Notwissenschaften versus freie Wissenschaften. Ist die Unterscheidung erlaubt?

Vorbemerkung.

Die „skandalöse“ Unterscheidung „Notwissenschaft und freie Wissenschaft“ stammt vom Erlanger Professor  Paul Lorenzen (1915-1994) und wurde 1994 in seinem Aufsatz „Konstruktivismus“ vorgetragen. Er selbst nennt die Unterscheidung  barbarisch. Am besten aber, wir zitieren Lorenzen selbst, um dann die wissenschaftstheoretische und auch wissenschaftspolitische Problematik dieser Unterscheidung aufzuzeigen. Lorenzen schreibt auf Seite 129  im  Periodicum ‚Journal of General Philosophy of Science‘ 25 (1994):

„Das klassische Vorverständnis ist das folgende. Wenn in einem Lande der Frieden einigermaßen gesichert ist und zumindest gewisse Schichten ohne Armut leben können, dann können dort auch Kunst, Religion und die freien Wissenschaften erblühen. Die freien, von Not entlastete Wissenschaften gehören – bei uns – seit den Griechen zum kultivierten Lebensstil.  Friede ohne Armut ist die Vorbedingung wissenschaftlicher Kultur.

In diesem klassischen Verständnis freier Wissenschaften ist es schlicht barbarisch, das Bedingungsverhältnis umzukehren, d.h. den Wissenschaften die Aufgabe zu stellen, Frieden ohne Armut allererst zu sichern. Wissenschaften für diese praktische Aufgabe sind keine freien Wissenschaften mehr, sondern Notwissenschaften – durch die Not von Krieg und Armut erzwungen.“

1) Notwissenschaften

Wir betrachten  die  Armut. Und hier sind zunächst die MINT-Fächer in unserem Fokus, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Wir stürzen uns hier   auf den Maschinenbau, weil ich  den seit Studentenzeiten einigermaßen überblicke. Bemerkenswert ist seit rund 40 Jahren eine rasante, fast atemberaubende Entwicklung. Mit den Worten von Günter Spur (1928- 2013), dem bekannten Fertigungstechniker von der TU Berlin, war das „Opas Maschinenbau“, den ich in meiner Jugend (1955-1960) studierte: Grundlagen, dann Anwendungen wie Allgemeiner Maschinenbau, dann Spezialisierungen wie Werkzeugmaschinen, Lasthebemaschinen,  Getriebelehre, Turbinenbau etc. Wie die apokalyptischen Reiter brauste es  dann nach meinem Studium über den Maschinenbau hinweg. Das ganze Fach wurde umgekrempelt, was ich schon aus sicherer  Distanz  als Angestellter bei der IBM  beobachtet. Bei der IBM wurde ich in den 70-ger mit dem vertraut, was man heute   Digitalisierung nennt und heute  zum Wortrepertoire eines jeden Politikers gehört. Ein Merkmal: Notwissenschaften haben sich enorm entwickelt. Die Freien folgen ihnen dann? Siehe: Digital Humanities.

Dass es so etwas wie Notwissenschaft gibt, erkennt auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMFT). Denken wir nur an das Thema „ Speicherung überschüssiger erneuerbarer Energie“ und das Kopernikus- Projekt . Hake beschrieb in seinem Aufsatz „Energiewende: Weg zum Erfolg oder Sackgasse“ (2014), dass das klassische, technologisch erprobte  Stauseenprinzip untauglich ist. Dass wir riesige Hochflächen in Deutschland bräuchten, um in Stauseen als Energiespeicher Wasser hoch zu pumpen, rechnet uns Hake im Detail vor. Die Herrlichkeiten des  Lünersee  im Brandtnertal  in Österreich und die Technik dahinter, die ich immer bewundert habe, sind hier bei uns schnell zu Ende, was jedermann einsichtig ist. Es müssen in unserer CO2-Not  ganz neue Technologie zur Speicherung erneuerbarer Energien  schnellstens entwickelt werden. Die Technologien werden unter dem Begriff  „Power-to-X“ zusammengefasst. Viele, hauptsächlich technische Disziplinen müssen interdisziplinär genutzt werden, um zum Ziel zu gelangen. Man nennt das “Aus der Not eine Tugend machen“ (to make a virtue out of necessity). Der  Druck erzeugt Not, psychisch nicht nur in der Welt, auch unter den Forschern. So einfach wie Politiker sich das vorstellen, ist das alles nicht.

Wir bringen dieses hochaktuelle und schlagende  Beispiel, um zu zeigen, dass der Begriff „Notwissenschaft“  gerechtfertigt ist und verteidigt werden kann. Das Bundesministerium hat den Begriff verstanden. Ansonsten würden nicht so umfangreiche Geldmittel bereitgestellt.  Formal definitorisch kann man sagen: „ Die Notwissenschaften heißen so, weil, wenn wir sie nicht betreiben, wir  in Not geraten.“ Aber auch Fächer wie Physik, Chemie, Mathematik und Biologie können befragt werden, welche Teile als Notwissenschaft lehrbar sind, meint  Lorenzen sinngemäß.

Nicht nur Armutsbeseitigung und Armutsverhinderung, sondern auch   ein Herstellen und Erhalten von Frieden ist die Angelegenheit von Notwissenschaften. Jetzt haben wir es leicht, denn wir können uns auf unseren Blogbeitrag „Politische Vernunft- Gibt es die noch?“ beziehen. Politische  und praktische Vernunft ist die Angelegenheit vieler Notwissenschaften. Wie dürfen aufzählen: Jurisprudenz, Politologie, Soziologie, Philosophie und andere mehr. Auch diese können befragt werden, welche Teile als Notwissenschaft lehrbar sind. Bedenken wir aber immer bei Großprojekten: Die Wahl der Zwecke ist nicht nur ein technisches, sondern auch  ein politische Problem. Aber das technische Problem muss von Politikern aus ihren Wissenschaften heraus  verstanden werden. Und dazu bedarf es einer  beachtlichen Vorbildung. Ist die vorhanden?

