Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

Inhalt

Der Impact der konventionellen Baumwollproduktion und -verarbeitung

Wenn wir an Baumwolle denken, verbinden wir damit etwas Weiches und Reines. Doch wie sieht die Produktion und Verarbeitung von konventioneller Baumwolle aus und welche ökologischen und sozialen Auswirkungen hat sie?

Die Wolle des Baumes

Baumwolle ist allgegenwärtig und kaum aus unserem Alltag wegzudenken – erinnern wir uns nur an den letzten Einkauf mit dem Baumwollbeutel. Doch anders als der Name vermuten lässt, wächst Baumwolle an Sträuchern und nicht an Bäumen. Die Baumwollfasern umgeben den Samen der Baumwollpflanze und weisen Eigenschaften wie Reißfestigkeit, Saugfähigkeit und Atmungsaktivität auf, die sie zur wichtigsten Naturfaser in der Textilindustrie machen [1]. Auch das angenehme Tragegefühl auf der Haut trägt zur Beliebtheit der Faser bei. So besteht etwa die Hälfte aller Textilien weltweit aus Baumwolle [2].

Doch woher kommt die Baumwolle für unsere Kleidung heutzutage eigentlich?

Als eine der weit verbreitetsten und wichtigsten Naturfasern in der Welt [3], wurde die inzwischen vorherrschende Baumwollart Gossypium hirsutum L. erstmals vor über 5000 Jahren in den Anden kultiviert [4]. Ursprünglich aus warmen und regenreichen Regionen stammend, wird der heutige intensive Anbau der Baumwollpflanzen in trockeneren Gebieten betrieben, um Ertragsverlust zu minimieren, da die Knospe der Baumwollpflanzen sehr regenempfindlich ist. Inzwischen (Stand 2019) sind Indien mit 6,4 Millionen Tonnen Baumwolle, China mit 5,9 Millionen Tonnen und die USA mit 4,4 Millionen Tonnen – jeweils auf das Jahr gerechnet – die führenden Länder in der Baumwollproduktion [5]. Die intensive Baumwollproduktion in trockenen Regionen führt jedoch auf ökologischer und sozialer Ebene zu einer Reihe von Problemen.

 #ThereIsNoPlanetB – Der Einfluss der Baumwollproduktion auf ökologischer Ebene

Für den Anbau von Baumwolle werden große Flächen benötigt, für die oftmals auch Wälder abgeholzt werden – 1 Tonne Baumwolle benötigt ungefähr 1,3 Hektar sonnige Fläche [6]. Da es sich hierbei meist um wasserarme Anbaugebiete handelt, ist auch der Verbrauch an Wasser für die künstliche Bewässerung der Baumwollfelder sehr hoch. Warum dieser hohe Wasserverbrauch problematisch ist, kann am Beispiel des Aralsees in Kasachstan und Usbekistan betrachtet werden: Ehemals eines der größten Binnenmeere der Welt (um 1960 hatte der Aralsee eine Fläche fast so groß wie Bayern), wurde das Wasservolumen des Sees durch Stau- und Umleitungsmaßnahmen für den Baumwollanbau seit 1960 um 90% reduziert [7].

Auch in der gesamten Lieferkette der Textilproduktion werden Unmengen an Wasser verbraucht. Für die Produktion von 1 Kilogramm Baumwollstoff werden ca. 22.000 bis 25.000 Liter Wasser benötigt und dabei circa 5,1 bis 5,7 Kilogramm CO2 ausgestoßen [6]. Für ein einziges T-Shirt laufen somit mehr als zehn Badewannen voll [1].

Neben der Wasserproblematik ist beim konventionellen Baumwollanbau der massive Einsatz von Chemikalien problematisch. Beispielsweise werden in Baumwollmonokulturen rund 10% der weltweit eingesetzten Pestizide zur Schädlingsbekämpfung verwendet [6]. Um den Ertrag und Gewinn zu steigern, werden die eigentlich mehrjährigen Pflanzen nur einjährig angebaut, da der Ertrag im ersten Anbaujahr am höchsten ist. Zusätzlich wird immer mehr Dünger eingesetzt und die Produktion auf ungeeignete Standorte ausgeweitet. Hierbei werden die ausgelaugten Böden zur Ertragssteigerung überdüngt, so dass die Rückstände der Düngemittel und Pestizide ins Trinkwasser gelangen und zur Vergiftung des Grundwassers führen [8].

