Unsere „Werte“ in einer Zeit der Hassreden

1) Moralische Werte

Im Buch „ Philosophische Anthropologie“ (1973) von Wilhelm Kamlah steht auf Seite 143 der bedeutungsvolle Satz „Wenn in diesem Buch behauptet wird, die Ethik habe sich nicht allein mit der Frage zu befassen ,was wir tun sollen‘, sondern auch mit der Frage, ‚wie wir leben können‘, bedarf die Frage der Erläuterung“. Denn in der Tat, es gibt nicht nur eine Pflicht- oder Sollensethik im Kantischen Sinne, sondern auch eine Ethik, die das Glück und die Zufriedenheit des Menschen in den Mittelpunkt stellt. Das Leben-können ist wichtig. Unsere Flüchtlinge konnten zu Hause nicht mehr leben. Deshalb sind sie ja hier. Sie haben jedoch die ethische Pflicht, sich zu integrieren, etwas zu leisten, um etwas beizutragen, ohne die Absicht, Transfergelder zu beziehen. Diese bloße Absicht ist unethisch. Eine symbiontische Absicht wird verlangt. In unserer Ethik manifestieren sich unsere Werte. Und ein ganz wichtiger Wert, unter vielen, ist die Meinungsfreiheit, die zur Debatte steht.

Nach einem Leben-können strebt der Mensch über seine Pflichterfüllung hinaus. Was Kamlah uns sagt, ist, dass es in der Ethik zwei Seiten einer Medaille gibt. Neben der Pflichtethik oder Deontologie gibt es auch eine Glückseligkeitsethik oder Eudämonie (Glückseligkeit). In der Zeit nach Kant erwuchs im 19. Jh. aus der Eudämonie eine Wertethik. Oswald Schwemmer meint unter dem Stichwort „Wert (moralisch)“ in der Mittelstraßschen Enzyklopädie, „Argumentationshistorisch ist die Rede vom Wert als Gegenkonzeption zur Kantischen Pflichtethik entwickelt worden.“ Das Gegenkonzept „Wert“ ist nun unser Thema.

Wir lesen in „Die Welt“ am 30.10.2019 in Sachen Hassreden   vom bekannten Internet- Professor Meinel vom Hasso Plattner Institut (HPI): „Wir sollten da nicht als Besserwisser auftreten, sondern die Möglichkeiten der Digitalisierung zunächst selbst erproben und dabei einen Umgang mit und im Netz entwickeln, der den W e r t e n (von mir gesperrt geschrieben) unserer Gesellschaft entspricht“.

Da haben wir es:

Unsere Werte werden in das Zentrum der Debatte um Hass und Hetze im Internet gestellt. Und Hasso Plattner, ein Liebhaber auch drastischer Formulierungen, selbst meinte, anlässlich der 20-Jahrfeier seines HPI-Instituts: „Man weiß nicht mehr, was wahr und was Fake News ist, weil die Journalisten auf dem Rückzug sind. Ich habe gedacht, das Internet wird zur Wahrheitsfindung beitragen. Hat es aber nicht. Wir brauchen so etwas wie eine Journalistenschicht, nicht jeder kann ins Internet hineinpinkeln!“ (Nebenbemerkung: Mir würde es gefallen, wenn neben den Journalisten auch die Blogger, die ja auch Journalisten sind, erwähnt würden).

Und Mathias Döpfner, Chefredakteur der Welt, meint im Spiegel vom 2.11. 2019:“ Wenn demnächst ein Algorithmus entscheidet, welche Formulierung verletzend, beleidigend oder falsch ist, finde ich das problematisch. Die Hauptursache für Hate Speech, für Fake News und für die zunehmende Emotionalisierung und Polarisierung der Gesellschaft ist doch die Existenz anonymer Accounts“. Und wenn einer mit einem identifizierbaren Account über die Stränge schlägt, so meint Döpfner im Weiteren, dann ist für solche Fälle die Staatsanwaltschaft zuständig.

Bloß Herr Döpfner eckt an, am Begriff „Meinungsfreiheit“, der richterlich sehr weit gefasst wird. Wir wissen z.B. vom Bundesverfassungsgericht (1995), dass die Beschimpfung „Soldaten sind Mörder“ unter den Begriff „Meinungsfreiheit“ fällt. Ebenso darf man laut Gerichtsbeschluss ungestraft sagen: “Die Politikerin Künast ist ein Stück Scheiße“. Mit der allgemeingültigen, logischen Abtrennregel (modus ponens) kann man von „Soldaten sind Mörder“ und „Müller ist ein Soldat“ sofort auf „Müller ist eine Mörder“ schließen. Das hat dann das Format der Aussage über Künast. Mörderbeschimpfungen (Kapitalverbrechen) sind vielleicht noch schlimmer als fäkalische Beschimpfungen.

(Und an die Adresse von Herrn Döpfner in Sachen Algorithmen: Schön wäre es, wenn es mehr MINT-geschulte Journalisten gäbe, die nicht nur über Algorithmen reden, sondern auch für Beurteilungszwecke und zum Verständnis in Algorithmen hineinkriechen können. Oberflächlich über Algorithmen reden, langt in vielen Fällen nicht.)

