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Ökotourismus: Nachhaltige Alternative oder hübsches Label?

veerasantinithi; Quelle: pixaby.com

Nachdem Reisen seit dem Beginn der COVID-19-Pandemie nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich war, nimmt der Tourismus nun langsam wieder Fahrt auf. Im Jahr 2019 verreisten 78 Prozent der Deutschen für mindestens fünf Tage,[1] doch der Tourismus belastet die Umwelt. Rund fünf Prozent aller klimaschädlichen Emissionen weltweit lassen sich alleine auf den Tourismus zurückführen[2]. Gleichzeitig ist die Tourismusbranche einer der am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweige.[3] Doch wie kann man einen Kompromiss zwischen einem tollen Urlaubserlebnis und Achtsamkeit auf die Umwelt finden?

Wer sich dazu entscheidet, bei der nächsten Urlaubsplanung auch den Aspekt der Nachhaltigkeit mit einzubeziehen, der ist sehr wahrscheinlich auf den Begriff „Ökotourismus“ gestoßen. Doch was ist das eigentlich genau?

Eine allgemein gültige Definition für Ökotourismus gibt es nicht, das Bundesamt für Naturschutz beispielsweise schreibt:

„als Idealform, sofern man diesen Begriff überhaupt verwenden will, sollte es sich bei »Ökotourismus« um eine auf naturnahe Gebiete ausgerichtete, ökologisch verträgliche, Naturerlebnis bietende und Naturverständnis fördernde Reiseform handeln, die zudem zur Erhaltung von Natur und Kultur beiträgt und dabei noch wirtschaftlich sinnvoll und vorteilhaft für die lokale Bevölkerung ist.“[4]

Diese Definition geht sehr stark in die Richtung des nachhaltigen Tourismus, denn es werden auch die drei Dimensionen des Nachhaltigkeitsprinzips (Ökologie, Ökonomie und Soziales ) mit berücksichtigt.

Die World Tourism Organization (UNWTO) schreibt zum nachhaltigen Tourismus:

„Nachhaltige Tourismusentwicklung befriedigt die heutigen Bedürfnisse der Touristen und Gastregionen, während sie die Zukunftschancen wahrt und erhöht. Sie soll zu einem Management aller Ressourcen führen, das wirtschaftliche, soziale und ästhetische erfüllen kann und gleichzeitig kulturelle Integrität, grundlegende ökologische Prozesse, die biologische Vielfalt und die Lebensgrundlagen erhält.“[5]

Der Begriff „Ökotourismus“ ist also nicht so umfassend wie der des „nachhaltigen Tourismus“, denn er fokussiert sich meist nur auf sensible, naturnahe Gebiete, verbindet die Reise mit einem Naturerlebnis und fördert gleichzeitig das Naturverständnis. „Nachhaltiger Tourismus“ ist hingegen nicht nur auf diese Art von Gebieten beschränkt, sondern kann zum Beispiel auch in der Stadt stattfinden.

Dies betont auch die WTO im Jahr 2000, indem sie schreibt:

„Ecotourism is practised in relatively undisturbed natural areas, for the main purpose of admiring and learning more about them.”[6]

 

Wie sieht aber nachhaltiger Tourismus genau aus?

StockSnap: Quelle: pixabay.com

Er muss langfristig auch für zukünftige Generationen ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle Verträglichkeitskriterien erfüllen. Der Verein Ökologischer Tourismus in Europa e.V. (Ö.T.E.) schreibt,  dass „nachhaltiger Tourismus“ bedeutet, dass er ökologisch tragfähig ist, durch: [7]

  • „Erhalt einer intakten und vielfältigen Natur (biologische Vielfalt)“ und

  • „Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts besonders sensibler Regionen“

–> indem man z.B. versucht keine Pflanzen zu beschädigen, keinen Müll zu hinterlassen, sensible Gebiete nicht zu betreten oder die Tiere z.B. nicht durch Lärm belästigt

  • Eine „sparsame und schonende Nutzung der Ressourcen“

–> indem man z.B. auf Strom und Wasserverbrauch achtet

oder

  • „Vermeidung von Umweltbelastungen“

–> indem man z.B. umweltschonende Verkehrsmittel, wie das Fahrrad, verwendet oder bei Clean Up Kampagnen mitmacht (z.B. Trash Hero)[8]

Kritik am Ökotourismus besteht häufig darin, dass gerade sehr sensible Gebiete, wie zum Beispiel Naturparks oder Naturschutzgebiete besucht werden, sodass diese auch unter der vermeidlichen Rettungs- und Schutzaktion und den damit einhergehenden Besuchen leiden könnten.