Auch in den nächsten Schritten des Färbens, Imprägnierens und Waschens der Textilien werden zwischen 20.000 und 40.000 verschiedene giftige Chemikalien eingesetzt [9]. Diese werden häufig ungefiltert in die Umwelt freigesetzt und verunreinigen die Gewässer, die der lokalen Bevölkerung wiederum oftmals als Trinkwasser dienen. So kommt es, dass die Textilindustrie einer der größten industriellen Verschmutzer von Grundwasser, Flüssen und Meeren ist [9].

Doch die Baumwollproduktion und -verarbeitung hat nicht nur einen enormen Impact auf ökologischer, sondern auch auf sozialer Ebene.

#WhoMadeMyClothes – Der Einfluss der Textilindustrie auf sozialer Ebene

Die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen von Textilarbeiter*innen gingen durch alle Medien, als 2013 eine Fabrik in Rana Plaza, Bangladesch, einstürzte und über 1000 Opfer forderte [10]. Trotzdem werden weiterhin T-Shirts für 4,95 Euro ver- und gekauft, wovon der Lohnanteil für Näher*innen nur bei 2,6 % liegt und sie somit an diesem T-Shirt ungefähr 12 Cent verdienen [11]. Die Arbeiter*innen sind entlang der gesamten Lieferkette, von den Baumwollfeldern bis zu den Textilfabriken, unterbezahlt und oftmals hochgefährlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt [12]. Meist ist der Mindestlohn in der Textilindustrie zudem noch weit entfernt von einem existenzsichernden Lohn, der es den Näher*innen ermöglichen würde, sich selbst und ihre Familie zu ernähren, ihre Miete zu zahlen sowie für Gesundheits-, Bekleidungs- und Bildungskosten aufzukommen. So beträgt der Mindestlohn in Bangladesch 50 Euro/Monat, ein existenzsichernder Lohn läge jedoch bei 81 Euro/Monat. Auch in Indien beträgt der Mindestlohn nur 31% des Existenzlohns [13]. Außerdem verfügen Arbeiter*innen über keinerlei arbeits- und sozialrechtliche Sicherheiten wie Arbeitsverträge, Krankenversicherung, Rente, Mutterschutz oder Urlaubsansprüche. Etwa 70% der Arbeitskräfte in der Textilindustrie weltweit sind Frauen und viele von ihnen erleiden sexuelle Belästigung und körperliche Übergriffe [9, 14]. So geben über 60% der Textilarbeiterinnen in Bangladesch an, dass „Bedrängung und Kränkung durch sexuelle Anspielungen in Fabriken üblich sind“ [15].

Über 60% der weltweiten Baumwolle wird durch Kleinbetriebe produziert, deren Eigentümer*innen zu den Ärmsten und Verletzlichsten in der Welt gehören. Die meisten dieser Kleinbauern und
-bäuerinnen leben in weniger entwickelten Ländern und bauen die Baumwolle auf einer Fläche von unter 2 Hektar an. Aufgrund der hohen Kosten für Anschaffungen wie Pestizide oder Dünger verschulden sich die Bauern und Bäuerinnen häufig. Neben vielen weiteren Faktoren, wie beispielsweise der niedrigen Verkaufspreise der Baumwolle, trägt dies zu einem ewigen Armutskreislauf bei [16].

