„Radikale Forderungen sind auch keine Lösung“

1) Vorbemerkung: „Über sein Können hinaus, darf niemand verpflichtet werden“

„Radikale Forderungen sind auch keine Lösung“ ist eine These, die  der Journalist Ramy Youssef in einem  FAZ- Artikel vom 5.11.21    vertritt. Er rezensierte das neue Buch des Soziologen Armin Nassehi  „Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft“ (2021 bei C.H. Beck). Nassehi verteidigt, so der Rezensent, die überforderte Gesellschaft gegen überzogene Ansprüche.  Es ist schön zu sehen, wie eine alte römische Rechtsformel   heute wieder zur Geltung kommt. „Ultra posse nemo obligatur“ sagten die römischen Richter, um deutlich zu  machen, dass niemand über seine Fähigkeiten hinaus gefordert werden darf. Keine Überforderung! Was unerreichbar ist, darf nicht verlangt werden, auch nicht radikal. Das ist eine logische Implikation: „Wenn unerreichbar (ultra posse), dann auch nicht geboten (nemo obligatur).“

 

2) Modalitäten

Der Mensch redet auf viele Arten und Weisen, man sagt auch Modi. Er spricht von ‚notwendig‘, dass etwas sein muss. Dann auf einmal soll etwas ‚möglich‘ oder ‚unmöglich‘ sein. Auch kann etwas  ‚verboten‘, ‚geboten‘ oder ‚erlaubt ‚sein.  In der Wissenschaft der Logik spricht man von Modalitäten und unterscheidet z.B. ontische Modalitäten, die sich real auf das Sein beziehen, und deontische Modalitäten mit Bezug auf  Moral oder  Sollen. Notwendig‘ und ‚Möglich‘  sind ontische,  hingegen sind ‚Geboten‘ und  ‚Verboten‘  deontische Modalitäten, über die eine Logik mit Schlussfolgerungen zustande gekommen ist.

Wir sprechen über zwei Arten von Gesetzmäßigkeiten: Einmal die naturwissenschaftlichen oder ontischen Gesetzmäßigkeiten, die auch Verlaufsgesetze genannt werden. Man denke z.B. an die Fallgesetze. Ein Stein, den ich loslasse, fällt notwendigerweise zu Boden. Dann die moralischen oder deontischen  Gesetzmäßigkeiten. Das sind Gebote (affirmativ, wie man sagt) oder in ihrer Negation Verbote (z.B. du sollst die Menschenrechte achten bzw. du sollst die Menschenrechte nicht brechen).

Es fängt mit der Sprache an. Ausgangspunkt sind im Deutschen sechs modale Hilfsverben : dürfen, sollen, können, müssen, wollen und  mögen, die einem Vollverb zugeordnet werden,  z.B. ich kann laufen, ich muss arbeiten, etc. und so  dann einen Sinn ergeben. Eine Möglichkeit als Modus  wird im Deutschen häufig durch die Aussageweise des Konjunktivs ausgedrückt. Z.B.: Er sagte, er käme nach Hause. Ob er dann tatsächlich kommt, weiß kein Mensch.

Stellen wir uns vor, wir müssten ein Problem lösen, z.B. die Energiewende. Wir haben also ein „Problemlösungs-Problem“.  In welchem Modus sollen wir uns begeben? Wir können darüber demokratisch abstimmen. Besser aber  nicht, weil dann irgendetwas herauskommt. Besser ist es, den kritischen Verstand einzusetzen.

Ist  ein Gebot (Gesetz) zu einer Lösung  zu erlassen? Oder sollen wir eine Notwenigkeit zur Behebung fordern und  mit Plakaten auf die Straße gehen? Einige von uns mögen gar nichts tun und abwarten. Kurz: Es liegen so ziemlich alle Modi vor. Ich plädiere an dieser Stelle in einer  demokratischen Runde für das Können, d.h., ich  beabsichtige, mit Planung und Tatkraft  ein Ziel, z.B. das  der Klimaneutralität zu erreichen. Das mag an meiner Ingenieurvergangenheit liegen. Bloße   Notwendigkeits-Forderer  treten  heute auch  radikal auf, ohne anzugeben, wie das  „Notwendig-Sein“  als Sollen wohl gelingen könnte. Es ist massenpsychologisch zu verstehen. Regierungen, die gewählt werden wollen, müssen auf so etwas reagieren. Unaufgeklärt sagt man „ Der Papa wird’s schon richten“, auch wenn der Papa nicht weiter weiß.

Große Verwirrung entsteht, wenn zwei Modi, also z.B. das Sollen und das Können miteinander verknüpft werden. Hier hat das „ Sollen impliziert (beinhaltet) Können“, das Immanuel Kant (1724-1804) zugeschrieben wird und  in Ethik und Moral eine große Berühmtheit erlangt hat. Es  wäre schön, wenn ich einer Person sagen würde „ Du sollst das tun“, und dann kann sie es auch. Denn ein  Sollen beinhaltet  oder impliziert  ja ein Können. Schulen, in denen Schüler etwas sollen, sind dann ein reines Spaßvergnügen, weil sie es dann ja auch können. Betrachte ich vor Weihnachten meine Post mit den vielen Spendenaufrufen, dann sehe ich auch das berühmte „Sollen impliziert Können“ vor mir. Man weiß, dass ich nicht arm bin und dass ich schon mal gespendet habe.

