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Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Warum liegt hier Stroh rum?

Strohballen – nachhaltiger Baustoff mit Perspektive

– zuerst veröffentlicht am 07. Juli 2021 – 

Ein Haus bauen? –  Für uns Studierende in ferner Zukunft. Ein Haus aus Strohballen bauen? – Das ist doch eine ökoromantische Utopie?!

Stroh, ein leicht brennbares, schnell schimmelndes und Ungeziefer anlockendes Material! So wahrscheinlich die ersten Assoziationen. Doch wie sieht es denn bei Stroh tatsächlich mit Brandschutz, Dämmfähigkeit, Statik, Ungeziefer, Schimmel, Baugenehmigung und nicht zuletzt mit (Mehr-)Kosten aus? Und die hier alles entscheidende Frage: Sind Strohballenhäuser tatsächlich energetischer und nachhaltiger als konventionell erbaute Häuser aus Stein, Beton und Styropor?

(c) Matthias Boeckel; Quelle: pixabay

Ein Haus aus Strohballen zu bauen, scheint vielen zuerst einmal eine öko-romantische Phantasie zu sein. Doch tatsächlich wurde bereits ab Ende des 19. Jahrhunderts im US-Bundesstaat Nebraska mit dieser Technik gearbeitet. Mittlerweile hat sich das Bauen mit Strohballen auch in Europa verbreitet, wenn auch bisher nur in kleinem Rahmen. Im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt entstand 2005 das erste dreistöckige Mehrfamilienhaus in Strohballenbauweise. Als Baustoff endgültig in Deutschland zugelassen wurde das sogenannte Baustroh im Jahr 2006 auf Initiative des Fachverbands Strohballenbau Deutschland e.V. (fasba).[1]

Grundlegend kann man beim Bauen mit Stroh zwei Bauweisen unterscheiden: zum einen die lastentragende Strohballenbauweise (in Deutschland nur mit individueller baurechtlicher Genehmigung möglich), zum anderen die nicht-tragende Strohballenbauweise, mit welcher sich dieser Beitrag im Wesentlichen auseinandersetzen wird.

Bei der nicht-tragenden Strohballenbauweise übernimmt das Stroh, im Gegensatz zum lastentragenden Strohballenbau, keine statischen Aufgaben. Diese werden durch ein Holzständerwerk (ähnlich wie bei Fachwerkhäusern) übernommen, in dessen Zwischenräumen stark gepresste Strohballen  gesetzt werden. Diese müssen eine Rohdichte von ca. 100 kg/m³ aufweisen. Es müssen also etwa 100 kg Stroh in einen Strohballen mit der Größe eines Kubikmeters verpresst werden.  Man kann somit von einzelnen Wänden als Bauelemente sprechen, ähnlich wie es bei herkömmlichen Fertigteilhäusern der Fall ist. Jedoch wird statt Stein, Holz und anstatt von Styropor, Glaswolle, o.Ä., eben Stroh verwendet. Die „nackten“ Wände werden schließlich meist mit Kalk und Lehm verputzt und können wiederum mit Holzelementen verschalt werden.[1] Eine sehr sehenswerte Dokumentation zum Bau von Strohballenhäusern in Deutschland und Österreich hat der Bayerische Rundfunk veröffentlicht.

So weit, so gut! Doch lassen sich die Vorbehalte bzgl. Schimmel- und Schädlingsbefall, Brandschutz, baurechtlicher Zulassung, Statik und (Mehr)-Kosten beseitigen? In der Tat ist dies schnell geschehen!

Schimmelbefall: Durch sorgfältiges und trockenes Bauen kein Problem. Im Endeffekt ist die Schimmelgefahr nicht größer als bei styroporgedämmten Häusern.[2]

Schädlingsbefall: Durch das starke Verdichten der Strohballen stellen diese keinen attraktiven Lebensraum für Schädlinge dar und bei ordnungsgemäßem Verputzen bzw. Verschalen der Strohkammern können weder Mäuse noch sonstiges Kleingetier eindringen.[3]

Brandschutz: Ein Strohballenhaus mit einer fünf Zentimeter dicken Lehmputzschicht hat, ebenso wie Betongebäude im Mehrgeschossbau, die Feuerwiderstandsklasse F90, es hält einem Feuer also 90 min stand.[4]

