Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Wie grün ist die grüne Branche wirklich?

– zuerst veröffentlicht am 11. Februar 2021 – 

Wer kennt es nicht – das gute Gefühl beim Kauf einer Pflanze. Und wieso auch nicht? Immerhin tut man doch etwas Gutes beim Gärtnern. Man schafft Nahrung für die Bienen, Rückzugsorte für Insekten und investiert in die Erhaltung der Artenvielfalt. Ein Konsumgenuss, bei dem man zur Abwechslung einmal kein schlechtes Gefühl haben muss. Oder doch? Wie sieht die Umweltbilanz der grünen Branche tatsächlich aus?

Unter die Lupe nehmen wir die Produktion und den Vertrieb innerhalb der grünen Branche. Dies betrifft Pflanzen, welche von Zierpflanzengärtnereien, Staudengärtnereien, Baumschulen, Gartencentern und Bau- und Gartenmärkten oder im Gemüsebau vertrieben werden. Um diese vier Punkte soll es dabei gehen:

  1. Die mineralische Vorratsdüngung
  2. Der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln
  3. Die Verwendung von Torf
  4. Der Einsatz von Plastik

1. Die mineralische Vorratsdüngung

Bei dieser Art der Düngung ist der eigentliche Dünger von einer hauchdünnen Plastikschicht umgeben, die dafür sorgen soll, dass der enthaltene Dünger nicht auf einmal, sondern nach und nach abgegeben wird, um die Langzeitwirkung zu sichern. Damit gelangt durch die Düngung Mikroplastik in den Boden.

Lösung: Im Bio-Anbau wird seit langer Zeit mit Pflanzenstärkungsmittel zur Nahrungsversorgung und Stärkung von Pflanzen gearbeitet. Die aus Pflanzen hergestellten Extrakte haben einen geringen Nährstoffgehalt, was eine Überdüngung ausschließt, Bodenhilfsstoffe wie beispielsweise effektive Mikroorganismen verbessern die Bodenqualität, wodurch die Pflanze Nährstoffe aufschließen kann, denn gesunde Böden erhöhen die Widerstandskraft der Pflanze. Weitere organische Düngermöglichkeiten stellen Schafwollpellets und Hornspäne dar. Sie liefern durch die Verrottung langsam fließende Düngerbevorratung. Zusätzlich sind Qualitätskomposte im Einsatz, die die mikrobielle Aktivität des Bodens und der Nährstoffverfügbarkeit verbessern. Somit gibt es ausreichende Möglichkeiten, um auf den Einsatz von Plastik-ummantelten Düngern zu verzichten.[1]

2. Der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln / Pestiziden

Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind besonders problematisch. Sie verursachen giftige Rückstände im Boden und auf den Pflanzen, Rückstände, die – wie im Falle des krebserregenden Mittels Glyphosat – ihren Weg bereits in den menschlichen Organismus gefunden haben. Eine Studie des BUND fand 2013 bei 70% der Testpersonen Rückstände des Herbizides im Urin.[2] Zudem beeinträchtigen Pestizide, chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel, die speziell gegen Schädlinge eingesetzt werden, ebenfalls Insekten, die als Kollateralschaden nicht das Ziel des Pflanzenschutzeinsatzes sind. Der Einsatz von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln trägt somit erheblich zum Insektensterben und Rückgang der Biodiversität bei.

Was viele nicht wissen: Weil Zierpflanzen und Gehölze nicht zum Verzehr vorgesehen sind, gelten für sie keine gesetzlichen Rückstandshöchstgehalte. Allerdings ist es besonders bei der Produktion von Zierpflanzen und Gehölzen schwierig, auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel zu verzichten, da viele dieser Kulturen nicht heimisch und somit besonders anfällig für Schädlinge und schwer zu bekämpfende Krankheiten sind. Die auf den Klimawandel zurückzuführenden erhöhten Temperaturen begünstigen die Fortpflanzung und somit das verstärkte Auftreten von Schädlingen und Bodenpilzen, was eine Produktion ohne Pflanzenschutz erschwert.[3]

Lösung: Bevor zum Pflanzenschutz gegriffen wird, gibt es eine Hand voll präventiver Maßnahmen, den sogenannten integrierten Pflanzenschutz, der jedoch hohes Fachwissen in der Kulturführung erfordert. Dieser reicht von der richtigen Bodenbearbeitung oder der Wahl resistenterer Sorten über den Einsatz von Nützlingen, wie Bakterien, Marienkäfer oder Florfliegen.

