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Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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Sind Tiny Houses eine nachhaltige Alternative zur klassischen Wohnsituation?

WinnieC; Quelle: pixabay

Ein Eigenheim mit guter Verkehrsanbindung, kurze Strecken zum Arbeitsplatz, in der Nähe zum Wasser – und mit viel Platz und eigenem Garten: Das ist es, was die Mehrzahl der Deutschen sich von ihrem Wohnort wünscht (vgl. Wohntraumstudie 2021). Aktuell stehen pro Kopf im Durchschnitt 47,4qm zur Verfügung (vgl. Rudnicka 2021). Eine Wohnung in der Stadt verfügt im Schnitt über 101,6qm auf 4,3 Zimmern (vgl. Wohntraumstudie 2021).

Wie groß ist deine Wohnung? Kannst du dir vorstellen, auf weniger als der Hälfte dieser Durchschnittsgröße zu leben?

Seit einigen Jahren werden Tiny Houses in Deutschland immer beliebter – und die sind im Schnitt nur etwa 22-25 m² groß, meist verteilt auf zwei Ebenen.

Wohnraum wird mehr und mehr zum Luxusgut, insbesondere in Großstädten wie München oder Frankfurt. Einerseits werden Mieten und Wohneigentum immer teurer (vgl. Öchsner 2019); andererseits wächst die Bevölkerung, und vor allem zwischen Jung und Alt besteht eine große Diskrepanz bezüglich des verfügbaren Platzes: Die Lebenserwartung steigt, wodurch mehr Wohnraum für ältere Menschen benötigt wird. Gerade in dieser Altersgruppe wächst aber auch die Zahl alleinstehender Haushalte (vgl. Kramper 2019). Das führt dazu, dass Senior*innen – durch Ersparnisse im Verlauf ihres Lebens oder gemeinsame Investitionen mit einem vielleicht schon verstorbenen oder geschiedenen Partner – in vielen Fällen vergleichsweise viel Wohnraum zur Verfügung steht, der dann an anderer Stelle fehlt (vgl. ebd.). So waren 2019 in Deutschland 10% mehr Wohnungen unterbelegt als in den Vorjahren, das heißt, sie enthielten im Schnitt zwei als Schlafzimmer nutzbare leerstehende oder kaum genutzte Räume; zugleich gab es ganze 746.000 überbelegte Haushalte, in denen kein eigenes Zimmer für jedes Haushaltsmitglied zur Verfügung stand (vgl. ebd.).

Tiny Houses bieten eine Möglichkeit, der Problematik mangelnden Wohnraumes entgegenzutreten – denn irgendeine Form der Umstrukturierung muss früher oder später stattfinden; der Platz, dass jeder ein Einfamilienhaus haben könnte, ist schlicht nicht vorhanden.

Auf rund 15m² Wohnfläche – die Größe hängt davon ab, ob das Haus mobil ist oder nicht, da die Straßenverkehrszulassungsordnung die Maximalgröße bestimmt (vgl. Rolling Tiny House) – ist alles im Wesentlichen Notwendige enthalten. Meist wird die untere Ebene als Wohn-, Koch- und Sanitätsbereich genutzt, während die obere Ebene einen Schlafplatz bietet. So wird der Wohnraum optimal ausgenutzt.

Bereits für rund 15.000 Euro lässt sich ein Tiny House kaufen – wie so oft variieren die Kosten je nach Größe, Innenausstattung, Mobilität, … im Schnitt liegen die Kosten etwa zwischen 25.000 und 65.000 Euro (vgl. ebd.)

Tiny Houses können also, sofern sie nicht stationär, sondern auf Rädern erbaut sind, eine passende Lösung für Reiselustige oder Menschen, die beruflich flexibel sein müssen. Sie  sind bezahlbarer als größere Unterkünfte, und es ist insbesondere bei stationären Modellen vergleichbar einfach, sie zu vergrößern und anzubauen, wenn plötzlich mehr Platz benötigt wird.

Aber handelt es sich bei Tiny Houses auch um ein nachhaltiges Wohnkonzept?

