Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Nachhaltige Unternehmen: Wirtschaft und Gesellschaft neu denken

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist in den letzten zehn Jahren in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Kaum mehr gibt es Talkshows, in denen Politiker:innen, Unternehmer:innen oder andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens den Begriff nicht verwenden. Es kann definitiv gesagt werden, dass die Nachhaltigkeit zum Status quo ein Buzzword ist und für die Gesellschaft sukzessiv eine größere Bedeutung spielt.
Doch wenn man Nachhaltigkeit hört, so ist die erste Assoziation in der Regel eine, die auf die ökologische Ebene verweist. Der Klimawandel und der Kampf dagegen ist unmittelbar mit diesem Begriff verbunden. Das ist zwar richtig und sicherlich ist diese Assoziation auch ein wichtiger Indikator, um den Begriff der Nachhaltigkeit greifbar zu machen, doch trotzdem wird es dem mittlerweile doch so prägnanten Begriff nicht gerecht ihn nur auf die ökologische Ebene anzuwenden. Das wäre naiv. So möchte ich im folgenden Beitrag ein Konzept aus der Ökonomie betrachten – die Triple Bottom Line. Dieses werde ich definieren und charakterisieren.
Die Triple Bottom Line umfasst drei Dimensionen, nämlich die soziale, ökologische und die ökonomische Dimension.1 Innerhalb dieses Konzeptes wird versucht eine Richtlinie vorzugeben, um die Idealtypen der drei Dimensionen in verschiedenen Unternehmen zu institutionalisieren. Die Begriffe des Sozialen, Ökologischen und des Ökonomischen sind dabei als nachhaltig zu verstehen. Die Grundprämisse ist die ökonomische Dimension, die innerhalb des Modells vorgibt, dass die ökonomische Nachhaltigkeit nur dann gewährleistet ist, wenn die Erlöse, die erzielt werden, nur marginal über den Aufwendungen liegen. So schließt es implizit das Ziel eines herkömmlichen, kapitalistischen Unternehmens aus – nämlich das der Gewinnmaximierung. Einhergehend mit dieser Motivation kommt es, entgegen der Philosophie eines nachhaltigen Unternehmens, oft zu einer Überproduktion, wobei es in der Natur der Sache liegt, dass diese nicht nachhaltig sein kann.
Die ökologische Dimension schreibt vor, dass Rohstoffe nur dann verwendet werden dürfen, wenn diese letztendlich auch in dem Maße reproduziert werden können, wie sie verbraucht werden. Ein weiterer Indikator des Ökologischen ist der Schadstoffausstoß. Die Unternehmen dürfen keine Emissionen verursachen, welche die Natur nachhaltig schädigen würden. So darf das Unternehmen nicht zu einer Instabilität des Klimas beitragen.2
Den Kern der sozialen Dimension stellt sicherlich die Kommunikation mit den unternehmensrelevanten Stakeholdern dar. Diese sind Anspruchsgruppen, die eine Erfolgsaussicht für das Unternehmen garantieren, sofern die Interessen aller Stakeholder wahrgenommen werden und diese dementsprechend zufrieden sind. Die Stakeholder werden durch viele verschiedene Akteur:innen charakterisiert. So sind sowohl Mitarbeiter:innen und Lieferant:innen Stakeholder, aber auch die Regierung, sowie lokale Umweltschutzaktivist:innen.3
Prima facie ist das Konzept des Triple Bottom Lines eine Ableitung des Konzeptes des Nachhaltigkeitsdreiecks.4 Es kann gesagt werden, dass das Nachhaltigkeitsdreieck die Makro- und die Triple Bottom Line die Mikroebene ist.
Doch wie sieht eine Gesellschaft aus, in der Unternehmen nicht mehr auf Gewinnmaximierung und der damit einhergehenden Expansion aus sind? Dies wäre eine Gesellschaft, die radikal anders als unser Status quo wäre. Gedanken dazu wurden sich gemacht und in der Postwachstumsökonomie zusammengefasst. Im Grund besagt diese, dass der ökonomische Wachstumsgedanke eingeschränkt werden soll, da nur so „sozial stabile und global faire Versorgungsstrukturen“ (Paech 2015) gewährleistet werden können. Das Denken dieser Postwachstumsökonomie allerdings fängt ganz subsidiär bei der Bevölkerung an. Gehen wir als Prämisse davon aus, dass ungefähr 7,7 Mrd. Erdbewohner:innen existieren, so darf keiner dieser Menschen mehr als 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr verursachen, um das Zwei-Grad-Klimaziel zu erreichen. Zum Vergleich – in Deutschland verbraucht das durchschnittliche Individuum 11 Tonnen CO2/Jahr.5