So kann ein nachhaltiges Pflanzenschutzkonzept gelingen. Im Bio-Zierpflanzenbau ist der Verzicht auf Sorten, die besonders anfällig für Pilzkrankheiten sind, sowie der Verzicht auf insektengefährdende Mittel wie Neonicotinoide, selbstverständlich. So führt z.B. bei Bienen der Einsatz des Nervengiftes Neonicotinoid dazu, dass sie die Orientierung verlieren und verhungern, weil sie nicht mehr in ihren Bienenstock zurückfinden. Sinnvoll wäre auch mehr staatliche Unterstützung von Züchtungsarbeit in stabilere Sorten, die keinen Pflanzenschutz brauchen.[4]

 Diese Maßnahmen erhöhen die Produktionskosten jedoch enorm. 15 bis 20 Prozent mehr müssen Biozierpflanzen bei einer rentablen Kultur kosten,[5] ein Preis, den VerbraucherInnen oft nicht bereit sind, zu zahlen. Das spiegelt sich auch im geringen Flächenanteil der Öko-Betriebe wider. Im Bereich der Baumschulen sind dies mit 300 Hektar lediglich 1,4% der Gesamtfläche der deutschen Baumschulen. Im Obstanbau beträgt der Anteil 15 %, im Weinbau 7,5 %, im Landbau 6,5 %, im Zierpflanzenanbau lediglich 1,5%. Im Gegensatz zu Nahrungsmitteln, bei denen biologischer Anbau zunehmend thematisiert wird, ist die Nachfrage nach biologisch produzierten Gehölzen, Zierpflanzen, Stauden und Schnittblumen kaum vorhanden[6].

3. Die Verwendung von Torf

Ohne Erde wächst keine Pflanze und Torf ist für das Wachstum der Pflanze im Topf bisher nahezu unersetzlich. Kein anderer Rohstoff ist in der Verwendung so variabel für verschiedene Kulturen der Topfproduktion nutzbar. Deshalb bringt Torf die optimalen Voraussetzungen mit sich, die ein gesundes Pflanzenwachstum ermöglichen. Laut Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung soll Torf als Kultursubstrat stark reduziert werden, denn der Abbau von Torf hat ökologische Nachteile. Er zerstört Lebensraum von Tieren und Pflanzen durch die Trockenlegung der Moore. 7-8 Mio m³ Torf werden jährlich für Substrate hergestellt, dabei entsteht durch den Abbau insgesamt ein Ausstoß von 2 Mio. t CO2 Äquivalenten. Dies ist genauso viel, wie der inländische Flugverkehr ausstößt.[7] Dabei verbraucht allein der deutsche Gemüseanbau 400.000 m³ Torf. 60% des jährlichen Torfes landen im Erwerbsgartenbau, 20% bei Hobbygärtnern und 15% in der Industrie. Weitere 100.000 m³ verbraucht der Gartenlandschaftsbau für öffentlich und privat gestaltete Anlagen.[8]

 Lösung: Der konventionelle wie der ökologische Gartenbau arbeiten in Forschungsprojekten intensiv an Alternativen, um torfreduzierte oder torffreie Substrate/Erden auf Basis folgender Torfersatzstoffe herzustellen:

  • Chinaschilf als regional wachsender, CO2 neutraler Rohstoff bindet während des Wachstums 30t CO2 pro Hektar und kann auf nahezu jedem Acker angebaut werden
  • Holzspäne als Beimischung und Abfallprodukt der Holzwirtschaft
  • Kompost aus Gras-, Rasen-, Gehölz- und Heckenschnitt
  • Kokoshumus als Abfallprodukt der Kokosölgewinnung
  • Rindenhumus als Abfallprodukt der Waldwirtschaft

