Merit – Order

1) Merit – Order und die Grenzkosten

Wegen des starken Anstiegs des Strompreises auch infolge des Kriegs in der Ukraine ist der Einsatz von Kraftwerken zu einem globalen politischen Thema geworden, das unter der Bezeichnung „Merit – Order“ heftig diskutiert wird. „Merit- Order“, eigenwillig übersetzt von Wikipedia mit „Reihenfolge (Order) der Vorteilhaftigkeit (Merit)“  ist ein Preisbildungsmechanismus im kurzfristigen Stromhandel. „Merit“ ist, wörtlich genommen auf  Deutsch  „das Verdienst“, also immateriell, und nicht materiell „der  Verdienst“ (englisch „earning“).

„Merit-Order“ basiert auf dem Begriff der Grenzkosten; und das sind  bei thermischen Kraftwerken im Betrieb die Kosten für eine zusätzlich erbrachte Energiemenge. Konkret meint man die Brennstoffkosten. Aus Wikipedia entnehmen wir als Beispiel die folgende Abbildung 1.

Abb. 1 Preisbildung über Merit – Order im Jahre 2008

Geordnet nach Brennstoffen steigen in Abb. 1 die Grenzkosten in Stufen an.

Wir greifen in Abb. 1 bei etwas über 30 GW  eine zu erbringende Last ab und stellen die Grenzkosten für diesen Fall  mit rund  50 € / MWh heraus. Es ist klar, wenn man noch nicht einmal die Grenzkosten vom Markt vergütet bekommt, dass dann die Pleite bevorsteht. Alle Brennstoffe, die oberhalb von über 30 GW  zur Last beitragen könnten, scheiden aus ökonomischen Gründen aus. Nur  die darunter  stehen noch  zur Debatte, und die verdienen sich eine goldene Nase, wenn die höchsten Grenzkosten zum allgemeinen Preis deklariert werden. Der mit den höchsten Grenzkosten soll nichts mehr verdienen, weil seine Grenzkosten den vergüteten Preis auffressen,

Man kann die Zusammenhänge auch formal zeigen.

Der Gewinn G(x) =  p mal x  als Ertrag  –  K(x) als  Gesamtkosten.

x ist die gefahrene Last. Wenn man, wie in der Schule gelernt, diese Gleichung differenziert, stößt man zu den Grenzkosten K‘(x) vor, die im Merit-Order wichtig sind. Man erhält:

G‘(x) = p – K‘(x).  Die Differenz wird Deckungsbeitrag   (contribution margin) genannt. Es ist der Betrag, der zur Deckung der beachtlichen Fixkosten oder Bereitschaftskosten beiträgt. Es ist der Bereich, der in Abb. 1 schraffiert gezeichnet ist.

Im Extremfalle p – K‘(x) = 0  oder  p = K‘(x), d.h. Grenzkosten gleich Preis.

In K(x) den Gesamtkosten stecken neben den Grenzkosten auch noch der viel größere Betrag der Kosten der Betriebsbereitschaft, die durch Anlagen erzeugt werden, damit überhaupt die Möglichkeit besteht, dass der Laden  überhaupt laufen kann. Das sind Fixkosten, unabhängig, ob  gefahren wird oder nicht Wenn wir, der Einfachheit halber, K(x) als linear annehmen, also K(x) = b + c x, dann sind die Grenzkosten K‘(x) = c.

„Deckungsbeiträge“ ist ein Menetekel, ein Übelzeichen an der politischen Wand. Man nennt es Übergewinn, der besteuert gehört, weil er ungerechtfertigt ist. Von der Kommissionspräsidentin von der Leyen nach unten ist die Rede von einem schlimmen Merit – Order. Der FAZ – Journalist Rainer Hank hat die Politik  polemisch  kommentiert. In seinem Artikel  vom 25.12 2022 in der FAS mit dem Thema “Abschöpfer auf Abwegen. Warum die Politiker den Strompreis nicht verstehen“ führt Hank  uns die intellektuelle Mäßigkeit unserer Politiker vor.

Man muss sich das so vorstellen: Die Last in Giga Watt (GW) in Abb1 pendelt nun gewaltig in verschiedenen Rhythmen, im Tages-, Wochen-, Monats- und Jahresrhythmus. Es ist die Aufgabe des Marktes, eine stark schwankende Nachfrage sicher zu decken, weil sonst eine Strom – Katastrophe eintritt. Sich In der Welt des schwankenden Angebot – und Nachfragemarktes  zu behaupten, ist die Angelegenheit des Kraftwerkmanagements, ein schwieriges Geschäft. Das Problem ist, Betriebsoptimierung unter  Nebenbedingungen, bekannt aus dem Operations Research. Die Nebenbedingungen kommen durch Lieferverträge zustande.

 

2) Merit – Order und die Erneuerbaren

Am 16. 12. 2022 hat  die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) einen Bericht mit dem Thema „ Wie funktioniert die Merit-Order?“  veröffentlicht und dabei ein wesentlich moderneres Merit – Order- Bild mit Erneuerbaren Energien (EE) herausgestellt als die Abb. 1, die von 2008 stammt und noch keine Erneuerbaren enthält. Das Wichtige ist:  Für Erneuerbare sind die Grenzkosten gleich Null;  es gibt ja gar keinen Brennstoff. Da Merit-Order auf Grenzkosten basiert, könnten die Erneuerbaren das Merit-Order-Gebäude  in weiter Zukunft zum Einsturz bringen.

Abb. 2   Der Einfluss der Erneuerbaren

Im oberen Teil der Abb. 2 sind auf dem Niveau Null die Erneuerbaren in grüner Farbe zu sehen. In unteren Teil hat man die Erneuerbaren verdoppelt. Und siehe da: Die inkriminierten Deckungsbeiträge sinken drastisch, weil bei gleicher Last die oberen Grenzkosten sinken. In der Phantasie kann man sich nun lebhaft vorstellen, dass die Erneuerbaren die Kernenergie und  die Fossilen total aus dem Bilde drücken. Dann erübrigt sich das auf Grenzkosten basierte Merit – Order – Denken, weil die Grenzkosten verschwinden. Es muss dann eine andere Preisfindung herangezogen werden.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert