Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Mehr Verantwortung tragen – Ein Vergleich zwischen Onlineshopping und dem stationären Einzelhandel

– zuerst veröffentlicht am 07. Juli 2021 – 

In der Corona- Pandemie sind für viele Menschen ihre Hobbys sowie sozialen Kontakte weggefallen und die Einzelhandelsgeschäfte bleiben im Falle eines Lockdowns oft geschlossen. Zudem wollen viele Menschen zum Selbstschutz den Besuch von Einzelhandelsgeschäften vermeiden. Die Folge ist, dass immer mehr Menschen zum Zeitvertreib, und für einen kurzen Moment des Glücks und ein Gefühl der Selbstverwirklichung auf Onlineshopping zurückgreifen.

Onlineeinkaufen wird viel kritisiert, da  Großkonzerne damit noch mehr Umsatz erzielen würden. In Deutschland wuchs diese Art des Einkaufens von 2017 bis 2018 um 9,4%,[1] woraufhin es 2019 schon eine Umsatzsteigerung von 11% gab. Durch die Corona- Pandemie gab es allein im ersten Halbjahr des Jahres 2020 ein zusätzliches Umsatzwachstum von 8,3%[2] und 40% mehr Erst-Onlineeinkäufe.[3] Zum Ende des Jahres 2020 wurde ein Umsatz von mehr als 70 Milliarden Euro erwartet,[4] jedoch betrug der Umsatz im Jahr 2020 im Endeffekt sogar 83,3 Milliarden Euro.[5] Daher wird befürchtet, dass viele lokalen Geschäfte dauerhaft schließen müssen, wenn aus Gewohnheit bald nur noch über das Internet bestellt wird und dass darunter am Ende auch die Umwelt zu leiden hat. Denn viele Menschen sind der Überzeugung, dass Onlineshopping umweltschädlicher sei als der stationäre Einzelhandel.
Denn, wie die Avocado, hat auch der Onlineeinkauf einen schlechten Ruf aufgrund von weiten Transportwegen und angeblich miserablen Umweltbilanzen. Deshalb stellen wir uns die Frage: Was ist denn nun nachhaltiger? Onlineshopping oder der Einkauf im stationären Einzelhandel?

Wichtig ist vorerst zu betonen, dass die Herstellung und der Transport der Ware in die Distributionslagerhäuser bei beiden Varianten meist sehr ähnlich ablaufen, weshalb wir diesen Part der Logistik außen vorlassen werden. Zudem liegt unser Fokus auf der Textilbranche, da auch wir, so wie wahrscheinlich die Meisten, im Laufe der Pandemie im letzten Jahr des Öfteren ein paar neue Klamotten und Schuhe online bestellt haben und deshalb Teil des online generierten Umsatzes von 19%[6] sind. Zudem kennt wahrscheinlich jede*r die Situation, dass man Onlinewerbung für ein Kleidungsstück sieht und keine Lust hat erst noch in den nächsten Laden zu fahren, um den Artikel zu kaufen.
Die Ergebnisse vieler Studien sind eindeutig: Entgegen der weitverbreiteten Annahme, dass Onlineshopping aufgrund des Transportes zum Haus der KundInnen und der daraus resultierenden CO2- Emissionen mehr negative Umwelteinwirkungen habe als der Kauf in einem stationären Einzelhandelsgeschäft, wird aufgezeigt, dass im Regelfall der Konsum desselben Produkts über das Internet umweltfreundlicher ist.[7] Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass es immer Ausnahmen von der Regel gibt und man sich die einzelnen Aspekte je nach Fall genau betrachten muss. Daher wollen wir uns dies im Folgenden genauer anschauen.

Einzelhandel

Aber bestimmt fragen sich jetzt einige, warum es umweltfreundlicher sei, wenn man sich ein Paar Schuhe online bestellt und nicht in den nächsten Laden fährt, um welche zu kaufen. Dass der Einkauf im Einzelhandel als klimaschädlicher gilt, hat viele verschiedene Gründe, und es ist zu beachten, dass bei einem Vergleich nicht nur der Gang ins Geschäft betrachtet werden kann. Faktoren wie Lagerung, Ladenverhältnisse und Konsumentenverhalten spielen eine wichtige Rolle. Die Lagerung von Produkten in Großlagern, wie sie beim Onlineshopping genutzt werden, bedarf eines bis zu 16-fach geringeren Energieaufwands[8] als die Lagerung von weniger Produkten in Geschäften des Einzelhandels. Zudem müssen die CO2- Emissionen für beispielsweise die Beleuchtung des Ladens sowie möglicherweise eine Klimaanlage zum Heizen oder Kühlen des Ladens miteinberechnet werden. Pro Filiale gibt es wiederum Mitarbeitende, die zu ihrem Arbeitsplatz kommen müssen, was wiederum mehr CO2 verursacht, als ein bis zwei Lagerhäuser pro Land mit weniger MitarbeiterInnen zu betreiben.

