Bildung als Prozess

Bildung als Prozess

Der Prozessgedanke in Sachen Bildung kommt schon beim Philosophen Robert Spaemann (1927- 2018) in seiner Schrift „Wer ist ein gebildeter Mensch?“ deutlich zum Ausdruck.

 Wir zitieren:

„Ein gebildeter Mensch hat den animalischen Egozentrismus hinter sich gelassen. Zunächst ist ja jeder von uns im Mittelpunkt seiner Welt. Er setzt alles Begegnende zur „Umwelt“ herab und stattet es mit Bedeutsamkeiten aus, die die eigene Bedürfnisstruktur widerspiegeln. Der Gebildete hat begonnen, die Wirklichkeit als sie selbst wahrzunehmen. Bilden heißt objektive Interessen wecken, sich bilden heißt „sich objektiv machen“. So schreibt Goethe: „Sich mitteilen ist Natur. Mitgeteiltes auffassen wie es gegeben ist, ist Bildung“. Etwas „auffassen, wie es gegeben ist“, setzt voraus, dass wir wissen: es gibt außer uns noch andere Mittelpunkte der Welt und andere Perspektiven auf sie. Andere sind nicht nur Teil meiner Welt, ich bin auch Teil der ihren. Gebildet ist, wen es interessiert, wie die Welt aus anderen Augen aussieht und wer gelernt hat, das eigene Blickfeld auf diese Weise zu erweitern.“

Spaemann entwickelt in seiner Schrift ein 10 Punkte-Programm zur Beschreibung des gebildeten Menschen, das auch von vielen als provokativ empfunden wird, uns aber nicht stört, weil wir am Kern der Bildung, die prozessual erworben wird, interessiert sind. Spaemann sagt z.B., „Öffentliche Schulen sind nicht interessiert, gebildete Menschen hervorzubringen“. Warum sagt er das?  Weil der Prozess „Bildung“ ganz tief empfunden ein Selbst-Prozess ist, der von Anregungen von außen lebt. Es geht im Kern um Selbst- Erkenntnis. Bildung ist nicht Ausbildung. Das merkt man sofort bei der Passivbildung von „bilden“ und „ausbilden“. Man kann sagen „Ich werde ausgebildet“, aber ich kann nicht sagen „Ich werde gebildet“, weil ich das in letzter Instanz schon selbst tun muss.

Bildung ist, wie dargestellt, ein schwieriger Prozess und lebensbestimmend, vielschichtig, Koordinierung bedürfend, politisch und populistisch leicht zu fordern, aber äußerst problematisch in der Implementierung. Objektiv machen heißt heute auch Transsubjektivität erzeugen. „Transsubjektivität“ (über die eigene Subjektivität hinauswachsen) wurde von Paul Lorenzen (1915 – 1994) als Synonym für den Begriff „Vernunft“ eingeführt.

Allein schon das Verlassen des animalischen Egozentrismus nach Spaemann ist hochproblematisch und man muss einfach schrittweise vorgehen, auch bei erwachsenen Politikern. Wiederholen, solange bis es klappt, ist ein Wesensmerkmal einer jeder Pädagogik. Die Familie, aber auch die Kitas sind ideale Vorschulorte, um das Überwinden des animalischen Egoismus über viele Jahre hinweg zu schaffen.

 Die Transsubjektivität jenseits des Animalismus ist Voraussetzung für den Erwerb intellektueller Fähigkeiten wie Lesen Schreiben, Rechnen und dann weiter auch „Fremdsprachen lernen“, um zu erkennen, dass es auch noch andere Mitteilungsformen als die eigene Muttersprache gibt. Den Ausländer gibt’s tatsächlich. Ohne intellektuelle Fähigkeiten gibt es kein Mitteilen in dieser Welt.

Wenn ich im Wald spazieren gehe, sind zwei Arten von Wissen für mich wichtig. Ich bleibe stehen und such nach dem Wegzeichen. Es handelt sich beim Stehen um den Erwerb von Orientierungswissen. Bevor ich weitergehe muss ich mich orientieren. Danach schreite ich voran. Das Gehen gehört in die Kategorie Verfügungswissen. Die Unterscheidung von „Orientieren“ und „Verfügung“ ist beim Bildungserwerb grundsätzlich, wie beim Waldspaziergang.  Das Erlernen der elementaren Arithmetik, dass z.B. „3 mal 4 = 12“ ist, als Verfügungswissen, ist relativ einfach zu erwerben, ja fast mechanistisch, die Frage aber, warum das Ganze, als Orientierungswissen, ist schwierig einzusehen. Es geht ja jetzt um die Frage nach Sinn und Zweck. Jetzt kann man schon Geldprozesse beim Einkaufen als Beispiel einführen, wiewohl das Beispielbilden für den Bildungsprozess fundamental ist. Sinn und Zweck, also die Frage nach dem Warum, sind für den Anfang zu abstrakt und umfänglich erklärungsbedürftig. Das Wissen des gebildeten Menschen ist strukturiert, sagt Spaemann. Er kann also zwischen Orientierungswissen und Verfügungswissen unterscheiden. Das Orientieren ist die halbe Miete am Bildungsprozess.Der zentrale Aspekt bei Bildung als Prozess ist „Anregungen schaffen“ (aktiv), aber dann auch „Sich anregen lassen“(passiv). Ohne Bildungsbereitschaft keine Bildung.

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