Merkels Appell an den Vernunftglauben

Der Begriff „Vernunftglauben“ ist in Vergessenheit geraten, obwohl er seit der Philosophie Immanuel Kants eine große Rolle spielte. Jetzt, in der Corona Krise mit den bedrohlichen Zahlen, die ein politisches Handeln verlangt, greift die Bundeskanzlerin  in eine philosophische  Begriffswelt, weil es um existentielle Fragen des Lebens geht. Wenn‘s ums Leben und Überleben geht, wird’s ernst, und man sollte nachdenken. Und Philosophie ist ein  Reflexionsfach ersten Ranges. Wer ein Lebensinteresse hat, d.h. einen Willen zu leben, der braucht als Orientierung einen  Glauben, einen Glauben an sich selbst und seine Vernunft,  eben einen Vernunftglauben.

 

1) Vernunftglaube und Offenbarungsglaube

Ein  Offenbarungsglaube  ist wesentlich älter und steht bei den drei abrahamitischen Religionen im Mittelpunkt der Gläubigkeit. Gemeint sind das Judentum, das Christentum und der Islam. Gott selbst hat sich  in diesen Religionen  offenbart,  er öffnet sich.

Der Vernunftglaube hingegen ist erst seit der Aufklärung ein Begriff; und hier insbesondere war es Immanuel Kant (1724-1804) mit seiner Schrift von 1786 „Was heißt sich im Denken orientieren?“, der den Vernunftglauben als das Licht der Orientierung (ex oriente lux) herausstellt. Gemeint ist: Ich muss mich auf meine reine Vernunft als mein Leitstern  verlassen können, insbesondere, wenn es um mein Leben  geht:  Sehr schön wird dieser Gedanke bei Youtube in einem Dialog  über die Kantische Schrift mit Oskar Negt heraus gearbeitet. Ein Vernunftglaube ist ideologiefrei,  er entsteht in mir selbst als ein Bedürfnis, wie Hunger und Durst. Eine Kollision mit dem von außen kommenden Offenbarungsglauben findet nicht statt. Ein Glaube, sei es ein Vernunft – oder Offenbarungsglaube, ist ein Bedürfnis und kein Beweis irgendeiner  Existenz.

Kant hat sich intensiv mit dem Begriffspaar „Glauben und Wissen“ auseinandergesetzt, auch schon in seiner Kritik der reinen Vernunft  von 1781. Glauben ist ein subjektives zureichendes  Fürwahrhalten, das aber objektiv nicht zureichend ist. Man ist beim Glauben überzeugt, man weiß es aber nicht, weil die Gewissheit fehlt, die beim Wissen vorausgesetzt wird. Beim Glauben,  jedweder Art, wird man allein gelassen. Das ist beim Meinen anders, weil ein subjektiv unzureichendes Fürwahrhalten vorliegt. Beim Meinen werde ich nicht allein gelassen. Ich kann mit anderen diskutieren und sogar über Beweis oder Widerlegung zu einem Wissen gelangen. Das subjektive Fürwahrhalten kann natürlich fehlerhaft sein, insbesondere, wenn ich nicht ausreichend kritisch bin. Dann liegt ein Irrglauben (misbelief) vor, der ins Krankhafte führen kann. Irrglauben ist im Politischen häufig vorzufinden. Irrglauben ist nur schwer zu korrigieren oder  im Krankheitsfalle zu heilen, weil der Betroffene eben subjektiv sich im Zustand des zureichenden Fürwahrhaltens  befindet. „Irrmeinen“ ist demgegenüber eine harmlose Erscheinung, weil  im Bewusstsein ein subjektiv unzureichendes Fürwahrhalten vorliegt. Mit einem Irr-Meinenden kann man reden, mit einem Irr-Gläubigen nicht. Kann es einen Vernunft-Irrglauben  geben? Antwort:  Nicht, wenn man  redlich und  kritisch ist, d.h. auch sich selbst kritisch prüft. Die kritische Vernunft ist  in Kantischer Sicht pausenlos mit sich selbst beschäftigt. Und das lässt der Mensch sich nicht nehmen.

2) Vernunftglauben in der Corona-Krise

„Ich glaube in einer Demokratie an die Kraft der Vernunft und der Verantwortung“,

sagte Frau Merkel am Ende  der Pressekonferenz am Montag, 2.11.2020, zu den Beschlüssen der Regierung in  Sachen Corona. Das ist ein Rückgriff auf den Vernunftglauben à la Kant.

Es gilt als sicher, dass die Maßnahmen der Regierung virologisch, also empirisch wissenschaftlich bestimmt und begründet wurden. Das ist eine Seite, die der Laie nicht verstehen kann. Der virologische Laie weiß aber, dass seine gesundheitliche Existenz und damit auch sein Leben und das anderer auf dem Spiele stehen. Der Laie wird auf sich selbst zurückgeworfen. Er,  und nicht die Ordnungspolizei, muss entscheiden, ob er den Ratschlägen der Regierung folgt oder nicht. Denn es geht um menschliche Kontakte, die zu minimieren sind, und nicht um Gerechtigkeit. Weshalb z.B. Friseure offen sind und Tattoo-Institute nicht, das steht nicht zur Debatte, wenn man nicht in epidemiologische Verbreitungs-Modelle einsteigen will. Vernunftglauben ist ein subjektives Fürwahrhalten und keine Gewissheit.  Das wäre schön, wie alle Ideologien es sind. Kant sagt in seiner Schrift:

Nun aber tritt das Recht des Bedürfnisses der Vernunft ein, als eines subjektiven Grundes etwas vorauszusetzen und anzunehmen, was sie durch objektive Gründe zu wissen sich nicht anmaßen darf; und folglich sich im Denken, im unermesslichen und für uns mit dicker Nacht erfüllten Raume des Übersinnlichen, lediglich durch ihr eigenes Bedürfnis zu orientieren“.

Und das eigene Bedürfnis  ist,  gesund am  Leben zu bleiben. Existiert dieses Bedürfnis nicht, komme ich in eine ganz andere Welt, in eine Welt der Gleichgültigkeit, die aber nicht zu verantworten ist, weil der andere nicht gleichgültig sein darf.

2 Kommentare zu „Merkels Appell an den Vernunftglauben

  1. Angesichts der rapide steigenden Infektionszahlen geraten viele Gesundheitsämter an ihre Grenzen, bei der Kontaktverfolgung kommen sie kaum noch hinterher. Überlegungen, sich dabei nur noch auf Risikogruppen zu konzentrieren, treffen beim Vorsitzenden der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, auf scharfen Widerspruch.

    1. Liebe Frau Heigel,

      Man hat Angst vor dem Wort “ Triage“, auf Deutsch „Aussortierung“. In Wikipedia ist der Begriff wunderbar beschrieben. In verzweifelten Notlagen muss man zur Aussortierung von Menschen schreiten, um den ganzen Vorgang unter sehr restrikiven Nebenbedingungen zu optimieren.
      Denken Sie mal an den Untergang der Titanik.

      Viele Grüße
      Ihr
      H.Wedekind

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