Baurechtliche Zulassung: Seit 2014 besitzt Baustroh die „Allgemeine bauaufsichtliche Zulassung“. Zur Genehmigung eines Strohballenhauses kann seither der normale Baugenehmigungsprozess angewendet werden.[5]

Statik: Lastentragender Strohballenbau ist in Deutschland nur mit Einzelgenehmigung möglich. Bei der Holzständerbauweise übernimmt das Gebälk die statischen Funktionen ohne Weiteres.[6]

Kosten: Strohballenhäuser kosten nach Berechnungen aus dem Jahr 2016 in etwa genau so viel wie konventionell, aus Stein, Beton und Stahl, gebaute Ein- bzw. Zweifamilienhäuser im mittleren Standard.[7] Strohballenhäuser schlagen demnach mit 2.019 €/m² und konventionell erbaute Ein- bzw. Zweifamilienhäuser mit 2.023 €/m² zu Buche. Laut Lorber hat die Praxis ergeben, dass Strohballenhäuser 10-15% günstiger sein können als konventionell erbaute Häuser.[8]

Nachdem nun die allgemeinen Fragen und Vorurteile ausgeräumt sind, stellt sich natürlich die Frage der Nachhaltigkeit von Strohballenhäusern, auch im Vergleich zu konventionellen Steinhäusern. Hierbei spielen v.a. der CO2-Fußabdruck, die Recyclingfähigkeit der Baustoffe sowie der Energieaufwand beim Bau eine große Rolle.

Strohballenhäuser bestehen fast ausschließlich aus nachwachsenden bzw. natürlichen Rohstoffen – Stroh, Holz, Lehm und Kalk. Stroh, als Dämmmaterial, ist ein sich stark regenerierender Rohstoff und zudem ein Abfallprodukt der Getreideproduktion. Stroh bindet im Anbau CO2 und kann i.d.R. regional von landwirtschaftlichen Betrieben bezogen werden. Ähnlich verhält es sich mit Holz. Zwar hat Holz eine längere Regenerationsspanne, ist aber dennoch ebenso CO2-neutral und regional „hergestellt“.[9] Konventionelle Baustoffe haben im Vergleich dazu einen ungleich höheren CO2-Fußabdruck. Allein die Zementherstellung verursacht laut Weltklimarat mit etwa drei Milliarden Tonnen CO2 bis zu zehn Prozent der globalen Treibhausgasemissionen jährlich.[10]

Da Strohballen in den gleichnamigen Häusern jedoch die Dämmfunktion übernehmen, liegt ein Vergleich mit dem in der konventionellen Baubranche am meisten verwendeten Dämmstoff nahe – Styropor.

Styropor ist, verkürzt gesagt, aufgeschäumter Kunststoff (Polystyrol), welcher wiederum aus Erdöl hergestellt wird. Die Umweltauswirkungen der Rohölförderung durch Bohrungen in den Ozeanen oder Fracking an Land sind mitunter erheblich (für nähere Informationen empfehle ich einen Beitrag von Greenpeace). Die Herstellung von Styropor ist zudem mit einem erheblichen Energieaufwand verbunden. Wird der benötigte Strom zudem mit Hilfe von Braun-/Steinkohle, Atomkraft oder Gas erzeugt, verschlechtert dies die Umweltbilanz von Styropor zusätzlich. Laut der europäischen Umweltproduktdeklaration für den Wärmedämmstoff Baustroh von der europäischen ECO-Plattform, weist Baustroh dahingegen den niedrigsten Herstellungsenergiebedarf aller zugelassenen Wärmedämmstoffe auf.[11]