 Damit kann der Einsatz von Torf zwar reduziert, aber nicht völlig eingestellt werden. Zudem bringen Ersatzstoffe neue Hindernisse mit sich: Kokoshumus fördert den Abbau von Regenwald, erzeugt hohe Transportkosten und Wasserverbrauch in der Herstellung. Die Zersetzung des Grünkompostes ist stark temperaturabhängig, dadurch erschwert sich die Kulturführung der Pflanze, da das Fließen des Düngers nicht gesteuert werden kann.[9]

4. Der Einsatz von Plastik

Plastik findet sich in der Grünen Branche für Verpackungen in Form von Töpfen, Etiketten, Transportverpackungen und Folienverpackungen. Auch wenn der Gartenbau von den 4% der Plastikproduktion, welche innerhalb in der Landwirtschaft anfallen, nur einen geringen Teil ausmacht, muss sich auch der Gartenbau der Herausforderung stellen, Plastikmüll zu vermeiden.[10]

Etiketten:

Vor allem im Einzelhandel findet man Etiketten. Kurze Beschreibungen mit Bild auf einem kleinen Plastik-Kärtchen, die den Abverkauf erleichtern sollen. Dabei steckt in jedem Pflanztopf ein Etikett.

Lösung: Etiketten können schon heute aus umweltfreundlichen Recyclingmaterialien auf der Basis von zellulosebasierten, biologisch abbaubaren Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Ein anderer Ansatz ist, so viel wie möglich auf Etikettierung zu verzichten.

Nachteil: Das biologisch abbaubare Etikett ist doppelt so teuer wie das Plastiketikett. Problematisch ist auch, dass die UV-Beständigkeit nicht gegeben ist und die Farben des Etiketts schnell verblassen. Durch Feuchtigkeit löst es sich nach kurzer Zeit auf, weshalb es für den längerfristigen Verkauf nicht geeignet ist. Eine Alternative können bio-basierte Kunststoffe aus recyceltem Polypropylen oder aus recyceltem Polystyrol sein.[11]

Töpfe:

Zum Plastiktopf gibt es bereits Alternativen. Töpfe aus nachwachsenden Rohstoffen wie Papier, Hanf, Sonnenblumenkernen, Holzfasern, Steinpapier aus Kalkstein, Graspapier oder Chinaschilf sind bereits im Einsatz. Die nachwachsenden Rohstoffe können regional angebaut werden, Plastik wird komplett ersetzt.[12]

 Nachteil: Die Haltbarkeit der Töpfe ist stark begrenzt, weil sich das Material je nach Witterung rasch zersetzt. Im Verkauf wird der Topf sehr schnell unansehnlich und schimmlig. Wo Pflanzen länger im Topf stehen bleiben, wie z.B. bei Zimmerpflanzen, funktioniert das nicht, dazu ist die Lebensdauer des Topfes zu kurz. Auch, dass zur Herstellung landwirtschaftliche Flächen „verschwendet“ werden, die eigentlich für die Nahrungsproduktion vorgesehen sind, ist problematisch.

Lösung:  Eine weitere Alternative können Töpfe aus PCR (Post Consumer Recycling) sein. Sie sind zu 100% recyclingfähig und bestehen zu 100% aus PP-Recyclingkunststoff. Über den gelben Sack kann der Topf innerhalb des Dualen Systems recycelt werden und steht Verpackungsfirmen zur Neuproduktion wieder zur Verfügung. Auf diese Weise kann der Topf 500 Mal im Kreislauf ohne Qualitätsverlust neu hergestellt werden. Es entsteht ein geschlossener Recyclingkreislauf. Die Vorteile dabei sind: Ressourcen – und Schadstoffreduzierung, Energie- und Rohöleinsparung und CO2-Reduktion[13].

Transportverpackungen:

Zu den Transportverpackungen zählen Folien für Schnittblumen oder Zimmerpflanzen gegen Verdunstung oder zum Schutz vor Kälte, sowie Transporttrays zum Verpacken und Liefern von Topfpflanzen. Bisher werden in weiten Teilen des europaweiten Handels oft Einwegtransporttrays verwendet.[14]

Lösung: Einsatz eines europaweiten, gemeinsamen Mehrwegpoolsystems im Großhandel mit Rücknahme und Weiterbenutzung der Trays. Umgesetzt wird dies bereits in Staudengärtnereien, die ausschließlich mit Mehrwegtrays und Kisten arbeiten. Plastikfolien können durch Mulchfolien ausgetauscht werden, die sich biologisch zersetzen.

