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Ist Bioplastik nachhaltig?

– zuerst veröffentlicht am 21. Juli 2021 – 

Kunststoffe, umgangssprachlich Plastik genannt, werden seit dem Jahr 1907 industriell hergestellt (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V., Heinrich- Böll- Stiftung 2019). Eins der spezifischen Merkmale, wodurch sich Plastik auszeichnet, ist die Langlebigkeit und die kostengünstige Herstellung. Im Jahr 2019 fielen allein in Deutschland 6,3 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an (NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V. 2021), wobei bedacht werden muss, dass Plastik bei der Entsorgung nicht einfach zerfällt, so wie beispielsweise Bioabfall, sondern Jahre benötigt, bis es sich zersetzt. Problematisch hierbei ist, dass diese Abfälle oder Mikroplastikartikel sich mit der Zeit in Meeren, aber auch in anderen Ökosystemen unserer Erde, ansammeln, dadurch oft in die Nahrungskette gelangen und so wiederum Tieren sowie unserer Umwelt schaden.

Aus diesem Grund setzt sich dieser Artikel mit der Frage auseinander, ob Plastik wirklich nachhaltig eingesetzt werden kann. Mithilfe eines brasilianischen Beispiels soll kritisch durchdacht werden, ob die Herstellung von Plastik so gestaltet werden kann, dass tatsächlich von Bioplastik, welches nachhaltig und umweltschonend ist, gesprochen werden kann. Dabei werden wir feststellen, dass auch die Kennzeichnung von ‚Bio‘ nicht einschließt, dass es sich dabei um ein umweltschonendes und nachhaltiges Produkt handelt.

Was genau unter Bioplastik zu verstehen ist und wie man es erkennt: Grundsätzlich werden zwei Kategorien unterschieden. Es gibt die biobasierten und die bioabbaubaren Kunststoffe. Biobasierte Kunststoffe sind teilweise aus Biomasse hergestellte Kunststoffe, wie zum Beispiel Zuckerrohr. Unter biologischen abbaubaren Kunststoffen versteht man Kunststoffe, die sich unter bestimmten Bedingungen zersetzen und beim Abbau als CO2 und Wasser zurückbleiben (vgl. Umweltbundesamt 2021a). Die Materialien der meisten Verpackungen, welche aus biogenen Ausgangsmaterialien bestehen, werden durch Zuckerrohr gewonnen, das überwiegend aus Brasilien kommt (vgl. Wikipedia 2021). Problematisch ist, dass die Zuckerrohrpflanze mithilfe von Pestiziden behandelt wird, damit Monokulturen angebaut werden können. Pestizide sollen dabei helfen, als lästig oder schädlich angesehene Lebewesen sowie Viren und Viroide fernzuhalten (Greenpeace/ Zimmermann 2021).

Dieser Einsatz hat erhebliche Folgen für den Menschen sowie für die Natur. Tiere wie Insekten leiden enorm unter dem Einsatz von Pestiziden, sodass der Einsatz stets mit kritischem Auge betrachtet werden muss (Greenpeace/ Zimmermann 2021). Der Anbau von Zuckerrohr steht daher unter einem enormen gesellschaftlichen Druck, da er der ökologischen Nachhaltigkeit, d.h. dem Schutz der Tiere und der Umwelt, widerspricht.

Zudem steht Brasilien unter einem erheblichen Preisdruck, Zuckerrohr günstig anbieten zu können, sodass die Arbeiter:innen deutlich unter dem Mindestlohn bezahlt werden (Landwirtschaft Brasilien: Pflanzenproduktion – Agrar & Reisen 2021). Dies führt zu erheblicher Armut in den Anbauregionen. Führt man sich vor Augen, dass der Begriff Nachhaltigkeit drei Perspektiven einschließt, nämlich die soziale, ökologische und ökonomische, und der Begriff ‚Bio‘ eine ökologische Landwirtschaft suggeriert, stellt sich die Frage, ob man bei Biokunststoffplastik von nachhaltigem Plastik sprechen kann.

Führen wir dennoch die Thematik der Nachhaltigkeitsfrage fort, und setzen uns mit der Produktion auseinander: Im Jahr 2017 betrug die Produktionskapazität für biobasierte Kunststoffe weltweit etwa ein Prozent der Gesamtproduktion von Kunststoffen (die Gesamtproduktion lag im Jahr 2019 bei 360 Millionen Tonnen [Statista 2021]). Es werden dafür 0,02 Prozent der globalen Landwirtschaftsfläche genutzt, was nur auf den ersten Blick wenig erscheint (0,02% entsprechen ca. 4,5 Milliarden Fußballfelder), aber dieser Anteil soll in den nächsten Jahren steigen. Hier sollte hervorgehoben werden, dass von 2004 bis 2019 der Anteil landwirtschaftlicher Nutzfläche um 8.045 Quadratkilometer von 53 auf 50,7 Prozent der Gesamtfläche sank (Umweltbundesamt 2021b).