Ein weiteres Umweltproblem von Bauschutt konventionell gebauter Häuser ist die mangelhafte Recyclingfähigkeit der oft untrennbar miteinander verbundenen Baustoffe (siehe hierzu auch unseren Blogbeitrag zu R-Beton). Eine Trennung der einzelnen Baustoffe ist beim Abriss – wenn überhaupt – nur unter erheblichem Aufwand möglich. Die Technik für das Recyclen von Styropor und Beton ist bisher nicht besonders verbreitet, weshalb Bauschutt meist verbrannt bzw. auf Mülldeponien gelagert werden muss und die enthaltenen Umweltgifte in die Natur gelangen.[12] Am Beispiel Styropor wird dies besonders deutlich: „Da aufgeschäumtes Polystyrol stark brennbar ist, enthält es häufig das giftige Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD). Laut dem Bundesumweltamt gilt der Flammhemmer als besonders besorgniserregend, weil er sich in Lebewesen anreichert. Das Umweltgift ist schwer abbaubar und giftig für Wasserorganismen. Es steht außerdem in Verdacht, die Fortpflanzung zu beeinträchtigen.“ [13] Im Gegenzug dazu sind Stroh, Holz, Lehm und Kalk nahezu CO2-neutral und wenig energieaufwändig in der Herstellung und können nach Abriss eines Hauses entweder wiederverwertet oder der Natur zurückgeführt werden. An dieser Stelle muss allerdings noch erwähnt werden, dass auch ein Strohballenhaus auf einem (Beton-)Fundament gebaut werden muss, ein 100%ig umweltverträglicher Rückbau ist somit nicht möglich.

Um die Nachhaltigkeit von Strohballenhäusern abschließend noch einmal zu untermauern:

Ein Haus aus Holz und Stroh entlastet die Umwelt durch das Binden von CO2 während des Wachstums um ca. 12 Tonnen CO2. Ein konventionelles Haus belastet die Umwelt um ca. 42 Tonnen CO2.  Erst nach 15 Jahren in Betrieb hat ein Strohballenhaus durch bspw. Heizen und Stromverbrauch der Bewohner:innen die Energie verbraucht, die es alleinig bedarf, um ein konventionelles Haus zu bauen.[14]  Zur weiteren Lektüre über bautechnische, ökologische und ökonomische Grundlagen der Planung von Strohballen-Gebäuden kann ich auf einen Beitrag von Tomasz Bernard, Korjenic Azra und Thomas Bednar verweisen.

Im Hinblick auf die zunehmende Klimakrise ist es notwendig, nicht nur im Kleinen nachhaltig zu leben, sondern auch im Großen – wie beim Hausbau – den Nachhaltigkeitsaspekt nicht außer Acht zu lassen. Ein Haus aus Stroh und Holz steht dem Komfort eines aus Stein, Beton und Styropor in Nichts nach und trägt erheblich zu einem klimabewussten und nachhaltigen Leben bei.

In Deutschland gibt es derzeit schätzungsweise 1500 Strohballenhäuser![15] Könnt Ihr euch vorstellen, das 1501 Strohballenhaus selbst zu bauen? Schreibt gerne in die Kommentare, was euch dazu bewegen oder auch davon abhalten könnte.

-Verfasst von Ari Dedic-

 

Quellenverzeichnis:

Fachverbands Strohballenbau Deutschland e.V.: Strohballenbau – Geschichte, o.D., [online] https://fasba.de/strohballenbau-geschichte/ [20.06.2021].

Focus online: Ökologisch und effektiv: Häuserdämmung: Warum Stroh besser ist als Styropor, 09.09.2015, [online] https://www.focus.de/immobilien/wohnen/oekologisch-und-effektiv-haeuserdaemmung-warum-stroh-besser-ist-als-styropor_id_4291351.html [20.06.2021].

Greenpeace: Hintergrund Öl: Die schmutzige Spur des schwarzen Goldes, Erdöl – Gefahr für Umwelt, Klima, Menschen, 08/2002.

Gronauer, Almut: Stroh statt Styropor? Klimaschonendes Bauen mit Naturdämmstoff, 19.12.2020, Dokumentation, Bayerischer Rundfunk, ab Timecode: 34:50 min, [online] https://www.youtube.com/watch?v=ugC5m3uhWsY [20.06.2021].

Hagenau, Melanie: Polystyrol: Wissenswerte Informationen über den Kunststoff, 26.05.2020, [online] https://utopia.de/ratgeber/polystyrol-wissenswerte-informationen-ueber-den-kunststoff/ [20.06.2021].

Kaesberg, Wiebke und Benedikt: Marktstudie zur Durchdringung des deutschen Baumarktes mit strohgedämmten Gebäuden, Preissituation und Kostenvergleich, 2019, [online] https://bau-mit-stroh.de/preise-und-kosten/ [20.06.2021].

Lorber, Stefan: Das Strohballenhaus, o.D., [online] https://www.strohballenhaus.org/#vorurteile-strohballenbau, [20.06.2021].