 2) Freie Wissenschaften und ein Ausgleich

Den freien Wissenschaften werden Merkmale zugeordnet, die auf Humboldt zurückzuführen sind. „Wissenschaften um ihrer selbst willen“ nach Humboldt (1766-1835)  am besten in „Einsamkeit und Freiheit“, heißt es.  Andere idealistische Philosophen wie z.B. Fichte (1762-1814) und der Dichterphilosoph  Friedrich  Schiller (1759-1805) folgten. Mit Schiller  in seiner berühmten Jenaer Antrittsrede von 1789, in der er den  Philosophischen Kopf dem  Brotgelehrten gegenüberstellte, begann eine gewisse  Polemik, die bis heute anhält. “Wo der Brotgelehrte trennt, vereinigt der philosophische Geist“ heißt es bei Schiller abschätzig. Der Brotgelehrte will einen Job, und den kann man über  notvermeidende Wissenschaften leichter finden. Es gab auch eine Gegenpolemik, z.B. spottete man über  „weltabgewandte“ Forschungsthemen  der „Freien“ wie die   „ Hethiter-Stürme“ vor Tausenden von Jahren. Die freien Wissenschaften   sind  Studienfächer für Gymnasiallehrer, sagte man auch. Das sind aber auch Jobs. Man sieht, dass sich Polemik häufig widerspricht, weil Emotionen walten. Ohne Polemik wurde aber vom Engländer  C.P. Snow (1905-1980) in seinem bekannten Aufsatz von 1959  zwei Kulturen gesprochen, der in wissenschaftstheoretischen Kreisen einiges Aufsehen erregte. Der Aufsatz ist lesenswert, und man wird darauf hingewiesen, dass doch ein Graben existiert, meistens dann, wenn eine mathematische Formel an der Tafel steht und gewisse Leute fluchtartig den Saal verlassen.

Wir wollen uns auf Streitereien nicht einlassen. Die sind überall nachzulesen. Wir stürzen uns lieber auf die Erforschung und Darstellung der Vergangenheit, eine zentrale Angelegenheit der freien Wissenschaften, die aber auch für Notwissenschaften wichtig ist. Denn auch für Notwissenschaften gilt der Wahrspruch „Verstehen heißt, verstehen wie es geworden ist“. (Schnädelbach). Wir laden deshalb alle Wissenschaftler ein zu einer Fahrt ins Deutsche Museum in München, das von Oscar von Miller (1855-1934) gegründet wurde. Oscar von Miller war Bauingenieur. Bauingenieurwesen ist unter den Notwissenschaften heute ein zentrales Fach. Man könnte es auch einen gewaltigen Teil eines Umwelt-Ingenieurwesen (environmental engineering) nennen. Die Umwelt ist in Not, und wir mit ihr. Am Deutschen Museum kann man sehen, dass Gelehrte in die Geschichte eintauchen können. Sie müssen  bloß  auch wieder auftauchen, meint Paul Lorenzen schnippisch. Das tun sie im Deutschen Museum. Gerade wurde der erste Apple-Rechner  „Apple-1“ von 1976, heute eine Kulterscheinung, vom Deutschen Museum erworben, um kritisch betrachtet zu werden. Prof. Heckl, der Leiter des Deutschen Museums, ist ein Garant dafür, dass in München die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft wird. Ein Wahrspruch:

„Wer seine Vergangenheit nicht  verstanden hat, wird auch seine Zukunft nicht verstehen.“

Das Deutsche Museum ist für uns, die einen Ausgleich zwischen den Kulturen suchen, ein Parade-Museum, weil beide, Not- und freie Wissenschaft in einem Haus vereinigt sind. Denn es ist schade, dass Notwissenschaften, nicht aber freie Wissenschaften im Allgemeinen unhistorisch gelehrt werden. Museumswissenschaften , die eine große Bedeutung haben,  sind ein wunderbares Vehikel, um zu zeigen, dass eine Spaltung  à la C.P. Snow nicht gerechtfertigt ist. Museumswissenschaft ist eine Darstellungswissenschaft von dem, was in der Vergangenheit war. Ohne Vergangenheit keine Zukunft. Wer nicht an technischen Fächern interessiert ist, der fahre mit uns nach Berlin. Wir gehen dann ins wunderbare Neue Museum auf der Museumsinsel, das im Kriege  zerstört wurde. Vom englischen Architekten David Chipperfield wurde ein wunderschöner Neubau erstellt (1997-2009), der selbst als Bauwerk Altes mit Neuem verbindet. Das Neue Museum bietet Vieles von dem, was Kulturwissenschaften zu bieten haben, von den alten Ägyptern aufwärts. Über das Sehen gewinnt man Erkenntnisse.

Ist die obige Unterscheidung zwischen Not- und freien Wissenschaften erlaubt?

Spätestens wenn man Lorenzen  hört, ist der Streit vorprogrammiert, aber  wissenschaftspolitisch wichtig. Es geht ums Geld. Nach Lorenzen gilt als Verteilungsmaxime für Forschungsmittel aus kultureller Tradition: für die Notwissenschaften so viel wie nötig, alles Übrige für  freie Wissenschaften.

 

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