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Netflix, Zoom und Co. – wie sehr schadet Streaming dem Klima?

2020 gaben 96% der Deutschen an, das Internet zu nutzen sei ihre liebste Freizeitaktivitäten, dicht gefolgt von Fernsehen (86%) und sich mit dem Computer zu beschäftigen (83%).[1] Die Mediennutzung scheint ein großer Bestandteil der Freizeitbeschäftigung zu sein; vor allem während der Corona-Pandemie boomt der Markt neuer technischer Geräte und Anbieter von Streamingdiensten verzeichnen ein großes Plus[2]. Streamen beinhaltet dabei den Filmeabend mit Freund*innen ebenso wie das Online-Meeting mit den Kolleg*innen oder das virtuelle Kaffee-und-Kuchen-Treffen mit den Großeltern. Ob Pflicht oder Freizeit, Streamen wurde im Jahr 2020 zum Alltag Vieler. Doch wie wirkt sich unser Streaming-Verhalten auf die CO2-Bilanz aus?

Belaste ich auf dem Sofa die Umwelt?

Ein großer Teil der Mediennutzug im Privaten stellt das Videostreaming dar. Während es Ende 2019 weltweit noch 167 Millionen Abonnements gab, verfügt Netflix im Jahr 2021 über mehr als 200 Millionen Benutzerkonten.[3] Ein Netflix Konto kann – je nach Abo – von Mehreren gleichzeitig genutzt werden, weshalb die tatsächliche Zahl der Nutzer*innen womöglich noch höher liegt. Dadurch können auch innerhalb eines Haushalts Filme und Serien zeitgleich auf verschiedenen Endgeräten angesehen werden. Durch diese Möglichkeit und das große Angebot der Streamingdienste scheint das klassische Bild der Familie, die sich gemeinsam einen Fernseher teilt, veraltet zu sein. Doch wie sehr leidet eigentlich unser Klima nun unter einem Serien-Marathon?

Eine Stunde Streaming in Full-HD verursacht ca. 100-175 Gramm CO2. Das entspricht in etwa einer Autofahrt von einem Kilometer.[4] Auf den ersten Blick scheinen diese Zahlen nicht besonders hoch zu sein, allerdings muss der enorme Anstieg der Nutzung in Betracht gezogen werden. Denn – wie oben bereits erwähnt –  finden digitalisierte Technologien nicht nur bei freizeitlichen Aktivitäten Zuwachs, sondern auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. Interessanterweise variiert die Höhe des CO2-Ausstoßes beim Streaming, je nach Art des Geräts und der Auflösung. Generell gilt: Je größer das Display, desto höher der CO2-Ausstoß. Die gleiche Regel lässt sich auch auf die Videoqualität übertragen.

Doch macht die Umstellung der Auflösung wirklich so einen großen Unterschied für das Klima?

Ja. Eine Stunde Videostreaming bei 720p produziert ca. 130 Gramm CO2 (also 1 km Auto fahren), bei einer Videoqualität von 4K bereits 610 Gramm CO2.[5] Mehr als das Vierfache, obwohl das gleiche Endgerät genutzt wird. Wodurch produzieren wir nun CO2, wenn wir „nur“ Netflix schauen?

Die Internet-Autobahn als Umweltsünde

Der hohe Energieverbrauch und somit auch der CO2-Ausstoß beim Streamen entsteht in den Kommunikationsnetzen, den Rechenzentren und durch den Stromverbrauch der Endgeräte. Rechenzentren dienen als eine Art Infrastruktur des Internets und verbinden die Datenströme in Knotenpunkten. Hier hat sich der Energieverbrauch im letzten Jahrzehnt um 6% erhöht, obwohl die Server immer effizienter geworden sind.[6] Doch die Effizienz der Rechenzentren kann der stark zugenommenen Nutzung nicht entgegenwirken, zumal die Server auch ständig gekühlt werden müssen, womit ein hoher Energieaufwand verbunden ist. In Deutschland wurden vor allem in und um Frankfurt neue Rechenzentren gebaut, die auch durch die Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz stark expandiert sind. Es wird davon ausgegangen, dass sich der Energieverbrauch in den deutschen Rechenzentren von 2018 bis 2030 um 50% erhöht.[7]

Kamera aus oder an?

Auch weite Teile unserer Kommunikation wurden mittlerweile digitalisiert. Home-Office und die Verlegung des Unterrichts in die digitalen Klassenzimmer haben 2020 dazu beigetragen. 15 Stunden Videokonferenz pro Woche stoßen ca. 9,4 Kilogramm CO2 aus.[8] Das entspricht ca. dem CO2-Ausstoß einer Autofahrt von 35 Kilometern.[9] Bei ausgeschalteter Kamera lässt sich dieser Wert auf 377 Gramm senken.[10] Auch hier ist die Anzahl an Nutzer*innen entscheidend. Allein im April 2020 wurde Zoom über 35 Millionen Mal weltweit heruntergeladen.[11] Durch den Stromverbrauch der Endgeräte, den Router und die Anschlüsse zu Hause und durch die Rechenzentren werden auch hier viel CO2 ausgestoßen und die Umwelt belastet.

