendem Beitrag unter anderem nachlesen könnt: https://blogs.fau.de/wissenschaftsreflexion/2021/03/08/medikamentenrueckstaende-die-unsichtbare-gefahr-in-unserem-trinkwasser/ . Natürlich ist es möglich, sich alternativ vegetarisch oder vegan zu ernähren. Falls Ihr euch beispielsweise für die Thematik der veganen Ernährung und ihre Vorteile interessiert, könnt ihr auch hierzu mehr darüber in einem eigenen Beitrag lesen, unter https://blogs.fau.de/wissenschaftsreflexion/2021/02/10/was-bewirkt-eine-vegane-ernaehrung-fuer-meine-gesundheit-und-die-umwelt/. Trotz dieser Möglichkeiten wollen viele jedoch nicht vollständig auf den Geschmack von Fleisch verzichten. Genau aus diesem Grund existiert In-Vitro-Fleisch: Ein Konsum ohne Verzicht und positive Auswirkungen für Umwelt und Klima.

Aber ist das überhaupt möglich?

Laborfleisch also als nachhaltige Alternative?

Zunächst einmal muss erläutert werden, wie die synthetische Herstellung von Fleisch überhaupt zustande kommt. Es handelt sich hierbei um eine Gewebezüchtung im Labor, wobei einem Tier zunächst Ausgangsstammzellen via Biopsie in einem schmerz- und tötungsfreien Prozess entnommen werden müssen. Das weitere Verfahren orientiert sich an dem Wissen der Biotechnik, mithilfe welcher bereits seit Jahren in der Medizin Transplantate für Schwerbrandverletzte gezüchtet werden. Die entnommenen Stammzellen aus Muskelgewebe werden in eine Nährlösung gegeben, in welcher sie sich teilen, vermehren, erst zu Muskelzellen und anschließend zu Muskelfasern selbstständig zusammenschließen. Damit eine authentisch fleischige Textur erreicht werden kann, werden die Fasern ähnlich wie echte Muskeln trainiert, indem sie mechanischen und elektrischen Impulsen ausgesetzt werden. Das fertige Produkt lässt sich schlussendlich sogar unter dem Mikroskop nicht von normal gewachsenem Fleisch unterscheiden und ist daher auch geschmacklich identisch.[9]

Neben dem Tierleid, welches vermieden wird, ist ein großer Vorteil des Laborfleischs, dass lediglich die Teile des Tieres produziert werden, die auch tatsächlich verzehrt werden. Man vermeidet auf diesem Weg also die hohe Menge Schlachtabfälle wie Haare oder Knochen, welche normalerweise anfällt.[10] Zusätzlich wissen Verbraucher_innen genau, was in dem Fleisch enthalten ist. Die bestehende Problematik der Belastung von Fleisch mit Antibiotika und anderen chemischen Substanzen sowie die Übertragung von Krankheitserregern wird eliminiert bzw. eingedämmt, weswegen das Fleisch auch oft den Namen Clean Meat trägt.[11]

Schließlich ist die Produktion von In-Vitro-Fleisch ein Gewinn für die Umwelt und den Wunsch nach Nachhaltigkeit. Da hier keine Massentierhaltung stattfindet, verschwinden auch die negativen Auswirkungen, die diese mit sich bringt. Auch die Öko-Bilanz des Laborfleischs ist sehr gut. Die Produktion von 1.000 kg In-Vitro-Fleisch spart im Vergleich zur herkömmlichen Produktion zwischen 7% und 45% im Energieverbrauch ein und der Ausstoß von Treibhausgasen ist mit einer Reduktion zwischen 78% und 96% auch deutlich geringer. Weiterhin wird 99% weniger Land benötigt, der zuvor benötigte Wasserverbrauch um bis zu 96% reduziert und es findet im Allgemeinen eine erwartete Senkung der Klima-Emissionen um 80% statt.[12] Zusätzlich sollte man auch nicht vergessen, dass das Verfahren noch in seinen Anfängen steht und daher immer weiter an Verbesserungen gearbeitet wird.

Wie plausibel ist es, dass wir Laborfleisch bald im Supermarkt kaufen können?

