Politische Vernunft. Gibt es die noch?

    Vorbemerkung

Wir haben die Absicht, den Begriff „Politische Vernunft“ aus drei Aspekten zu betrachten. Einmal im ersten Abschnitt aus der Sicht Immanuel Kants ( 1724-1804). Bei Kant liegen die  modernen Ursprünge des Begriffs. Weiter dann zum Pessimismus  eines  Paul Lorenzen (1915-1994), der uns u.a. auch eine kurze Geschichte des Begriffs liefert, um dann  im dritten Abschnitt zu Egon Flaig (*1949) überzugehen, der mit seinem Buch „ Die Niederlage der politischen Vernunft – Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen“ (2017) unter Journalisten, weniger unter Philosophen  ein beachtliches Aufsehen erregt hat. Ob wir die im Thema gestellte Frage beantworten können, ist am Anfang noch unklar. Das ist der Reiz an der Sache am Anfang (nach Hermann Hesse). Wie wichtig das Thema „ Politische Vernunft“ ist, erkennt man daran, dass Willkür politische Unvernunft bedeutet. Und wenn man in einer Entscheidungssituation nicht weiter weiß, greift man bekanntlich  zur Willkür, zur Unvernunft. Willkür heißt: Es wird gewürfelt, und der Ausgang ist ein Widerfahrnis. „Politik als Widerfahrnis“ ist ein Gegenthema zu „Politik als Vernunft“.

1) Politische Vernunft nach Immanuel Kant (1724-1804)

In Sachen „aufklärerische  Vernunft“ überhaupt ist Immanuel Kant die erste Adresse. In diesem Abschnitt brauchen wir uns nicht besonders anzustrengen, weil das Thema „Kant und die Vernunft“ bereits im Blog unter “ Industrie 4.0 aus-der-Sicht-Immanuel-Kants“ behandelt wurde und wir es hier somit nur kurz zu resümieren haben. Die Vernunft eines Subjektes, einer Person, die für Kant praktisch also handlungsorientiert ist und Ziele und Zwecke setzt,  beschäftigt sich mit unserem Verstand, der  theoretisch ist . Dieser wiederum hat  unsere Erfahrung zum Gegenstand, die er verarbeiten muss. Die Dreiteilung  „Vernunft, Verstand und  Erfahrung“ und ihre Zusammenhänge werden in Bild 1 noch einmal wiederholt. Die Vernunft hat keinen unmittelbaren Zugang zur Erfahrung. Die praktische Vernunft folgt dem Kategorischen Imperativ, der verkürzt besagt, dass mein Handeln universalisierbar, d.h. verallgemeinerbar sein sollte. Kant liefert uns diverse Formulierungen seines berühmten Imperativs. Er ist die Grundlage unseres Zusammenlebens in einer Republik, einer „res publica“, eine öffentliche Angelegenheit. Kant war Republikaner. Und für Republikaner steht die Moral nicht über der Republik. Moral ist eingearbeitet in ihre  republikanische Verfasstheit, so wie die  Religion auch. Es gibt für Kant  nur eine Religion als Abstraktion moraläquivalenter Glaubensarten, was im Blog detailliert behandelt wurde.

Bild 1: Vernunft, Verstand,  Erfahrung und ihre Zusammenhänge

  • a: Vernunft als Vorgesetzter des Verstandes. Der Verstand ist der Angestellte der Vernunft.
  • b: Die reflektierende Vernunft, die sich selbst überprüft.
  • c: Der Verstand übermittelt Erfahrungsregeln an die Vernunft.
  • d: Die Erfahrung als Erkenntnisquelle für den Verstand.
  • e: Der Verstand als Urheber von Gegenständen der Erfahrung.

 

In einer Erläuterung  durch die Erlanger Schule um Paul Lorenzen wird dem  kantischen Begriff „Vernunft“ das Merkmal „transsubjektiv“ zugemessen. Vernunft ist transsubjektiv. Damit ist eine Orientierung gemeint, die darauf abzielt, von den Beteiligten einer Beratung  eine Gemeinsamkeit zu gewinnen, wobei die eigene Subjektivität überwunden wird. „Transsubjektivität“ (über die eigene Subjektivität hinaus) ist ein großes Wort. Leicht verstehbar für jedermann ist die Formel “vernünftig sein, heißt transsubjektiv sein“.  Die Formel ist doch so schwer, weil ich aus „meiner eigenen Haut heraus muss“. Die große Frage, mit der wir uns nicht befassen wollen, lautet: Wie ist Tanssubjektivität lehrbar? Schau ich mich in der Welt um, auch in der politischen, dann lautet meine pessimistische  Antwort: Wohl kaum.