Zum Weiterdenken: CO2 entsteht nicht nur beim Streamen. Jedes Mal, wenn wir einen Begriff googeln, ein YouTube-Tutorial anschauen oder eine WhatsApp-Nachricht verschicken, generieren wir Stromverbrauch am Endgerät und Router und vor allem durch die Nutzung der Server in den Rechenzentren und deren Kühlung. Wird dieser Strom nicht durch grüne Energien gewonnen, wird CO2 produziert.

Wir wissen jetzt also, dass wir durch das Streamen CO2 verursachen. Dabei muss auch an den CO2-Verbrauch und die Umweltbelastung durch die Ressourcenschöpfung und die Gewinnung wichtiger Metalle bei der Produktion von technischen Geräten gedacht werden. Vor allem in den Corona Jahren haben sich Viele neue Bildschirme und Computer angeschafft, um den Anforderungen von Home-Office bzw. -Schooling gewachsen zu sein und soziale Kontakte über den Bildschirm zu pflegen. Damit einher gehen auch zusätzlich große Mengen an Elektroschrott.

Was sollen wir also tun? Alle elektronischen Geräte wegschmeißen? Morgen kündigen, weil die Videokonferenz im Home-Office zu viel CO2 produziert? Nein. In unserer modernen, globalisierten Welt sind wir auf viele technische Fortschritte angewiesen. Hinzu kommt, dass während der Pandemie an anderen Stellen CO2 eingespart wurde. So sind zum Beispiel durch das Home-Office oder durch nicht stattgefundene Urlaubs- und Freizeitaktivitäten viele Fahrt- und Flugstrecken weggefallen. Trotzdem müssen wir uns überlegen, wie eine nachhaltige digitale Nutzung aussehen kann, da diese in Zukunft immer mehr zunehmen wird. Daher: Bewusstsein für digitale Mediennutzung schaffen und in der Freizeit vielleicht mal ein paar Geräte zur Seite legen.

-Verfasst von Stefanie Meier-

 

Quellen:

Hintemann, R. (2020): „Data Centers 2018. Efficiency gains are not enough: Data center energy consumption continues to rise significantly”. Berlin: Borderstep Institut https://www.borderstep.de/wp-content/uploads/2020/04/Borderstep-Datacenter-2018_en.pdf

Hintemann, R.; Hinterholzer, S. (2020): Videostreaming: Energiebedarf und CO2-Emissionen. Hintergrundpapier. Berlin: Borderstep Institut

MyClimate: https://co2.myclimate.org/de/car_calculators/new

Statista: beliebteste Freizeitaktivitäten 2020 in Deutschland

Statista: europäisches Videostreaming: https://de.statista.com/infografik/3838/daten-zum-europaeischen-videostreaming-markt/

Statista: Netflix-Abonennt*innen: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/196642/umfrage/abonnenten-von-netflix-quartalszahlen/

Statista: Zoom-Downloads: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1113689/umfrage/anzahl-der-downloads-von-zoom-ueber-den-apple-app-store-weltweit/

US-Studie: The overlooked environmental footprint of increasing Internet use https://doi.org/10.1016/j.resconrec.2020.105389


[1] Statista: beliebteste Freizeitaktivitäten 2020 in Deutschland

[2] Statista: europäisches Videostreaming: https://de.statista.com/infografik/3838/daten-zum-europaeischen-videostreaming-markt/

[3] Statista: Netflix-Abonennt*innen: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/196642/umfrage/abonnenten-von-netflix-quartalszahlen/

[4] Hintemann, R.; Hinterholzer, S. (2020): Videostreaming: Energiebedarf und CO2-Emissionen. Hintergrundpapier. Berlin: Borderstep Institut

[5] Ebd.

[6] Hintemann, R. (2020): „Data Centers 2018. Efficiency gains are not enough: Data center energy consumption continues to rise significantly“. Berlin: Borderstep Institut, S.1

[7] Hintemann, R. (2020): „Data Centers 2018. Efficiency gains are not enough: Data center energy consumption continues to rise significantly“. Berlin: Borderstep Institut, S.1

[8] US-Studie: The overlooked environmental footprint of increasing Internet use https://doi.org/10.1016/j.resconrec.2020.105389

[9] https://co2.myclimate.org/de/car_calculators/new

[10] US-Studie: The overlooked environmental footprint of increasing Internet use https://doi.org/10.1016/j.resconrec.2020.105389

[11] Statista: Zoom-Downloads: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1113689/umfrage/anzahl-der-downloads-von-zoom-ueber-den-apple-app-store-weltweit/

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