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Antisemitismus heute in Deutschland

Passend zum Aktionstag „FAU gegen Antisemitismus“ am Freitag beschäftigt sich auch unser Beitrag diese Woche mit dem Problem des Antisemitismus und der Frage, wie es uns gelingen kann, eine gesamtgesellschaftliche Antwort auf antisemitische Strömungen zu finden.

„Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein!“

Das Tagebuch der Anne Frank

In ihrem berühmten Tagebuch beschreibt die damals vierzehnjährige Anne Frank die Situation jüdischer Bürger*innen während des Holocaust, ihre „Entmenschlichung“ und ihre Reduktion auf die religiöse Überzeugung. Eine Übertragung des damals Geschriebenen auf die Lebensumstände europäischer Juden heute ist ohne Zweifel schwierig.

Warum müssen wir uns im Jahr 2020 noch mit Antisemitismus beschäftigen? Haben wir dieses Problem als Gesellschaft nicht vor 75 Jahren mit dem Ende des zweiten Weltkriegs, als der Holocaust den grausamen Höhepunkt der europäischen Judenverfolgung darstellte, hinter uns gelassen? Nein, haben wir nicht.

Der Anschlag auf eine Synagoge in Halle 2019 an Jom Kippur, dem höchsten Feiertag jüdischer Gemeinden, führte uns diese traurige Wahrheit erneut vor Augen. Statistiken der deutschen Bundespolizei zeigen Jahr für Jahr das Ausmaß antisemitisch motivierter Straf- und Gewalttaten. Rund 2000 angezeigte Straftaten zählte die Bundespolizei 2019 in Deutschland; die Dunkelziffer wird jedoch deutlich höher geschätzt, denn ein Großteil der Straftaten wird nie erfasst, nicht gemeldet und erscheint in keiner Statistik.

Doch wer sind diese Menschen, die vom Hass auf jüdische Mitbürger*innen motivierte Straftaten begehen?

Den Anstieg der antisemitisch motivierten Straftaten der Zuwanderung muslimischer Migrant*innen aus arabischen Kulturkreisen zuzuschreiben, ist jedoch zu einfach: laut Statistik der Bundespolizei waren über 90% der 2019 registrierten Gewalttaten rechtsextremistisch motiviert. Trotzdem bleibt der Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem, das in allen Teilen der Gesellschaft präsent ist. Antisemitismus ist salonfähig geworden: Im Internet und den sozialen Netzwerken sind Hass und Hetzte alltäglich geworden, du spätestens seit dem Einzug der AfD in den deutschen Bundestag sind Propagandaparolen auch im politischen Umfeld gebräuchlich. Als mit Björn Höcke ein Bundespolitiker öffentlich das Berliner Holocaust-Denkmal als „Denkmal der Schande“ bezeichnete, war die Empörung der Öffentlichkeit groß – geändert hat sich seitdem wenig.

Doch nochmal grundsätzlich gefragt: Was verstehen wir eigentlich unter Antisemitismus?

Antisemitismus bezeichnet „eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache sozialer, politischer, religiöser und kultureller Probleme sieht.“ (Bundeszentrale für politische Bildung bpb). Es wird hierbei zwischen klassischem und sekundärem Antisemitismus unterschieden. Der klassische Antisemitismus umfasst die Verbreitung von Verschwörungstheorien und Vorurteilen gegen Mitbürger*innen jüdischen Glaubens, die Ablehnung jüdischer Gläubiger und deren Ausschluss aus der Gesellschaft. Unter sekundärem Antisemitismus wird eine anti-israelische Einstellung verstanden, die sich nicht direkt auf den jüdischen Glauben und jüdische Gläubige bezieht, sondern stattdessen durch Relativierung oder Leugnung des Holocaust oder allgemeine Israelkritik zum Ausdruck gebracht wird.

Dass es sich bei dem Phänomen des Antisemitismus und antisemitischen Gewalttaten nicht um ein historisches Problem handelt, belegen Daten und Statistiken. Und Erfahrungsberichte deutscher Jüdinnen und Juden, die in ihrem Heimatland um ihre Sicherheit fürchten und ihre Gottesdienste in streng bewachten Gotteshäusern abhalten müssen, verdeutlichen uns, dass wir es beim Antisemitismus mit einer Einstellung zu tun haben, die noch immer in Teilen der Gesellschaft verankert ist und unter der die jüdische Minderheit in Deutschland täglich leidet.

Es muss uns also als Zivilgesellschaft gelingen, eine eindeutige Haltung gegen antisemitisches Gedankengut zu vertreten und den Antisemitismus wie jede Art von Diskriminierung und Rassismus als Angriff auf Freiheit und Rechte von Minderheiten zu erkennen, zu benennen und zu bekämpfen.

Mehr zum Thema Antisemitismus gibt es am Freitag, 10.7.2020 über Zoom beim Aktionstag „FAU gegen Antisemitismus“ … anmelden und mitmachen!

Oder Wissenswertes zum Thema ganz einfach nachlesen:

https://www.deutschlandfunk.de/antisemitismus-in-deutschland-woher-der-hass-kommt.724.de.html?dram:article_id=418783

https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/politisch-motivierte-kriminalitaet-antisemitismus-bka-jahresbericht

https://www.sueddeutsche.de/politik/juden-deutschland-antisemitismus-1.3921657-2

https://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/307644/was-ist-moderner-antisemitismus

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