Nachdem die Vorteile von In-Vitro erläutert wurden, bleibt die Frage, ob und wann ich das Clean Meat denn nun im Supermarkt käuflich erwerben kann und wie wahrscheinlich es ist, dass es das herkömmliche Fleisch ersetzt. Nachdem die Kosten des ersten produzierten In-Vitro-Burgers 300.000 Dollar betrugen, scheint es sich hier eher um ein sehr kostspieliges Vergnügen zu handeln. Forscher:innen konnten diesen Preis jedoch bereits hypothetisch auf ca. 10 Euro pro Burger senken, vorausgesetzt es handle sich um eine Umsetzung in Massenproduktion. Davon seien wir aber noch einige Jahre entfernt, wodurch sich schwer genaue Prognosen für die Zukunft treffen lassen. Es ist aber davon auszugehen, dass wir nicht allzu bald damit rechnen können. Dennoch arbeiten die investierenden Konzerne daran, das Laborfleisch in die Massenproduktion zu bringen und eventuell sogar günstiger als normales Fleisch anzubieten.[13]

Wie steht ihr zu diesem Thema? Würdet Ihr In-Vitro Fleisch eine Chance geben oder schreckt der Gedanke von Fleisch aus dem Labor euch eher ab?

-Verfasst von Shirin Bardag-

 

Quellen:

Ahrens, Sandra (2021): https://de.statista.com/themen/1315/fleisch/ [aufgerufen am 28.02.2021]

Böhm, Inge (2016): Visionen von In-Vitro-Fleisch. In TATuP – Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, 01 April 2016, Vol.25(1). Karlsruhe, Institute for Technology Assessment and Systems Analysis (ITAS).

Brandt, Mathias (2020): https://de.statista.com/infografik/22076/anzahl-der-durchschnittlich-pro-tag-in-deutschland-geschlachtete-tiere/ [aufgerufen am 28.02.2021]

Deutscher Bundestag (2018): https://www.bundestag.de/resource/blob/546674/6c7e1354dd8e7ba622588c1ed1949947/wd-5-009-18-pdf-data.pdf [aufgerufen am 28.02.2021]

Ferrari, Arianna (2014): Ethik des Essens: In-vitro-Fleisch und „verbesserte Tiere“. In TATuP – Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, 01 April 2015, Vol.24(1). Karlsruhe, Institute for Technology Assessment and Systems Analysis (ITAS).

Greenpeace (2018): https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/05.03.18_greenpeace-report_weniger_ist_mehr_-_weniger_fleisch_und_milch.pdf [aufgerufen am 28.02.2021]

Redaktion Fleischwirtschaft.de (2020): https://www.fleischwirtschaft.de/wirtschaft/nachrichten/US-Startup-Eat-Just-Erste-Zulassung-fuer-In-Vitro-Fleisch-43457  [aufgerufen am 28.02.2021]

REWE (oD): https://www.rewe.de/ernaehrung/in-vitro-fleisch/#:~:text=K%C3%BCnstliches%20Fleisch%3A%20ein%20Langzeit%2DProjekt&text=Der%20Geschmack%20war%20zufriedenstellend%2C%20der,lebenden%20Tieren%20schmerzfrei%20entnommen%20werden. [aufgerufen am 28.02.2021]

Statista (2021): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36573/umfrage/pro-kopf-verbrauch-von-fleisch-in-deutschland-seit-2000/#statisticContainer [aufgerufen am 28.02.2021]

Umweltbundesamt (2013): https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/kbu-stellungnahme_januar_2013.pdf [aufgerufen am 28.02.2021]

 

[1] Vgl. Fleischwirtschaft.de.

[2] Vgl. Ferrari 2014, S.115.

[3] Vgl. Ahrens 2021; vgl. Statista 2021.

[4] Vgl. Brandt 2020.

[5] Vgl. Ferrari 2014, S. 115-116.

[6] Vgl Greenpeace 2018, S.6.

[7] Vgl. Umweltbundesamt 2013.

[8] Vgl. Deutscher Bundestag 2018, S. 4.

[9] Vgl. ebd., S. 4-10.

[10] Vgl. Greenpeace 2018 S. 40.

[11] Vgl. Deutscher Bundestag 2018, S.4.

[12] Vgl. Böhm 2016, S. 70.

[13] Vgl. Rewe (Od).

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