Betrachtet man die Prognosen für die Entwicklung der Kunststoffproduktion einerseits und die Auslastung der derzeit bewirtschafteten Agrarflächen andererseits, wird schnell klar: Die Ausschöpfung der weltweiten Ackerflächen wird nicht zurückgehen. Die Folge dessen sind unter anderem, dass es aufgrund der Produktion von biobasierten Kunststoffen in den Anbauregionen zu den üblichen Folgen der Ausweitung des Anbaus von Agrarrohstoffen kommen wird: Wasserknappheit, Artensterben, Wüstenbildung und Verlust natürlicher Lebensräume.

Somit sollte klar werden, dass dies keine Option ist, um umweltverträgliches Plastik herzustellen. Natürlich wird Zuckerrohr nicht ausschließlich für die Produktion von Kunststoffen angebaut, aber betrachtet man nicht nur die Folgen einer extensiven Landwirtschaft, lassen sich weitere Punkte finden, warum an dem Anbau von Rohrzucker wenig nachhaltig ist. Denn schon allein die Fläche, die für den Anbau von biobasierten Rohstoffen genutzt wird, steht der Weltbevölkerung zum Anbau von Lebensmitteln nicht mehr zur Verfügung. Daraus lässt sich schließen, dass die Ausweitung des Anbaus und die Nutzung von Agrarrohstoffen keine einwandfreie Lösung ist.

Warum wird trotz dieser Umweltprobleme weiterhin auf vermeintlich nachhaltiges Plastik wie das aus Zuckerrohr gesetzt?

Bedacht werden muss leider, dass jeder Weg, egal ob nachhaltiges oder „normales Plastik“, Umweltprobleme birgt. Der Irrglaube, man müsse an dem eigenen Konsumverhalten nichts ändern, solange man Müll trennt, ist grundsätzlich falsch. Es muss unabdinglich eine Lösung gefunden werden, wie Plastik reduziert werden und die Umwelt geschont werden kann. Denn bisher gibt kaum Lösungswege, um Plastik, wie zum Beispiel oben aufgeführt durch Zuckerrohr, nachhaltig zu produzieren.

Aus diesem Grund kann man sagen, dass auch sog. Bioplastik keinen einwandfreien Weg darstellt und die Umwelt- und die sozialen Probleme, die daraus entstehen, nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. DIE Lösung wäre, auf Verpackungsmaterial zu verzichten.

-Verfasst von Nadine Notter-

 

Literaturverzeichnis

Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V., Heinrich- Böll- Stiftung (2019): Plastikatlas 2019. MAIS STATT ÖL IST KEINE LÖSUNG, S. 34–35. Online verfügbar unter https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/chemie/chemie_plastikatlas_2019.pdf, zuletzt geprüft am 05.07.2021.

Greenpeace/ Zimmermann (2021): Einsatz von Pestiziden in der deutschen Landwirtschaft | Greenpeace. Online verfügbar unter https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/pestizide-landwirtschaft-11052015.pdf, zuletzt geprüft am 06.07.2021.

Landwirtschaft Brasilien: Pflanzenproduktion – Agrar & Reisen (2021). Online verfügbar unter https://landwirtschaftsreisen.de/landwirtschaft-in-brasilien/pflanzenproduktion.php#Zuckerrohr, zuletzt aktualisiert am 06.07.2021, zuletzt geprüft am 06.07.2021.

NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V. (2021): Kunststoffabfälle in Deutschland – NABU. Online verfügbar unter https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/abfall-und-recycling/22033.html, zuletzt aktualisiert am 05.07.2021, zuletzt geprüft am 05.07.2021.

Statista (2021): Kunststoffproduktion weltweit und in Europa bis 2018 | Statista. Online verfügbar unter https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167099/umfrage/weltproduktion-von-kunststoff-seit-1950/, zuletzt aktualisiert am 05.07.2021, zuletzt geprüft am 05.07.2021.

Umweltbundesamt (2021a): Biobasierte und biologisch abbaubare Kunststoffe. Online verfügbar unter https://www.umweltbundesamt.de/biobasierte-biologisch-abbaubare-kunststoffe, zuletzt aktualisiert am 12.07.2021, zuletzt geprüft am 12.07.2021.

Umweltbundesamt (2021b): Struktur der Flächennutzung. Online verfügbar unter https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/flaeche/struktur-der-flaechennutzung#die-landwirtschaftlich-genutzte-flache-schrumpft, zuletzt aktualisiert am 12.07.2021, zuletzt geprüft am 12.07.2021.

Wikipedia : Zuckerindustrie. Online verfügbar unter https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Zuckerindustrie&oldid=209743169, zuletzt aktualisiert am 13.03.2021, zuletzt geprüft am 12.07.2021.

 

 

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