Bezogen auf den CO2-Verbrauch lautet die Antwort: ja. Weniger Wohnfläche bedeutet auch, dass weniger geheizt werden muss, Strom gespart werden kann und dadurch insgesamt weniger CO2-Emissionen verursacht werden (vgl. Wego/ Vief 2021, vgl. Storm 2018).

Dazu kommt, dass oft auf eine ressourcenschonende Bauweise geachtet wird: Die kleinen Häuser brauchen selbstverständlich deutlich weniger Baumaterialien, und diese werden überdies für gewöhnlich sorgfältig ausgewählt (vgl. Storm 2018). Viele Anbieter nutzen zum Beispiel recycelte oder ökologische Materialien (vgl. Walch).

Nachhaltigkeit ist in der Regel ein wichtiger Punkt für Menschen, die sich für ein Tiny House als Wohnsitz    entscheiden. Viele der Häuser sind darauf ausgelegt, einen autarken Lebensstil zu ermöglichen – etwa in Form von Solarzellen auf dem Dach oder indem Regenwasser gesammelt wird (vgl. Angst 2005).

Und auch auf das Konsumverhalten haben Tiny Houses Einfluss. Wer über wenig Platz verfügt, überlegt es sich dreimal, ob er oder sie diesen der jenen Gegenstand wirklich braucht und falls ja, ob ein Kauf notwendig oder stattdessen eine Ausleihe möglich ist. Wenig Platz und Minimalismus gehen oft Hand in Hand. Vielleicht hast du dir selbst schon mal gedacht, dass du eigentlich gar keinen Platz im Kleiderschrank, im Bücherregal oder Küchenschrank mehr hast, um dir etwas Neues zu kaufen? Vielleicht hast du dich sogar aus diesem Grund schon mal gegen einen Neukauf entschlossen? Klar ist, wem wenig Platz zur Verfügung steht, der konsumiert zwangsläufig bewusster. Und so hinterlassen Tiny-House-Bewohner*innen einen kleineren CO2-Fußabdruck.

Inzwischen existieren ganze Tiny House-Dörfer. Das erste dieser Art in Deutschland liegt in Oberfranken im Fichtelgebirge am Rand der Gemeinde Mehlmeisel und wurde 2017 gegründet. Mittlerweile leben dort „31 Menschen, 7 Hunde und 9 Katzen“, wie es auf der Website heißt (vgl. Tiny House Village). Das kleine Dorf bietet seinen Einwohner*innen Gemeinschaftsflächen und Feuerstellen, um zusammenzukommen, geplant sind noch weitere gemeinsame Räume wie eine Bibliothek und eine Kreativwerkstatt. Besucher*innen haben die Möglichkeit, in einem Tiny House-Hotel unterzukommen und so herauszufinden, ob dieser Lebensstil ihnen liegt. (vgl. ebd.)

Ein nachhaltiger, möglichst autarker Lebensstil ist vielen Tiny-House-Fans wichtig. So zählt auch der Anbau von eigenen Lebensmitteln wie Obst und Gemüse zu den Zielen des Dorfes.

Doch wie nachhaltig das Leben im Tiny-House tatsächlich ist, hängt zum großen Teil von den Bewohner*innen ab. Es gibt viele Möglichkeiten, diese Wohnform nachhaltig zu gestalten, aber man muss sich auch dafür entscheiden. Wer nicht auf die Baumaterialien achtet oder sein Tiny-House nur als Zweitwohnsitz verwendet, spart gewiss keine CO2-Emissionen.

Um es zusammenfassend zu sagen: Durch die geringere Größe werden Baumaterialien gespart, was die Kosten für hochwertige und nachhaltige Rohstoffe kompensiert; zudem schrumpft der CO2-Fußabdruck durch niedrigere Heiz- und Stromkosten. Ein autarker und damit nachhaltiger Lebensstil kann durch das Wohnen im Tiny House begünstigt werden.

Tiny Houses sind mit Sicherheit nicht für jede*n etwas; sie stellen aber eine nachhaltige Alternative für all diejenigen dar, die sich nach einem platzsparenden, nachhaltigen Lebensstil sehnt – oder vielleicht auch nach einer entsprechenden Gemeinschaft wie im Dorf Mehlmeisel.

– verfasst von Pia Klinkhart – 

 

Quellen:

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