Gefährlichen Arbeitsbedingungen sind nicht nur die Textilarbeiter*innen ausgesetzt, die meist ohne Schutzkleidung mit gefährlichen und gesundheitsschädlichen Chemikalien arbeiten [17]. Den gesundheitsschädlichen Chemikalien begegnen auch die Arbeiter*innen auf den Baumwollfeldern, wo sie ebenfalls ohne geeignete Schutzkleidung Pestizide ausbringen. Nach Schätzungen der WHO sterben weltweit pro Jahr 20.000 Menschen an Pestizidvergiftung beim Baumwollanbau [8]. Da außerdem viele Frauen auf dem Feld arbeiten, führt der ungeschützte Kontakt mit Pestiziden und Insektiziden häufig zu Fehlgeburten, Missbildungen der Ungeborenen oder gar zur Unfruchtbarkeit. Durch den intensiven Einsatz von Pestiziden kommt es außerdem zur Verunreinigung des Trinkwassers, das dann zu gesundheitlichen Folgen der ansässigen Bevölkerung führt. Die Langzeitwirkungen von Pestiziden können zu Schädigungen des Nervensystems, des Hormonhaushalts und des Reproduktionssystems führen [1]. Doch selbst wenn die Arbeiter*innen Zugang zu geeigneter Schutzausrüstung hätten, so sind deren Anleitungen und Warnhinweise oft auf Englisch geschrieben, das die betroffenen Personen nicht verstehen, oder diese können die Hinweise aufgrund der großen Analphabetenrate gar nicht erst lesen. So wird weiter ohne Handschuhe oder Atemmaske mit gefährlichen Chemikalien gearbeitet.

Ein weiteres Problem der Textilindustrie auf sozialer Ebene ist die Kinderarbeit. Diese ist in der Textilindustrie allgemein weit verbreitet – nach Schätzungen arbeiten weltweit 90 Millionen Kinder in der Baumwollindustrie [8]. Mali ist beispielsweise der zweitgrößte Baumwollproduzent Afrikas und Kinderarbeit in der dortigen Baumwollindustrie ist keine Seltenheit, wodurch der Armutskreislauf in unzähligen Familien aufrechterhalten wird. Hauptgrund hierfür ist der den Kindern verwehrte Zugang zu Schulbildung und die daraus folgenden schlechteren Zukunftsperspektiven [18]. Die anstrengende körperliche Arbeit führt bei Kindern zu kaputten Gelenken und durch das Arbeiten an lauten Maschinen verlieren einige Kinder ihr Gehör. Außerdem sind sie ständig gefährlichen und giftigen Dämpfen ausgesetzt, sodass Atemwegserkrankungen keine Seltenheit sind [19].

Die Alternativen zur konventionellen Baumwolle

Alternative Rohstoffe zur Baumwolle aus ebenfalls pflanzlichen Fasern sind beispielsweise Leinen und Hanf. Auch der Anbau von Biobaumwolle bringt einige Vorteile mit sich und stellt somit eine deutlich umweltfreundlichere Alternative zur konventionellen Baumwolle dar. Einer Studie von 2014 zufolge kann bei der Produktion von Bio-Baumwolle 91% des Wasserverbrauchs gegenüber dem konventionellen Baumwollanbau eingespart werden [20]. Sowohl der Umwelt als auch der Gesundheit der Arbeiter*innen kommt zugute, dass auf chemische Pestizide verzichtet und Schädlinge mit traditionellen Methoden bekämpft werden [21]. So werden beispielsweise neben der mechanischen Bekämpfung von Unkraut durch das Hacken von Hand auch Pflanzen wie Okra angebaut, die für die Schädlinge attraktiver sind als die Baumwollpflanzen selbst [22].

Ein weiterer interessanter Ansatz ist die Verwendung von Hundehaar. Hier können die Besitzer*innen die Unterwolle ihrer vierbeinigen Haustiere an die Plattform Modus Intarsia des Start-ups YarnSustain schicken, die ein Verfahren entwickelt haben, um aus Hundehaar Garn zu spinnen. So kann Rohstoff für Textilien gewonnen werden, ohne dafür Nutztiere in ökologisch und ethisch fragwürdiger Weise halten zu müssen.