Auf sozialer Ebene fordert der Ö.T.E soziale Gerechtigkeit durch:[9]

  • „Achtung der Menschenrechte“

  • „Schaffung gerechter, menschenwürdiger Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten“

  • „Angemessene Entlohnung der Beschäftigten“

  • „die Möglichkeit zur weiteren Qualifizierung“

  • „Einbezug der Öffentlichkeit und besonders der lokalen Bevölkerungen in die Entscheidungen über die regionale Tourismusentwicklung“

  • „Bewahrung der kulturellen Identität der lokalen Bevölkerungen“

  • „Respektvoller Umgang mit der lokalen Bevölkerung und ihrer Kultur“

–> indem man sich z.B. vorher über kulturelle Normen informiert und sich vor Ort dementsprechend verhält

Kritisch zu sehen ist dabei, dass durch den Ökotourismus und die damit verbundene Errichtung von Schutzgebieten einheimische Kulturen verdrängt werden können und Tourist*innen in einheimische und teilweise auch isolierte Kulturen eindringen und den Einheimischen somit fremde Systeme und Lebensmodelle aufgezwungen werden können.

Bezüglich der ökonomischen Dimension fordert der Ö.T.E.:[10]

  • „langfristig angelegte ökonomische Rentabilität von Betrieben“

  • „Steigerung des Einkommens lokaler Bevölkerungen (vorrangige Beschäftigung einheimischer Arbeitskräfte)“

–> indem man z.B. bevorzugt in Homestays übernachtet statt in großen internationalen Hotelketten

  • „Integration des Tourismus in lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe (vorrangige Nutzung lokal und regional erzeugter Produkte sowieso angebotener Dienstleistungen)“

–> indem man z.B. darauf achtet hauptsächlich regionale und saisonale Lebensmittel zu konsumieren oder  bevorzugt an Straßenständen oder in kleinen Restaurants isst, anstatt bei Fast-Food-Ketten

Problematisch hierbei sind die Gründungsausgaben für beispielsweise Landerwerb und Infrastruktur von touristischen Betrieben und die laufenden Kosten für den Erhalt der Infrastruktur und Gehälter.

Außerdem kann der Begriff „Ökotourismus“ relativ frei verwendet werden, deshalb sollte man stark darauf achten, was jedes Unternehmen unter dem Begriff versteht und anbietet. Das Bundesamt für Naturschutz sieht zum Beispiel auch die Gefahr, dass der Begriff als „Worthülse unter Verdacht des Etikettenschwindels“ benutzt werden könnte und dass „oftmals undifferenziert jede Art von Reise, die Natur zum Ziel hat, [als Ökotourismus] vermarktet wird“, wie Marktbeobachter*innen oftmals kritisieren.[11]

 

Ökotourismus – Beispiel Juist

Nhelia; Quelle: pixabay.com

Aus ökologischer Sicht ist es am nachhaltigsten im eigenen Land oder in einem Nachbarland, welches mit Bus oder Bahn erreichbar ist, Urlaub zu machen, um die CO2-Ausstöße der An- und Abreise zu vermindern. Ein gutes Ziel für Ökotourist*innen ist beispielsweise die Nordseeinsel Juist. Die Insel liegt im Wattenmeer, welches 2009 zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt wurde, da es ein „außergewöhnliches Beispiel bedeutender, im Gang befindlicher ökologischer und biologischer Prozesse in der Evolution und Entwicklung von Land-, Süßwasser-, Küsten-, und Meeresökosystemen sowie Pflanzen- und Tiergemeinschaften“[12] darstellt. Die Ernennung zum Weltnaturerbe verpflichtet zur Entwicklung und Umsetzung eines Konzepts des nachhaltigen und CO2-armen Tourismus. Die Insel hat es sich zum Ziel gesetzt bis 2030 klimaneutral zu sein.[13]

Juist ist gut mit Bahn und Fähre zu erreichen. Die Insel ist autofrei, weswegen sich vor Ort ausschließlich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Pferdefuhrwerk fortbewegt wird.[14]

Herausforderungen wie der Klimawandel verlangen nachhaltiges Handeln. Dabei spielt insbesondere Bildung eine wichtige Rolle, um die Menschen für den Erhalt der Umwelt und Nachhaltigkeit zu sensibilisieren und ihnen nachhaltiges Verhalten näherzubringen. Seit 2017 können Tourist*innen an der geführten Fahrradtour „Juist unplugged“ mit dem Nachhaltigkeitsexperten Thomas Vodde teilnehmen, bei welcher sie über die Flora und Fauna und die Nachhaltigkeitskonzepte der Insel informiert werden. Dabei wird den Teilnehmer*innen die Ökologie und Biodiversität auf Juist aufgezeigt, die autarke Wasserversorgung der Insel durch eine Süßwasserlinse erklärt, über das Engagement für die Nachhaltigkeit und das soziale Engagement aufgeklärt, die Mobilität auf der Insel thematisiert und die Müllentsorgung und Mülltrennung erklärt.[15]