„ Sollen impliziert können“, das hat Kant nie so gesagt. Gesagt hat er in seiner Kritik der Praktischen Vernunft folgendes [54]:

„ Er urteilt also, dass er etwas kann, darum weil er sich bewusst ist, dass er es soll, und erkennt in sich die Freiheit, die ihm sonst ohne das moralische Gesetz unbekannt geblieben wäre.

Daraus hat man dann  ein „Sollen impliziert Können“ gemacht. Kant sagt, wenn ich etwas kann, dann muss ich mir bewusst werden, dass ich es auch soll. Immer steht der gültige Umkehrschluss (Kontraposition) im Hintergrund, der lautet „ Wenn ich nicht kann, dann soll ich auch nicht“, nämlich das „ultra posse nemo obligatur“.

Wichtig ist, dass bei Kant in seiner Praktischen Philosophie immer das Können im Mittelpunkt steht. Mit theoretischen Modalitäten wie Notwendigkeit, Geboten, Möglichkeit oder Unmöglichkeit hätte er sich nicht zufrieden gegeben.

Von großer Wichtigkeit ist es auch, dass die Modalitäten geordnet werden. Es bietet sich eine logische Ordnung an, in der eine Implikation, das Beinhalten eine große Rolle spielt.

Wo fangen wir an? Welche Grundmodalität wählen wir?

In einer Schrift von Paul Lorenzen „Praktische und theoretische Modalitäten“ von 1979 erfahren wir, dass für praktische Begründungen ein „Möglich“ in der Form „ich kann das erreichen“ herangezogen werden kann. Wenn ich etwas erreichen kann und die Pläne in einer Durchführbarkeitsstudie (feasibility study) dazu aufgestellt habe, dann ist das auch möglich. Wir haben so unsere erste Implikation (Beinhaltung), die lautet: Wenn ‚Erreichbar‘ dann auch ‚Möglich‘.

Bild 1: Die Implikation „wenn ‚Erreichbar‘, dann auch ‚Möglich‘ “ als Modalgefälle

Nach Paul Lorenzen stammt die Idee zur  Einführung, von  praktischem Können, also von  ‚Erreichbar‘ auf  ‚Möglich‘ zu schließen, aus einer unveröffentlichten Arbeit von J. Roetti. ‚Erreichbar‘ ist eine praktische Modalität, ‚Möglich‘ ist hingegen nur eine theoretische. Wer nur ‚Möglich‘ sagt, der kann ja nichts. Aber für einen, der kann, für den ist es auch möglich. Ein ‚Erreichbar‘ ist mehr als ein bloß ‚Möglich‘. Eine „ feasibility study“ ist der Unterschied, auch bei Energiewenden, boshaft vermerkt. Deshalb ist der alte  Ausdruck „Gefälle“, genauer auch „Modalgefälle“  vertretbar.

Die zweite Implikation haben wir schon behandelt. Es ist das alte „Sollen impliziert Können“, oder wenn etwas ‚Geboten‘ ist, dann muss es auch erreichbar sein, oder in Umkehrung, wenn etwas unerreichbar ist, dann kann es auch nicht geboten werden. Wir klettern im Gefälle noch eine Stufe höher.

Bild 2 : Doppelte Implikation im Deontischen

In Bild 2 gilt natürlich auch die Transitivität, also das Direkte: Wenn etwas geboten ist, dann muss es auch möglich sein. Wir können sofort zu  Bild 3 übergehen, in dem wir die ontische Modalität „Notwendig“ ergänzen. Dann was notwendig ist, muss auch erreichbar sein

Bild 3 : Ontische und deontische Modalitäten, die eine praktische Modalität umgeben.

Die theoretischen Modalitäten sind peripher. Sie stützen  als Möglichkeit die praktische Modalität ‚Erreichbar‘, oder ‚Erreichbar‘ wird an den theoretischen Modalitäten ‚Notwendig‘ und ‚Geboten‘   aufgehängt. So muss es auch sein. Theorie ist eine Zielführung für die Praxis und gleichzeitig  auch eine Stütze.

Bild 3 zeigt eine allgemeine Lebensweisheit. Man darf aber insbesondere in der heutigen Zeit nicht mehr annehmen, dass diese Weisheit durchweg akzeptiert wird. In dem oben zitierten Buch „Unbehagen“ des Soziologen Armin Nassehi lesen wir auf Seite 69:

Was man beobachten kann, ist ein merkwürdiger Fehlschluss. Es wird nicht analytisch, sondern ausschließlich auf einer appelativen Basis argumentiert: Im Schluss von der Notwendigkeit oder Drastik auf die Möglichkeit oder Realisierbarkeit.“

Drastik ist ein Theater im Politischen und keine Wissenschaft.

Oder anders formuliert: „Radikale Forderung sind auch keine Lösung“.

Es bedurfte eines modallogischen  Umwegs über praktische Modalitäten, um das zu zeigen.

Aufklärung mündet heute in eine elende Besserwisserei, von kritischer  Bildung  im aufklärerischen Sinne kaum noch eine Spur. Verschwörungstheoretiker beherrschen das Feld; das Drama  der Impfung und ihre Verweigerung gibt davon traurige Kunde.

2 Kommentare zu „„Radikale Forderungen sind auch keine Lösung“

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