Das Gleiche oder dasselbe

-Coronavirus und Grippe im logischen Vergleich –

Vergleichen   ist eine Lieblingstätigkeit des Menschen. Äpfel werden mit Birnen verglichen, der erste Weltkrieg mit dem zweiten, Frauen mit Männern usw. Warum tut der Mensch das? Eine einfache Antwort: Er will Erkenntnisse gewinnen in Form von Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten  von Gegenständen und Abläufen. Neulich (am 10.3. 20) hat sich der Tagesspiegel  mit dem Autor Richard Friebe mit dem Vergleichsproblem des Menschen auseinandergesetzt, natürlich tat er es mit Bezug auf das Problem unserer Tage, die Corona-Pandemie. Sein Thema:“ Warum der Vergleich von Coronavirus und Grippe hinkt!“ Im Mittelpunkt seiner Argumentation steht die unten stehende Tabelle der Krankheitssymtome, die von der World Health Organization (WHO) veröffentlich wurde.

Ausdrücke wie „manchmal“, „häufig“, „selten“, „kein“ oder „nein“, werden im der Logik Quantoren oder  erweitert auch  Anzahlquantoren genannt. Gegenüber dem klassischen Existenzquantor (∃, umgedrehtes E) schreibt man, wenn man sich auf das Vorhandensein einer Anzahl n bezieht, ∃n. Mit einem Quantor wird eine Variable gebunden, so dass eine Aussage  als wahr oder falsch beurteilt werden kann. Das Unexakte an der obigen Tabelle ist, dass  die Anzahlen ‚n‘ fehlen. Die hat man als Leser selbst nach Gesichtspunkten der Plausibilität  zu ergänzen. Gleiche Symptome (Merkmale ) für Coronavirus und Grippe, also „Fieber“, „Husten“, „Niesen“,“ Halsschmerzen“  werden mit einem Punkt ( • )versehen.

Tja, wenn alle Symptome von den Gegenständen „Corona“ und „Grippe“ auch in der Quantifizierung gleich wären, ja dann wäre ein Vergleich leicht möglich, weil beide Krankheiten identisch sind. Man darf dann sagen: Grippe und Corona, das ist dasselbe. Bei Identität spricht man auch von totaler Gleichheit oder Gleichheit in jeder Hinsicht. Wenn z.B. ein Auto vorbeifährt, darf ich sagen: „Ich habe dasselbe Auto heute schon mal gesehen“. Statt ‚dasselbe‘ könnte ich auch das Demonstrativpronomen „dieses‘ benutzen. Ob ich bei meiner Aussage nur die äußere Erscheinung oder das eindeutige Kfz- Kennzeichen herangezogen habe, ist unerheblich. Es war eigentlich Leibniz (1646-1716), der eine totale Gleichheit oder Gleichheit in jeder Hinsicht genau  formuliert hat. Er sagte:  Zwei A und B genannte Gegenstände, z.B. Corona- Infektion oder Grippe, werden identisch oder total gleich genannt, wenn es keine Möglichkeit gibt, sie sprachlich durch einen Satz zu unterscheiden, der auf einen der beiden Gegenstände zutrifft und auf den anderen nicht. Für jeden sinnvollen Satz P(A) gilt also P(A) gilt genau dann, wenn auch P(B) gilt. Man nennt diese Leibnizsche Einsicht heute auch gerne das Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren (principium identitatis indiscernibilium, englisch auch häufig Leibniz’s law genannt).

Wenn wir uns mit Gleichheiten beschäftigen, ist es von hohem Interesse die Hinsicht, in der Gleichheit besteht, ausdrücklich mit anzugeben, also eine partielle Gleichheit zu suchen. Bei einer partiellen Gleichheit darf ich sagen: Einen gleichen VW habe ich heute schon gesehen, wenn z.B. ein grauer VW gemeint ist.   In Bezug auf „Coronavirus“ und „Grippe“ sind die partiellen Gleichheiten in der Tabelle   durch Punkte hervorgehobenen. Wir können die vier Symptome unter Atmungsdefekte zusammenfassen und sagen, Coronavirus und Grippe sind atmungsdefekt-gleich.  Das wäre schön, wenn das so wäre. Man könnte dann von unbekanntem Coranavirus und   bekanntem Grippevirus   abstrahieren und partiell all unserer Erfahrungen aus den Grippe-Epidemien anwenden. Wenn ein Arzt einen Corona-Patienten sieht und sagt: „Das ist ja wie bei einer Grippe“, dann vollzieht er eine solche partielle Abstraktion wegen einer partielle Gleichheit. Das bedeutet, dass Corona und Grippe auch partielle (heil)- verfahrensgleich sind (therapeutisch partiell gleich).

Und die Moral von der Geschicht ist: Man sieht wie wichtig Abstraktion in unserem Leben ist.

Das Gleiche oder dasselbe“. Man sieht:  „Philosophische Probleme entstehen, wenn die Sprache feiert“ sagt Wittgenstein (1889-1951) treffend in seinen  Philosophische Untersuchungen, § 38, Suhrkamp (1977). Bei uns feiert die Sprache im Sinne Wittgensteins, insbesondere auch, wenn man die Orthografie in Sachen groß- und kleinschreiben betrachtet.

 

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