Juist veranstaltet jährlich die regionalen Genusstage, welche an die Slow-Food-Bewegung angelehnt sind. Dabei geht es um bewusstes und nachhaltiges Essen, den Erhalt regionaler Lebensmittel und die Unterstützung einer artgerechten Tierhaltung. Besucher*innen können sich in den Restaurants selbst von der regionalen Küche überzeugen und Vorträge zu regionalen Produkten und der Slow-Food-Bewegung besuchen.[16] Dadurch wird einerseits die lokale Bevölkerung unterstützt und andererseits wird durch das Verzehren von regionalen Lebensmitteln auf lange Transportwege verzichtet, was zu einem geringeren CO2-Ausstoß führt.

Juist ist als nachhaltiges Reiseziel von Tourcert zertifiziert. Die Tourcert-Zertifizierung wird durch einen unabhängigen Zertifizierungsrat vergeben, welcher alle umweltrelevanten Aspekte überprüft.[17] Es ist wichtig auf Zertifizierungen zu achten, wenn man nachhaltigen Urlaub machen möchte, da dadurch leichter zwischen seriösen und unseriösen Angeboten unterschieden werden kann.

Wie das Beispiel von Juist zeigt, existieren viele, oft einfache und ohne viel Aufwand umzusetzende Möglichkeiten, wie der eigene Urlaub nachhaltiger gestaltet werden kann. Wir hoffen, bei der Planung eurer nächsten Reise könnt ihr einige unserer Tipps anwenden und seid auf neue Gedanken zu diesem Thema gekommen.

Kennt ihr noch weitere Tipps, wie man seinen Urlaub noch nachhaltiger gestalten kann? Dann teilt diese doch gerne mit uns in den Kommentaren.

– verfasst von Nina Schultheiß & Marie Schultze –

 

Quellen

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4838/umfrage/urlaubsreiseintensitaet-der-deutschen- seit-1972/

[2] https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/garten-freizeit/urlaubsreisen

[3] https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/garten-freizeit/urlaubsreisen

[4] https://www.bfn.de/themen/tourismus-sport/tourismus/oekotourismus/oekologischer-tourismus.html (aufgerufen am 07.08.2021)

[5] https://www.bfn.de/themen/tourismus-sport/tourismus/oekotourismus.html ( aufgerufen am 02.09.21 )

[6] https://www.bfn.de/themen/tourismus-sport/tourismus/oekotourismus/oekologischer-tourismus.html ( aufgerufen am 02.09.21 )

[7] Nachhaltiger Tourismus in Deutschland: Überregionale und modelhafte Initiativen von Politik, Wirtschaft und Verbänden im Spiegel der Umsetzung des Arbeitsprogramms „Tourismus und nachhaltige Entwicklung“ der UN-Kommission für Nachhaltige Entwicklung (CSD) (https://www.oete.de/images/dokumente/projekt_ntz/OETE_2009_NachTourZukunft_CSD-Studie.pdf)

[8] https://www.oete.de/images/dokumente/projekt_ntz/OETE_2009_NachTourZukunft_CSD-Studie.pdf

[9] https://www.oete.de/images/dokumente/projekt_ntz/OETE_2009_NachTourZukunft_CSD-Studie.pdf

[10] https://www.oete.de/images/dokumente/projekt_ntz/OETE_2009_NachTourZukunft_CSD-Studie.pdf

[11] https://www.bfn.de/themen/tourismus-sport/tourismus/oekotourismus/oekologischer-tourismus.html

[12] https://www.juist.de/vor-ort/weltnaturerbe-wattenmeer/mitten-im-weltnaturerbe-wattenmeer-nationalpark-wattenmeer/

[13] https://www.juist.de/vor-ort/weltnaturerbe-wattenmeer/mitten-im-weltnaturerbe-wattenmeer-nationalpark-wattenmeer/

[14] https://www.juist.de/vor-ort/autofreiheit/autofreies-juist/#c15814

[15] https://www.juist.de/suchen-buchen/aktuelles-mit-webcam-wetter-gezeiten-badezeiten/hinter-den-kulissen-von-juist/?L=0

[16] https://www.juist.de/vor-ort/essen-trinken-shoppen/genusstage/

[17] https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/siegelkunde/tourcert-fuer-nachhaltigkeit-im-tourismus

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