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Baby-Boom durch Corona?

Über 7 Millionen ungewollte Schwangerschaften weltweit – ein ungewollter Baby-Boom durch die Corona-Krise

Krisen, wie man in der Vergangenheit beobachten konnte, brachten Kinder mit sich. So auch mit Beginn der Corona-Pandemie – ziemlich schnell hörten und lasen wir von ersten Spekulationen, dass die Anzahl an Schwangerschaften mit der Krise wohl zunehmen werde. Die Überlegung dahinter war der mit dem Lockdown verbundene Rückzug in die eigenen vier Wände – hatten Paare mit Kinderwunsch in den letzten Wochen mehr Zeit und Ruhe das Thema Familienplanung anzugehen? Hatten wir mehr Zeit für uns? Für unseren Partner/unsere Partnerin? Die Ergebnisse einer Studie einer italienischen Forschungsgruppe um Elisabetta Micelli sprechen jetzt jedoch vom Gegenteil. 30% der Paare, die vor der Corona-Krise einen Kinderwunsch hatten, gaben diesen aufgrund finanzieller Unsicherheit und Ängsten vor negativen gesundheitlichen Auswirkungen des Virus auf eine mögliche Schwangerschaft wieder auf. Es kann deshalb kein gewollter „Baby-Boom“ sein, um den es diese Woche im Rahmen unserer Beitragsreihe hier gehen soll – im Gegenteil: Es ist eine ungewollte, problematische Entwicklung, die wir in den letzten Wochen beobachten konnten.

Eines der ersten Länder, die über die Auswirkungen der globalen Krise auf die Familienplanung öffentlich berichten, ist Indonesien. Als ein Land, in dem Zugang zu Verhütungsmitteln und Beratungsstellen grundsätzlich schwierig ist, hat sich die Indonesische Agentur für Familienplanung BKKBN in den 70er Jahren dazu entschieden, freie Verhütungsmittel – gerade für die ärmeren Familien der Inseln- auszugeben und konnte dadurch dem Problem der schnell wachsenden Bevölkerung ein Stück entgegenwirken. Jetzt sieht die Situation durch die Auswirkungen der Corona-Krise leider wieder anders aus: In vielen Gebieten stehen indonesische Paare vor geschlossenen Kliniktüren, vor Beratungsstellen mit Personalmangel oder trauen sich dort, wo es noch Möglichkeiten für Beratung und Hilfe gibt, aus Angst vor dem Virus nicht auf die Straße. Leider sind diese Probleme nicht nur in Gebieten Indonesiens zu beobachten. Schätzungen zufolge wird die aktuelle Pandemie weltweit 47 Millionen Frauen den Zugang zu Verhütungsmitteln nehmen und so zu 7 Millionen ungewollten Schwangerschaften führen. Die meisten Frauen werden Teil der Bevölkerungsschichten sein, in denen Mangelernährung, Armut und unsichere Schwangerschaftsabbrüche Teile des Alltags sind.

Beim Stichwort „Schwangerschaftsabbruch“ kommen wir auf einen weiteren Aspekt, der für viele Frauen – gerade auch in den westlichen Ländern – derzeit ein großes Problem darstellt.

„Seit dem 16.03.2020 sind an den Krankenhäusern bundesweit alle elektiven Eingriffe verschoben beziehungsweise abgesagt worden. Dazu zählen Schwangerschaftsabbrüche.“

Carl-von Basedow-Klinikum Saalekreis in Merseburg

Ausnahmen gibt es nur für „nicht aufschiebbare, medizinisch indizierte“ Eingriffe, zu denen Schwangerschaftsabbrüche nicht in jeden Augen gezählt werden. Frauen sollen bei einem gewollten Schwangerschaftsabbruch deswegen ambulante Einrichtungen nutzen. Problem dabei – neben dem ohnehin schon prekären Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen: viele Ärzte*innen, die in ihren Praxen Abtreibungen durchführen, gehören zur Risikogruppe und haben ihre Tätigkeit deshalb vorrübergehend niedergelegt.

Menschenrechtsexpert*innen der UN sowie die Menschenrechtskommissarin des Europarates fürchten, dass die Corona-Krise als Vorwand manipuliert werden könnte, den Zugang zu Abtreibungen zu verhindern. Auf europäischer Ebene haben sich mittlerweile mehr als 100 Organisationen – darunter Amnesty International, Human Rights Watch und das Center for Reproductive Rights – an den europäischen Regierungschef gewandt. Ein Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen ist für die „Gesundheit, Menschenwürde und physische wie psychische Unversehrtheit“ von Frauen von zentraler Bedeutung. Um die Gesundheit der Frauen zu schützen, gilt es gerade jetzt auf die zusätzlichen Herausforderungen der Krise zu reagieren. Der Bundesverband von Pro Familia fordert einen „guten Zugang“ zu geplanten Schwangerschaftsabbrüchen. Dieser könnte zum Beispiel durch die Möglichkeit eines Home-Use-Abbruchs gewährleistet werden. Ungewollt schwangere Frauen könnten hierbei unter telemedizinischer Begleitung und Anleitung einen medikamentösen Abbruch zuhause durchführen. Auch wenn sich die Situation in den deutschen Kliniken in den vergangenen Wochen vermeintlich etwas entspannt und sich der Zugang zu elektiven Eingriffen damit verbessert hat, der Abbruch ungewollter Schwangerschaften, bleicht ein nicht aufschiebbares Thema – sowohl medizinisch als auch politisch gesehen.

Lesenswertes zum Thema:

https://www.sueddeutsche.de/leben/corona-babyboom-verhuetungsmittel-indonesien-schwangerschaft-1.4912597

https://taz.de/Schwangerschaftsabbruch-in-Coronazeit/!5677292/

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/112684/Sorge-um-Zugang-fuer-Frauen-zu-Verhuetung

https://news.un.org/en/story/2020/05/1064902

https://www.amnesty.de/informieren/aktuell/corona-krise-schwangerschaftsabbrueche-und-verhuetungsmittel-sind

https://www.rnd.de/gesundheit/corona-ungewollt-schwangeren-droht-notlage-signal-von-der-politik-gefordert-CQ7VA2KNMZFYHM4CSZA4VEC4RM.html

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