Wissenschaft reflektiert: Was kann Wissenschaft?

Ein studentisches Projekt am ZiWiS

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CO2-Kompensation: Fliegen ohne schlechtes Gewissen?

wal_172619; Quelle: pixabay.com

Was für ein Jahr! Nach drei Lockdowns, unzähligen Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren ist die Sehnsucht der Deutschen nach Urlaub und Durchatmen so groß wie nie. Dabei sind die Deutschen ohnehin ein reisefreudiges Volk. Die Top 3 Auslandsreiseziele der Deutschen sind laut Deutschem Reiseverband Spanien, Italien und die Türkei (www.drv.de ). 50 Millionen verreisen jedes Jahr für mindestens fünf aufeinanderfolgende Tage. 61% nutzten 2020 dafür das Flugzeug.

Die Ausgaben für den Urlaub steigen dabei seit Jahren stetig an. Die Emissionen selbstverständlich auch. So ist jede*r Flugzeugpassagier*in für 201 g Treibhausgasemissionen pro Flugkilometer verantwortlich (www.statista.de ) (1) (2) (3) (4) (5). Je nach Urlaubsziel kommen da einige Kilometer zusammen. Was also tun? Auf die lang ersehnte Urlaubsreise verzichten und es sich auf Balkonien gemütlich machen? Nachhaltig wäre das natürlich, doch ist der Outcome für die seelische Gesundheit fragwürdig. Eine Möglichkeit den eigenen ökologischen Fußabdruck (www.fussabdruck.de) zu reduzieren stellen CO2 Kompensationen dar.

Dabei zahlt man einen auf den Flug ausgelegten Aufpreis an eine eigens auf Kompensationen spezialisierte Organisation und diese wiederum nutzt das Geld, um ein nachhaltiges, klimafreundliches Projekt zu unterstützen, welches CO2 in der Umwelt verringert bzw. umwandelt und somit das durch mich verursachte CO2 neutralisiert (www.elib.dlr.de). Beispiele hierfür sind die Errichtung eines Wasserkraftwerkes, Aufforstung oder die Vergabe von hocheffizienten Öfen. Die Menschen werden dadurch an ein stabiles Stromnetz angeschlossen bzw. müssen weniger Bäume abholzen, um zu heizen/kochen (www.atmosfair.de).

Wie läuft es nun ab, wenn ich mich dafür entscheide meine Flugreise zu kompensieren?

Neben MyClimate, Klimakollekte, Primaklima, Klimamanufraktur und Arktik ist die bekannteste und größte Organisation im Hinblick auf Kompensationen „atmosfair“. Seit 2004 arbeiten über 40 Mitarbeiter*innen weltweit am nachhaltigen Ausgleich von Umweltsünden in Verbindung mit CO2. Auf www.atmosfair.de kann ich direkt angeben, mit wie vielen Personen ich von welchem Flughafen wohin fliege, anschließend bekomme ich bequem ausgerechnet, was ich zu kompensieren habe. Als vierköpfige Familie, die von Nürnberg nach Mallorca reist, kommen somit 467 Kg CO2 auf jedes Konto. Zum Vergleich: Mit dem Auto könnte ich dafür drei Monate jeweils 1000 km weit fahren. Reise ich dagegen alleine nach Phuket, Thailand, leuchten 4727 kg rot auf meinem CO2 Konto. Puh, das ist das Dreifache eines Jahressolls, denn um klimaneutral zu leben, hat jede Person ein jährliches Limit von 1500 kg CO2. Doch auch im Flugzeug selbst gibt es noch Unterschiede in Bezug auf Nachhaltigkeit. In unseren Beispielen haben wir die Leute in der Economy Class fliegen lassen. Würden sie stattdessen in der Business oder gar First Class fliegen, verdoppeln bzw. verdreifachen sich die Emissionen! Eine Flugreise schlägt somit ziemlich stark ins Gewicht, wenn wir versuchen wollen nachhaltig zu leben. Die gute Nachricht: Für unser Phuket-Beispiel genügen laut atmosfair 109 Euro (Economy Class; Einzelperson), um das CO2 des Fluges auszugleichen. Für die Reise nach Mallorca (Economy Class) sogar 43 Euro insgesamt für 4 Personen (www.atmosfair.de). Verdeutlicht man sich die Kosten der gesamten Reise mit Flug, Hotel und anderen Ausgaben vor Ort, ist dies ein relativ kleiner Betrag. Außerdem lässt sich die Kompensation, dank eines Zertifikates, im Gegensatz zur Urlaubsreise, sogar steuerlich absetzen. Also, alles prima? Reisen ohne schlechtes Gewissen?

Ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn oft dauert es zu lange, bis die Projekte sich tragen. Wenn beispielsweise von meinem Geld Bäume gepflanzt werden, dann dauert es Jahre, bis diese genug Sauerstoff produzieren, um meine Flugreise aus diesem Jahr zu neutralisieren. Bis dahin habe ich vielleicht fünf weitere Reisen getätigt. Klimaexpert*innen betonen jedoch, dass uns die Zeit davonläuft. Wir brauchen eine Kompensation, die sofort greift. Doch auch das ist möglich. So können von dem bezahlten Beitrag Öfen vergeben und durch Einsparung von Brennholz Abholzung verhindert werden. Damit bleibt Wald erhalten, der bereits jetzt CO2 bindet. Oder aber ein vertrocknetes Moor wird wieder bewässert, welches in der Lage ist, doppelt so viel Kohlenstoff zu binden wie alle Wälder der Erde zusammen (www.umweltbundesamt.de)! Entscheidend ist also darauf zu achten, welche Organisation man beauftragt und was diese mit dem Geld macht. Außerdem muss die Kompensation „zusätzlich“ geleistet werden. Das bedeutet, dass mein Geld nicht einfach als Spende in ein bereits laufendes Projekt einfließen darf, sondern es muss ein zusätzliches, grünes Projekt gestartet werden, um wirklich einen nachhaltigen Impact zu leisten. Auch eignen sich viele Dinge gar nicht, um CO2 zu kompensieren, beispielsweise Einkäufe von Lebensmitteln, da sie nicht ersetzbar, sondern unabdingbar sind. Erst wenn reduzieren und vermeiden nicht mehr greifen, kommt Kompensation zum Einsatz (www.umweltbundesamt.de).

Umfragen zu Klimawandel, Nachhaltigkeit und anderen grünen Themen zeigen, dass die Menschen bereit sind ihren Beitrag zu leisten. Oft vermissen sie jedoch politischen Aktivismus auf Bundesebene, eine Signalsetzung der Regierung, anstatt den Kampf gegen den Klimawandel alleine auf die Bürger*innen abzuwälzen. Warum also nicht Fluglinien verpflichten Kompensationen fest mit in den Preis des Flugtickets mit einzubuchen- gutes Gewissen inklusive? Natürlich dürfen wir von der Politik mehr verlangen als leere Versprechen und politische Fernziele. Eine Wahrheit kann jedoch nicht weggewischt werden: Letztendlich macht jeder Mensch mit seinen Entscheidungen den Unterschied. Darauf weist auch Edda Müller, ehemalige Umweltministerin, hin (www.jpg-journal.de).

Man sollte sich bei jeder Urlaubsplanung ehrlich reflektieren. Muss es tatsächlich die Reise nach Thailand sein oder tut es auch ein Ziel in Europa? Und kann ich dieses Ziel nicht auch per PKW/ Wohnmobil/ Zug/ Fahrrad/ zu Fuß erreichen, anstatt mit einem Flugzeug? Letztendlich machen wir doch Urlaub, um zu entspannen, zu entschleunigen, mal wieder etwas zu entdecken. Zu entdecken gibt es ja nicht erst Dinge, wenn man am Urlaubsort angekommen ist. Wieso nicht den ganzen Weg dorthin als Entdeckungsreise nutzen und mal wieder die Augen öffnen für die Wunder,  die die Natur zu bieten hat, anstatt so schnell wie möglich ans Ziel kommen zu wollen? Denn wie heißt es immer so schön: „Der Weg ist das Ziel.“ Das kann auch für den Urlaub gelten. Wir haben uns 2019 bewusst dafür entschieden nicht in den Urlaub zu fliegen, sondern sind als Familie im Wohnmobil nach Norwegen gereist. Die „Anreise“ führte uns durch Deutschland und Dänemark und war selbst so beeindruckend wie ein ganzer Urlaub. Für mich steht seither fest: Ich möchte vermehrt auf diese Art und Weise reisen. Sollte es mich irgendwann wieder mit dem Flieger in den Urlaub ziehen, dann steht für mich fest: ohne Kompensation – ohne mich.

Und wer jetzt grünes Blut geleckt hat, für den habe ich einen advanced hint: Man kann so gut wie alles kompensieren, auch einen Onlineeinkauf oder die Renovierung am Haus. Aber das erzähle ich euch wann anders 😉 !

Findet ihr, dass Kompensationen automatisch im Flugticket enthalten sein sollten? Warum? Warum nicht?

– verfasst von Simone Richter –

 

Quellen:

www.atmosfair.de

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/253315/umfrage/kerosinverbrauch-der-fluggesellschaften-aus-deutschland/  (1)

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/411620/umfrage/anzahl-der-weltweiten-fluege/  (2)

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4838/umfrage/urlaubsreiseintensitaet-der-deutschen-seit-1972/ (3)

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/220264/umfrage/urlaubsreiseausgaben-der-deutschen/ (4)

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/220267/umfrage/dauer-der-reisen-von-deutschen-touristen/ (5)

www.die-klimamanufraktur.de

https://www.drv.de/themen/reisen-in-zahlen/destinationen.html

https://elib.dlr.de/143157/1/2021%20Kompensation%20Flugreisen%20LUR.pdf

https://www.fussabdruck.de

https://www.ipg-journal.de/ipg/autorinnen-und-autoren/autor/edda-mueller/

www.klima-kollekte.de

www.myclimate.org

https://www.oekom.de/_files_media/zeitschriften/artikel/GAIA_2020_01_16.pdf

www.primaklima.org

https://www.test.de/CO2-Kompensation-Diese-Anbieter-tun-am-meisten-fuer-den-Klimaschutz-5282502-5282508/

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/376/publikationen/ratgeber_freiwillige_co2_kompensation_final_internet.pdf

 

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