Jedoch spielen nicht nur die Verhältnisse vor Ort im Laden eine Rolle, sondern auch das Verhalten der Konsumierenden. Je nachdem, ob sich die KundInnen entscheiden, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit einem Auto zum Geschäft zu kommen, variieren auch die ökologischen Faktoren. So ist es beispielsweise deutlich klimafreundlicher, wenn man mit dem Fahrrad oder zu Fuß die Einkaufsläden aufsucht, als wenn man den PKW nimmt, denn während die Fahrt mit dem Fahrrad kein CO2 verursacht, sind es beim PKW bei einer Strecke von fünf Kilometern 600 bis 1100 Gramm.[9] Des Weiteren verursachen Konsumierende weniger CO2- Emissionen, wenn Einkäufe gebündelt und damit unnötige Mehrfachfahrten vermieden werden, wohingegen eine Bündelung von Onlinebestellungen nicht immer umgesetzt werden kann, da die Produkte trotzdem oft einzeln verpackt und versendet werden.

Ein klarer Vorteil des stationären Einzelhandels ist jedoch das Thema Verpackung. Hier müssen Produkte normalerweise nicht noch einmal extra verpackt werden und es kommt meistens nur eine Plastiktüte oder sogar ein Baumwollbeutel zum Einsatz, welche, je nach Material und wie oft sie benutzt werden, Emissionen von nur 0 bis 130 Gramm verursachen.[10] Im Gegensatz hierzu schneidet der Onlinehandel nicht besonders gut ab. Je nach Größe und Material kommen beim Onlineversand durch die Verpackung 20 bis 1000 Gramm CO2- Emission zu Stande.[11]

Onlinehandel

Doch wie am Beispiel der Lagerung bereits erwähnt, hat der Onlinehandel im Hinblick auf die Umwelteinwirkungen auch Vorteile gegenüber dem Einzelhandel. Beispielsweise finden die Lieferungen zum Kunden/ zur Kundin in einer oder wenigen Touren statt und nicht jede/r muss einzeln mit dem PKW zum Laden fahren. Im Vergleich zum oben genannten Wert an CO2 Emissionen, die die Einkaufsfahrt mit dem Auto erzeugen würde, fallen für die Lieferung nach Hause nur 200 bis 400 Gramm CO2 an.[12] Beim Onlineshopping ist jedoch dieser Weg zu den KundInnen, die sogenannte „Letzte Meile“, besonders wichtig im Hinblick auf die CO2-Bilanz. Im Idealfall sollte dieser Weg mit einem möglichst umweltfreundlichen Gefährt, wie dem (Lasten-)Fahrrad oder einem Elektroauto, zurückgelegt werden.
Der stationäre Einzelhandel und der Onlinehandel haben in diesem Thema eine klare Gemeinsamkeit. In beiden Fällen ist das Verhalten der Konsumierenden von Bedeutung. Während beim Einzelhandel der Fahrweg zum Laden relevant ist, gibt es beim Onlinehandel mehrere Faktoren zu beachten. Zum einen sollten Mehrfachanfahrten des Kunden/der Kundin vermieden werden, weshalb man zum Zeitpunkt der Zustellung vor Ort sein sollte oder gegebenenfalls NachbarInnen oder einen Ablageort angeben sollte, wo das Paket alternativ abgegeben werden kann. Besser wäre jedoch, wenn man das Paket zu einem Paket-Shop senden lässt und es dort mit dem Fahrrad oder zu Fuß abholt. Mit dieser Möglichkeit wird am wenigsten CO2 generiert, jedoch wird sie von gerade mal 10% der KundInnen genutzt.[13]

Nicht im Prozess zu vergessen sind die Retouren, denn „[b]is zu 50 Prozent der Waren bei Bekleidung werden zurückgeschickt“[14]. Betrachten wir das Beispiel Schuhe, wird klar, warum im Einzelhandel deutlich weniger Artikel zurückgegeben werden. Vor Ort kann man die Schuhe direkt anprobieren, während man online auf Nummer sicher geht und lieber zwei verschiedene Größen oder Farben bestellt, und was nicht gefällt oder passt wird ganz einfach zurückgesendet. Nicht nur der Rückversand der Artikel ist umweltschädlich, sondern auch die Wiederaufbereitung der Kleidungsstücke, um sie dann an den nächsten Käufer oder an die nächste Käuferin schicken zu können. Oft passiert es auch, dass retournierte Produkte direkt im Müll landen, da sich die Aufbereitung finanziell nicht lohnt, und somit Ressourcen verschwendet werden.

Ein letzter Punkt, der beim Onlineshopping oft übersehen wird, ist die benutzte Technik und der damit zusammenhängende Stromverbrauch. Hierzu zählt das elektronische Gerät, auf welchem die KundInnen sich über Produkte informieren bis hin zur Bestellung der Produkte, sowie auch die gesamte IT- Infrastruktur des Onlinehandels.