Nestler, Ralf: Die klimaschädliche Gier nach Zement: Klimakiller Beton, 20.09.2019, [online] https://www.tagesspiegel.de/wissen/die-klimaschaedliche-gier-nach-zement-klimakiller-beton/25033772.html, [20.06.2021].

Oebbeke, Alfons: Strohballen als Wärmedämmstoff vom DIBt zugelassen, 05.03.2006, [online] https://www.baulinks.de/webplugin/2006/0402.php4, [20.06.2021].

Rollenitz, Christine: Von einem, der auszog, ein Haus zu bauen : Begleitung der Planung und des Baues eines Strohballenhauses im Selbstbau, Diplomarbeit, 2015, Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege, TU Wien.

Siepmann Holzbau GmbH: Strohballenbau: Der Baustoff aus der Scheune, 2020, [online] https://fair-trade-haus.de/blog/strohballenbau-trifft-holzrahmenbau/, [20.06.2021].

Tomasz Bernard, Korjenic Azra und Thomas Bednar: Bautechnische, ökologische und ökonomische Grundlagen der Planung von Strohballen-Gebäuden – Literaturzusammenstellung und Analyse des thermischen Leitwertes der Gebäudehülle, 2014 Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin.

Urban, Karl: Klimasünder Beton: Ein Baustoff sucht Nachfolger, 20.12.2020, [online] https://www.deutschlandfunk.de/klimasuender-beton-ein-baustoff-sucht-nachfolger.740.de.html?dram:article_id=488355 [30.06.2020].


[1] vgl. Siepmann Holzbau GmbH: Strohballenbau: Der Baustoff aus der Scheune, 2020, [online] https://fair-trade-haus.de/blog/strohballenbau-trifft-holzrahmenbau/, [20.06.2021].

[2] vgl. Siepmann Holzbau GmbH, 2020.

[3] vgl. ebd.

[4] vgl. ebd.

[5] vgl. Lorber, Stefan: Das Strohballenhaus, o.D., [online] https://www.strohballenhaus.org/#vorurteile-strohballenbau, [20.06.2021].

[6] vgl. Siepmann Holzbau GmbH, 2020.

[7] vgl. Kaesberg, Wiebke und Benedikt: Marktstudie zur Durchdringung des deutschen Baumarktes mit strohgedämmten Gebäuden, Preissituation und Kostenvergleich, 2019, [online] https://bau-mit-stroh.de/preise-und-kosten/ [20.06.2021].

[8] vgl. Lorber, oD.

[9] vgl. Siepmann Holzbau GmbH, 2020.

[10] vgl. Urban, Karl: Klimasünder Beton: Ein Baustoff sucht Nachfolger, 20.12.2020, [online] https://www.deutschlandfunk.de/klimasuender-beton-ein-baustoff-sucht-nachfolger.740.de.html?dram:article_id=488355 [30.06.2020].

[11] vgl. Focus online: Ökologisch und effektiv: Häuserdämmung: Warum Stroh besser ist als Styropor, 09.09.2015, [online] https://www.focus.de/immobilien/wohnen/oekologisch-und-effektiv-haeuserdaemmung-warum-stroh-besser-ist-als-styropor_id_4291351.html [20.06.2021].

[12] vgl. Hagenau, Melanie: Polystyrol: Wissenswerte Informationen über den Kunststoff, 26.05.2020, [online] https://utopia.de/ratgeber/polystyrol-wissenswerte-informationen-ueber-den-kunststoff/ [20.06.2021].

[13] ebd.

[14] vgl. Gronauer, Almut: Stroh statt Styropor? Klimaschonendes Bauen mit Naturdämmstoff, 19.12.2020, Dokumentation, Bayerischer Rundfunk, ab Timecode: 34:50 min, [online] https://www.youtube.com/watch?v=ugC5m3uhWsY [20.06.2021].

[15] vgl. Fachverbands Strohballenbau Deutschland e.V.: Strohballenbau – Geschichte, o.D., [online] https://fasba.de/strohballenbau-geschichte/ [20.06.2021].

[1] vgl. Oebbeke, Alfons: Strohballen als Wärmedämmstoff vom DIBt zugelassen, 05.03.2006, [online] https://www.baulinks.de/webplugin/2006/0402.php4, [20.06.2021].

 

 

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