Fazit:

Die grüne Branche ist weit weniger grün, als es oft scheint. Dennoch ist der Gartenbau auf einem guten Weg und packt seine Umweltsünden an. Dabei liegt der Schlüssel auch bei den VerbraucherInnen. Daher der Tipp: Beim nächsten Grünen Shopping einfach mal nachfragen. Welche Dünge-, Pflanzenschutz und Anbausubstrate sind im Einsatz? Wie handhabt das Geschäft den Plastikverbrauch? Nur wenn wir VerbraucherInnen höhere Standards nachfragen, werden sich die Produktionsbedingungen ändern. Wir alle können dazu beitragen, die grüne Branche ein wenig grüner zu machen. Wie viel wäre euch eine nachhaltige Pflanze wert?

-Verfasst von Tessa Ehrhardt-

 

Quellen:

 

Weiterführende Literatur:
  • ZVG (2019): Nachhaltigkeitsbericht: Bewahren, was die Natur uns schenkt. Berlin: Bewahren, was die Natur uns schenkt – Zentralverband Gartenbau e.V. (g-net.de) (Zugriff am 27.12.2020).
  • Klawitter, Katrin (2020): Nachhaltigkeit –ein „relatives Thema“ , in: Taspo 1 (10) v. 6.März.
  • Klawitter, Katrin (2020): Nachhaltig mit Leib und Seele, in: Florieren! 0x-2020, S.3.
  • Klawitter, Katrin (2020): Nachhaltig handeln „Ressourcen schonen“, in: Florieren! 0x-2020, S.2-8.

 

[1]Aktualisiertes Merkblatt zum Pflanzenschutz im Bio-Zierpflanzenbau Merkblatt 2020 1573 Hrsg. FiBl, Bioland Beratung, Landwirtschaftskammer NRW, LVG Heidelberg: www.bioland.de/merkblaetter FiBL-Best.Nr.1573.

[2] vgl. Stellungnahme des BUND: BUND Analyse Glyphosat im Urin – BUND e.V..

[3] vgl. Klawitter, Katrin (2017): Es geht auch ohne chemischen Pflanzenschutz, in: Taspo Dossier II/17  151 (2) v. 21.April,   S. 2.

[4] vgl. ebd., S.3.

[5] Klawitter, Katrin (2017): Es geht auch ohne chemischen Pflanzenschutz, in: Taspo Dossier II/17 151 (2) v. 21.April, S.1-15.

[6] vgl. Informationsportals Ökolandbau.de der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE): BLE – Unsere Themen

[7] vgl. Klimaberichterstattung BMU: Klimaschutzberichterstattung | BMU

[8] vgl. Klawitter, Katrin (2020): Torf … kann der Gartenbau nicht ohne ihn?, in: Taspo Dossier I/20 154 (1). v. 22.Mai, S.17-31.

[9] vgl. ebd.

[10] vgl. Klawitter, Katrin (2019): ): Plastikmüll im Gartenbau – (un)vermeidbar?, in: Taspo Dossier III/19  153 (3) v. 26.Juli,  S. 25-39.

[11] Schädler, Thomas; Klawitter, Katrin (2019): Nachhaltigkeit auch bei Etiketten ein Thema, in: DEGA Grüner Markt 3-4. S. 42f.

[12] vgl. Klawitter, Katrin (2019): ): Plastikmüll im Gartenbau – (un)vermeidbar?, in: Taspo Dossier III/19  153 (3) v. 26.Juli,  S.28f.

[13]vgl. Lamprecht-Verpackungen | Kunststofftechnologie Pflanzcontainer Kartonagen (lamprecht-verpackungen.de)

[14] vgl. Klawitter, Katrin (2019): Plastikmüll im Gartenbau – (un)vermeidbar?, in: Taspo Dossier III/19  153 (3) v. 26.Juli,  S.25-39.

 

 

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