Dieser Blogbeitrag wurde am Tag des Antisemitisnus am 27.01. 2026 geschrieben. Aus administrativen Gründen kommt er erst heute zur Veröffentlichung.
„Narrative“ ist ein modernes Wort für Erzählungen. Man könnte stattdessen auch „Erzählung“ sagen („Narrativ“ vom lat. narrare = erzählen); aber das Wort „Erzählung“ hat keinen Appeal, keinen Schick, ist nicht sexy, sagt man auch heute. Also sagen wir „Narrative“. Was ist das? Ganz einfach, wenn wir an Goethe mit seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ denken. Das heißt, in Narrativen fabuliert man und streut Fakten ein, also wirkliche Sachverhalte, Abstraktionen von konkret wahren Aussagen, damit das Ganze nicht märchenhaft wirkt.
In Sachen „Narrative zum Antisemitismus“ ist das neue Buch von Mouhamad Khorchide „Ohne Judentum kein Islam – Die verleugnete Quelle“ (1925) besonders hervorzuheben. Khorchide ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und dort Leiter des Zentrums für Islamischer Theologie.
Aus der Sicht eines Aufklärers, für den das Selbstdenken ein Gebot ist, ist das politische Element in den drei Abrahamitischen Religionen ein Grundübel. Das Prinzip des Laizismus, Trennung von Religion und Staat, kam erst später. Laizismus ist ein Kind der Aufklärung. Die Drei, das sind das Judentum als Quelle, und als Fortsetzung das Christentum und dann ca. 600 Jahre später der Islam. Für die Drei ist Abraham ein Stammvater, ein Bezugspunkt. Das Christentum ist aus dem Judentum entstanden, unzweifelhaft. Amos Oz (1939-2018), ein israelischer Schriftsteller und Intellektueller, berichtet uns in einem seiner Bücher folgendes: „Als ich als Junge in Jerusalem herausfand, dass Christus ein Jude war, lief ich zu meiner Tante, um ihr das mitzuteilen. Meine Tante antwortete lapidar: Ja, schrecklich.“
Wir lassen das als eine hübsche Anekdote so stehen. Und das Buch von Khorchide ist angelegt, um im Detail an vielen Stellen im Koran zu zeigen, dass auch der Islam aus der jüdischen Religion hervorgegangen ist. Der Prophet Moses ist im Islam ein Held; aber Mohammed will der letzte Prophet sein in einer Kette. Das sollte man anerkennen! Sonst gibt es Elend?
Religionen hätten sich eigentlich um die Metaphysik des Menschen zu kümmern, um seine Seele, seine Ewigkeit, seine Schuld, Moral, und nicht, um sein politisches Dasein in den Mittelpunkt zu stellen. Das hat der Menschheit viel Verdruss und Elend (und Antisemitismus) gebracht. Religionen waren aber in der Vergangenheit nicht entbehrlich, weil sie Bildungs- und Kulturträger waren und sogar manchmal die Geschichte fortschrittlich und nicht hemmend beeinflusst haben.
Aus dem lehrreichen Buch von Khorchide “ Ohne Judentum kein Islam “ lernen wir, dass der Prophet Mohammed in Mekka und auch später in Medina viele Juden um sich herumhatte, gute im Charakter und auch böse. Das hat er im Koran niedergeschrieben. Auf die bösen Juden bauen die hass- und verachtungserfüllten, antisemitischen Narrative im Islam auf, die die Nahost-Politik heute noch bestimmen und ihren Höhepunkt im Iran gefunden haben. Als ob es nicht auch gute und böse Muslime gäbe. Christen ebenso. Narrative, Erzählungen also bestimmen die Weltpolitik. Eigentlich unglaublich, kaum zu fassen. Dichtung und Wahrheit bestimmen die Politik. Man fragt beim Antisemitismus natürlich nach der Motivation, nach den Beweggründen, die dazu führen. Aber Unbehaglichkeiten über falsches Verhalten gibt es überall und zu jeder Zeit. Und Narrative über Unbehaglichkeiten gibt es sehr viele und sehr flache.
Was Motive zum Antisemitismus anbetrifft, so werden wir vor allen dingen im Christentum bei Martin Luther (1483 – 1543) fündig. Man muss dabei voraussetzen, dass das Christentum und auch der Islam Missions-Religionen sind. Man wirbt und kämpft, auch mit Gewalt, um neue Mitglieder zu werben, die nicht nur durch Geburt zur Religion stoßen. Die Juden aber sind das von Gott Ausgewählte Volk, die lassen sich nicht so ohne weiteres missionieren. Statt missionieren könnte man heute auch integrieren sagen. Juden wollten ihr jüdisches Leben einfach leben. Die wollten sich als „Auserwählte“ nicht missionieren lassen, was den großen Reformator erzürnte. „Luther und die Juden“ ist ein besonderes Thema und zeigt deutlich, wie aus einem Antijudaismus (bezogen auf die Religion) schnell ein Antisemitismus (bezogen auf das jüdische Volk, die Rasse) werden kann. Äußerlich sind Juden von Mitteleuropäern kaum zu unterscheiden; manchmal haben Juden aber einen inneren Drang, ihr Judentum zu zeigen. Offenes Judentum ist immer noch selten. Es zeigt sich häufig beim Essen. Bekämpfung des Antisemitismus geht nur über die Bekämpfung einer Ideologie. Ideologie kennt keine Kritik, das zeichnet sie aus.
Uns geht es nur darum ein Motiv für den Antisemitismus aufzuzeigen. „Missionsunfähigkeit“, „Auserwähltsein“ und ein „religiöser Pionier zu sein“, lassen Mächtige nicht zu. Juden wurden stigmatisiert, mit Judenhut und Judenstern.
Mich hat der religiöse Sinneswandel des großen Albert Einstein (1979 – 1955) tief beeindruckt. Er war wissenschaftstheoretisch und naturwissenschaftlich einer der Bedeutendste aller Zeiten.
Einstein äußert sich klar in einem seiner ganz späten Briefe (1954 an den jüdischen, deutsch-amerikanischen Religionsphilosophen Eric(h) Gutkind), in dem er sich ein Jahr vor seinem Tod explizit vom Begriff „Gott“ und der Bibel distanzierte:
„Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger aber doch reichlich primitiver Legenden. Keine noch so feinsinnige Auslegung kann (für mich) etwas daran ändern.“
Auch das Judentum kommt in dem Brief nicht gut weg:
„Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen eine Incarnation des primitiven Aberglaubens. Und das jüdische Volk, zu dem ich gerne gehöre und mit dessen Mentalität ich tief verwachsen bin, hat für mich doch keine andersartige Originalität als alle anderen Völker. Soweit meine Erfahrung reicht ist es auch um nichts besser als andere menschliche Gruppen, wenn es auch durch Mangel an Macht gegen die schlimmsten Auswüchse gesichert ist. Somit kann ich nichts ‘Auserwähltes‘ an ihm wahrnehmen.“