Und jetzt? Back to basics: shoppen im eigenen Kleiderschrank

Ein nachhaltiger Konsumstil ist unumgänglich, wenn Umwelt- und Gesundheitsgefahren intensiver, konventioneller Baumwollproduktion eingedämmt werden sollen. Einer McKinsey-Studie zufolge ist die durchschnittliche Anzahl der gekauften Kleidungsstücke weltweit zwischen den Jahren 2000 und 2014 um 60% gestiegen [12], während sich die Häufigkeit, mit der ein Kleidungsstück getragen wird, in den letzten 15 Jahren um 36% verringert hat [23]. Ein Besuch im eigenen Kleiderschrank oder im Second-Hand-Shop bietet dir die Möglichkeit, das Neukaufen von Textilien zu umgehen und die Produktion von Kleidung somit etwas zu bremsen. Und wenn die Regenjacke oder der Sonnenhut, das T-Shirt oder die Jeans doch neu gekauft werden, solltest du auf Fairtrade-Siegel, wie beispielsweise das GOTS-Siegel oder auf zusätzliche Zertifizierungen wie die Mitgliedschaft des Unternehmens in der Fair Wear Foundation achten, die faire Arbeitsbedingungen gewährleistet – denn „Bio“-Baumwolle bedeutet nicht automatisch, dass das Kleidungsstück auch fair und nachhaltig produziert wurde.

Anbei findest du noch einen „Care Guide“ mit Tipps, wie du deine Kleidung an besten pflegst und wäscht, damit sie möglichst lange hält – denn die nachhaltigsten Kleidungsstücke sind die, die schon in deinem Kleiderschrank hängen…

Schau doch mal im Etikett deines T-Shirts nach – aus was setzt sich das Material zusammen und wo wurde das T-Shirt produziert? Lass es uns in den Kommentaren wissen!

-Verfasst von Fee Breunig-

 

 

Literaturverzeichnis

[1] http://www.umweltinstitut.org/fragen-und-antworten/bekleidung/anbau-von-baumwolle.html#:~:text=Woher%20kommt%20die%20Baumwolle%20f%C3%BCr,vor%20%C3%BCber%207000%20Jahren%20angebaut

[4] Yoo, MJ; Wendel, JF; (2014): Comparative Evolutionary and Developmental Dynamics of the Cotton (Gossypium hirsutum) fiber transcriptome. In PLOS Genetics. doi: 10.1371/journal.pgen.1004073

[5] https://www.statista.com/statistics/263055/cotton-production-worldwide-by-top-countries/

[6] WWF (2010): Hintergrundinformation Bekleidung und Umwelt, S. 4 https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/HG__Bekleidung_Umwelt_BB_JE_06_2010.pdf

[7] https://www.wwf.de/themen-projekte/fluesse-seen/wasserverbrauch/wasser-verschwendung

[11] https://www.focus.de/finanzen/news/tid-28299/kleidung-aus-billiglohn-laendern-in-fast-jedem-kleiderschrank-stecken-billig-klamotten-ein-monatslohn-von-20-euro_aid_868901.html

[12] https://www.mckinsey.com/business-functions/sustainability/our-insights/style-thats-sustainable-a-new-fast-fashion-formula

[15] FEMNET e.V. (2018): Frauen in der Bekleidungsindustrie Bangladeschs, S. 2

https://saubere-kleidung.de/wp-content/uploads/2018/07/FEMNET-FactSheet-Bangladesh-2018-online.pdf

[16] http://cottonupguide.org/why-source-sustainable-cotton/challenges-for-cotton/#1518784832966-88dad5a9-3507

[17] https://saubere-kleidung.de/gesundheit-und-sicherheit/

[20] http://aboutorganiccotton.org/environmental-benefits/

[21] https://utopia.de/ratgeber/bio-baumwolle-wissenswertes/

[22] https://www.quarks.de/umwelt/kleidung-so-macht-sie-unsere-umwelt-kaputt/

[23] Ellen MacArthur Foundation et al. (2017): A new textiles economy: Redesigning fashion’s future, S. 19 https://www.ellenmacarthurfoundation.org/assets/downloads/publications/A-New-Textiles-Economy_Full-Report_Updated_1-12-17.pdf

[23] Care guide: https://www.armedangels.com/de-de/about-us/careguide

 

Bild: https://www.pexels.com/de-de/foto/blumen-pflanze-strauss-flora-4273425/

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