2) Wert (moralisch) ist kein Abstraktor

Wir erinnerten uns im Blog-Beitrag „ Marx heute“ an das beachtliche Abstraktionsvermögen eines Karl Marx und seiner Einführung des Abstraktors „Wert“. Es hieß, zitiert aus dem „Kapital“:

„der Wert eines Quarters Weizen = der Wert von a Ztr. Eisen“.

„Wert“ in dieser Schreibweise ist ein Abstraktor, der andeuten soll, dass über Weizen und Eisen abstrakt geredet wird. a ist eine Zahl, fest, aber beliebig.

Marx meinte natürlich auch „Ein Quater Weizen hat einen Wert“ und „a Ztr. Eisen hat einen Wert“. Das Wort „Wert“ kann also nicht nur als Abstraktor, sondern auch als ein Prädikator auftreten. Wer „Abstraktor“ sagt, will abstrakt gegenüber einer Äquivalenzrelation reden.

Äpfel und Birnen kann man schon in einen Topf werfen, wenn man vorher zu Obst abstrahiert. Marx brachte es fertig, Äpfel als Weizen und Birnen als Eisen in einen Topf zu werfen, um eine Gleichheit im Wert festzustellen. Wenn man gläubiger Marxist ist, kann man sogar behaupten, Karl Marx und nicht Gottlob Frege sei der Schöpfer der modernen Abstraktionstheorie.

Wert (ökonomisch) schreiben wir in Normalschrift, hingegen Wert (moralisch) fett.

Wert (ökonomisch) hat einen Einheitswert oder Preis. Wert (moralisch) hat keinen Einheitswert. Wert (moralisch) ist menschenbezogen, und der Mensch hat keinen Wert, er hat eine Würde (Kant), was auch in Art 1. der Verfassung steht. Dieser Unterschied ist ein entscheidender Punkt, wie wir noch sehen werden. Für Wert (ökonomisch) gilt: „Wert = Menge mal Preis“. Deshalb ist es auch sehr leicht, eine ökonomische Äquivalenz zwischen einem Quater Weizen und a Zentnern Eisen herzustellen, wenn die Preise bekannt sind.

Dürfen wir nun sagen:

„Soldaten sind Mörder“ ist eine Meinung

und

„Die Politikerin Künast ist ein Stück Scheiße“ ist eine Meinung.

Natürlich dürfen wir das. Wir müssen jedoch die Aussagen in Anführungsstriche setzen, weil Meinung ein Meta-Prädikator ist, und kundgetan werden soll, dass wir mit Meinung über ein Sprachkonstrukt reden. Verabredungsgemäß gilt natürlich, dass eine „Meinung haben“ und allgemein „Meinungsfreiheit“ ein hoher Wert (moralisch) sind.

Darf man nun in Analogie zu Karl Marx mit seinen ökonomischen Werten eine Gleichheit feststellen, denn eine „Meinung haben“ ist ja ein Wert:

Meinung „ Soldaten sind Mörder“ oder Meinung „der Soldat Müller ist ein Mörder“ = die Meinung „ Die Politikerin Künast ist ein Stück Scheiße“.

Das darf man nicht!

Warum?

Bevor wir die Frage beantworten müssen wir aber noch klären, was eine Meinung ist. Und das tun wir in Anlehnung an Kant (KrV, B 850):

„M e i n e n ist ein mit Bewusstsein sowohl subjektiv, als auch objektiv unzureichendes Fürwahrhalten.“

Meinung ist kein Wissen. Beim Wissen  nach Kant muss ein subjektiv wie objektiv zureichendes Fürwahrhalten vorliegen. Wenn wir nur  meinen, operieren wir also unzureichend und wahrheitsunabhängig. Man kann auch sagen, wir operieren im Nebel. Und das ist sehr lebensnah wie jeder weiß, der sich schon einmal geirrt hat.

Wegen der Subjekt- oder Personenbezogenheit und der damit verbundenen Fehlerhaftigkeit kann man nicht abstrahieren. Alle Meinungen sind verschieden, letztendlich, weil alle Personen mit ihrer Würde verschieden sind. Eine Meinung ist nicht transsubjektiv oder vernünftig. Deshalb ist Wert (moralisch) kein Abstraktor. Unser Wert „Meinungsfreiheit“ deckt die riesige Welt der Unvernunft. Wer glaubt, mit Algorithmen und jedwedem Determinismus könne man einer Unvernunft Herr werden, der irrt sich gewaltig. Aus dem Elend, in dem wir im Internet der Hassreden stecken, kann man vielleicht durch Sanktionen entfliehen. „Wer im Sinne von Hasso Plattner ins Netz pinkelt, der fliegt“. Das bleibende Problem: Wer stellt das Pinkeln fest? Sprachpolizist will niemand werden. Das Internet ist  z. Z. eine internationale Bedürfnisanstalt. Da darf gepinkelt werden.

3 Kommentare zu „Unsere „Werte“ in einer Zeit der Hassreden

      1. Dass Sie Computer brauchen ist ich schon klar. Nach neuesten Schätzungen soll Deutsch aus 5,3 Millionen Wörtern bestehen, ohne Fachsprachen. Die Chemie hat alleine 20 Mio. Die Engländer haben mehr, Franzosen weniger.

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