Im Folgenden werden die wichtigsten Punkte im Ideenkonstrukt der Postwachstumsökonomie aufgeführt:

1. Einschränkung des Lebensstils und Verbrauch: Welcher Gegenstände oder Handlungen kann sich unser übervoller Lebensstil entledigen? Es wird hierbei ein klarer, minimalistischer Lebensstil impliziert.

2. Balance zwischen Selbst- und Fremdversorgung: Das bedeutet die Institutionalisierung regionaler Lieferketten mit eigenem, individuellen Anteil. Konzepte dazu wären beispielsweise Nachbarschaftshilfe, Community-Gärten, oder auch die Gemeinschaftsnutzung von Werkzeugen, Maschinen etc. …

3. Regionalökonomie: Indem bei regionalen „Mittelstandsunternehmen“ gekauft wird, sinken die weltweiten Wertschöpfungsketten und das Geld unterstützt nicht die globalen Big Player wie beispielsweise Amazon, die maßgeblich für ein klimaunverträgliches Geschäftsmodell stehen.

4. Stoffliche Nullsummenspiele: Die Art, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen und diese letztendlich entsorgen, ist falsch. Es bedarf Möglichkeiten der Nutzungsverlängerung oder der Intensivierung, um die Symbiose zwischen Rohstoffen und der Klimaverträglichkeit zu gewährleisten. So braucht es Ideen, wie neue Technologie entwickelt wird. Dem Markt muss klar sein, dass es Nachfragen an neuen bspw. Verpackungsmaterialien gibt.

5. Institutionelle Innovationen: Eine Geld- und Bodenreform ist notwendig, die sich in einer Erweiterung um ein klimapolitisches Element auszeichnet. Demnach hätte jede Person ein Anrecht auf ein bestimmtes CO2-Kontingent. Dieses Kontingent ist allerdings problemlos untereinander tauschbar. CO2- Zertifikate wären de facto eine neue Währung, dessen Preis und Wertigkeit vom Markt bestimmt wird.6

Letztendlich, so muss man es zum Status quo nennen, ist das Konzept gleichwertig mit einem Weberschen Idealtypus, also ein hervorgehobenes Konzept, um die soziale Wirklichkeit hervorzubringen. Vor diesem kann man sich verstecken, man kann sich ihm aber auch gesamtgesellschaftlich nach und nach annähern. Wie sieht es mit Euch aus? Kennt Ihr Unternehmen, die sich teilweise, oder sogar ganz am Konzept der Triple Bottom Line orientieren?

-Verfasst von Tim Stengel-


  1. Fichter, Klaus/Jens Clausen: Schritte zum nachhaltigen Unternehmen: Zukunftsweisende Praxiskonzepte des Umweltmanagements, 1. Ed. Wiesbaden, Deutschland: Springer VS, 2011.
  2. https://www.controlling-wiki.com/de/index.php/Triple_Bottom_Line.
  3. https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/1_3_b_triple_bottom_line_und_triple_top_line_1532.htm.
  4. https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/nachhaltigkeitsdreieck_1395.htm.
  5. Paech, Niko (2015): Postwachstumsökonomie: Weniger ist mehr. https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/postwachstumsoekonomie-weniger-ist-mehr/.
  6. http://www.postwachstumsoekonomie.de/material/grundzuege/#:~:text=Als%20%E2%80%9EPostwachstums %C3%B6konomie%E2%80%9C%20wird%20eine%20Wirtschaft,reduzierten%20Konsumniveau%20einhergehen de%20Versorgungsstrukturen%20verf%C3%BCgt.

 

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