Auch wenn der Onlinehandel in der Gesamtbilanz nachhaltiger sein mag als der stationäre Einzelhandel, sollte beim Betrachten der zwei Alternativen immer differenziert vorgegangen werden. Wir leben in einer Konsumgesellschaft, was bedeutet, dass die meisten von uns sowieso schon mehr haben, als sie bräuchten. Deshalb wollen wir diese Möglichkeit nutzen, um an alle LeserInnen zu appellieren, einen angemessenen und ökologisch wertvollen Konsum zu betreiben. Es gibt leider erst wenige tatsächlich nachhaltige und gleichzeitig auch erschwingliche Kleidung sowohl im Einzelhandel als auch online.
Deshalb: Anstatt alte Klamotten wegzuwerfen und sich neue zu bestellen, könnten Optionen wie im Secondhandladen kaufen und verkaufen oder weiterverschenken öfter in Betracht gezogen werden. Außerdem hat uns die Frage „Brauche ich diese Sache wirklich oder möchte ich sie einfach nur haben?“ sehr geholfen unser Kaufverhalten zu verbessern. Auch wenn Onlineshopping, bei Beachtung bestimmter Faktoren, nachhaltiger ist als der stationäre Einzelhandel, ist es trotzdem noch nicht nachhaltig für die Zukunft.

Allerdings gibt es bereits Marken, die sowohl bei der Produktion als auch beim Versand ihrer Klamotten auf Nachhaltigkeit setzen. Kennt ihr solche Marken oder habt ihr selbst schon mal bei einer solchen Marke bestellt? Kennt ihr Websites oder Apps, die hilfreich bei der Recherche über nachhaltige Kleidung sind? Wenn ja – dann schreibt eure Tipps und Erfahrungen gerne in die Kommentare!

-Verfasst von Julia Sandner und Johanna Thies-

 

Literaturverzeichnis

https://www.umweltdialog.de/de/verbraucher/elektronik/2016/Schadet-Online-Shopping-der-Umwelt.php (08.06.2021)

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/online-shopping-co2-klima-laden-1.4429396, Süddeutsche Zeitung, Michael Kläsgen (08.06.2021)

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2020_12_03_texte_227-2020_online-handel.pdf (08.06.2021)

https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/klimabilanz-von-online-ladenkauf-das-produkt (08.06.2021)

https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/umwelt-einkaufen-online-laden-100.html, Bayern 1, Alexander Dallmus (08.06.2021)

https://www.quarks.de/umwelt/online-shopping-klimafreundlicher-als-einkauf-im-geschaeft/ (08.06.2021)

http://www.dcti.de/fileadmin/pdfs_dcti/DCTI_Studien/Studie_Klimafreundlich_Einkaufen_WEB.pdf (08.06.2021)

https://finanzwissen.dkb.de/der-trend-zum-online-shopping-wird-auch-nach-corona-bleiben (08.06.2021)

https://www.handelsdaten.de/e-commerce-und-versandhandel/gesamtumsatz-und-online-umsatz-mit-waren-im-deutschen-interaktiven (22.06.2021)


[1] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2020_12_03_texte_227-2020_online-handel.pdf (08.06.2021)

[2] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2020_12_03_texte_227-2020_online-handel.pdf (08.06.2021)

[3] https://finanzwissen.dkb.de/der-trend-zum-online-shopping-wird-auch-nach-corona-bleiben (08.06.2021)

[4] Vgl.: https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/umwelt-einkaufen-online-laden-100.html, Bayern 1, Alexander Dallmus (08.06.2021)

[5] Vgl. https://www.handelsdaten.de/e-commerce-und-versandhandel/gesamtumsatz-und-online-umsatz-mit-waren-im-deutschen-interaktiven (22.06.2021)

[6] https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2020_12_03_texte_227-2020_online-handel.pdf (08.06.2021)

[7] Vgl. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2020_12_03_texte_227-2020_online-handel.pdf (22.06.2021)

[8] Vgl.: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2020_12_03_texte_227-2020_online-handel.pdf (08.06.2021)

[9] Vgl.: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/klimabilanz-von-online-ladenkauf-das-produkt (08.06.2021)

[10] Vgl.: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2020_12_03_texte_227-2020_online-handel.pdf (08.06.2021)

[11] Vgl.: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2020_12_03_texte_227-2020_online-handel.pdf (08.06.2021)

[12] Vgl.: https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/klimabilanz-von-online-ladenkauf-das-produkt (08.06.2021)

[13] Vgl.: http://www.dcti.de/fileadmin/pdfs_dcti/DCTI_Studien/Studie_Klimafreundlich_Einkaufen_WEB.pdf (08.06.2021)

[14] https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/umwelt-einkaufen-online-laden-100.html, Bayern 1, Alexander Dallmus (08.06.2021)

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