Den Unterbegriff „politische Vernunft“ hat Kant nicht explizit thematisiert. Behandelt aber hat er den Begriff schon. Z.B. in einer  seiner letzten Schriften „Zum ewigen Frieden“ (1795) erklärt Kant die Gewährung des Friedens zur Sache der Politik. Frieden bei  mäßigen Wohlstand in einem normativ geordneten Zusammenleben ist heute das Ziel einer jeglichen, vernünftigen, transsubjektiven Politik. Das haben wir von Kant gelernt. Das ist ideal-philosophisch, wichtig und gültig. Praktisch politisch ist das  nicht. Die praktische Politik sollte sich aber daran ausrichten. Eine Praxis ist immer ausrichtungs-bedürftig wie  im Blog-Beitrag „Kinder brauchen Märchen, Erwachsene brauchen Ideale“ gezeigt wird.

Es ist  in unserem Zusammenhang schon bedeutend herauszustellen, dass Kants praktische Vernunft  auch für ganze Institutionen zu gelten hat. Einer dieser Institutionen ist der Staat. Neben vielen anderen Einheiten (Körperschaften und Gesellschaften) ist der Staat eine juristische Person.  Soweit ich die kantsche  Literatur überblicke, hat Kant die wichtige aufklärerische  Abstraktion von vielen Glaubensarten  hin zu einer  Religion vollzogen, wie sie im Blog unter „ Vom Glaubens-Terrorismus zur Religion“ geschildert wird.  Aber eine  Abstraktion von natürlichen Personen zu  einer juristischen Person geschah erst später  im 19. Jh. Unter dem Aspekt einer gemeinsamen Lebensform lassen sich eine Vielfalt von natürlichen Personen zu einem Gebilde abstrahieren, das wir Staat nennen. Bei „Staat“ reden wir also invariant bezgl. vieler natürlicher Personen als eine juristische Person. Wir wissen aus der Abstraktionslehre, dass ein Abstraktum (z.B. Staat), das in einer Behauptung auftritt, muss, wenn die Behauptung geprüft werden soll, durch einen Repräsentanten ersetzt werden.  Man nennt die Repräsentanten bei juristischen Personen seine Organe. Der Repräsentant ist eine natürliche Person, z. B. Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundestagspräsident etc., was von der Situation, in der die Person auftritt, abhängt. Dass ist wie bei der Abstraktion zur Zahl als Abstraktum von anzahlgleichen Ziffern. Ich muss eine Ziffer als Konkretum  an die Tafel schreiben. Eine Zahl an die Tafel schreiben, das geht gar nicht. Abstrakta (Zahl) sind eben keine Konkreta (Ziffer). Mit einem Bundespräsidenten als natürlche Person zum Lunch zu gehen, das geht;  mit ihm als juristsiche Person zum Lunch, das geht nicht. Eine juristische Person kann nicht essen. Oder: Eine Religion als Abstraktum ist eben keine Glaubensart. Wir dürfen nach Kant nur vom Abstraktum „Religion“ sprechen, wenn wir moralgleiche  Glaubensarten vor uns haben. “Gemeinsame Lebensform“, „Anzahlgleichheit“, „Moralgleichheit“ sind Äquivalentrelationen, die bei jeder Abstraktion herausgestellt werden müssen (vgl. Wedekind Teil III ). Es ist klar: Eine beliebige Multikulti – Zusammenstellung mit diversen unterschiedlichen Lebensformen ist kein Staat, weil die gemeinsame Lebensform fehlt. Es ist eine Gesellschaft als Abstraktum, deren natürliche  Personen auf einem definierten Territorium leben. Der Staat als juristische Person verwaltet die öffentliche Angelegenheit, die „res publica“. Ein solcher Staat wird auch Republik genannt. Die pessimistische Frage taucht auf: Ist die Bundesrepublik Deutschland noch eine Republik oder schon  eine Bundesgesellschaft Deutschland. Über eine solche Frage hat in einer Republik der Bürger als natürliche Person, der „citoyen“ zu entscheiden. Wikipedia spricht  von einem Bürger bzw. Staatsbürger, der in der Tradition und im Geist der Aufklärung aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnimmt und dieses mitgestaltet.

2 ) Der Pessimismus in Sachen „Politische Vernunft“ eines Paul Lorenzen (1915-1994)

Unser Thema „Politische Vernunft“ ist in der Literatur  ausgiebig diskutiert worden. Wir greifen Lorenzens Aufsatz „Politische Vernunft und der Begriff Sozialismus“ von 1984 heraus und zitieren aus Teil II:

 „ Politische Vernunft entstand als eine wissenschaftliche Tradition in der klassischen Antike bei den Griechen – sie kulminierte in Platon und Aristoteles. Mit dem Hellenismus setzte ein Niedergang ein,  bis in der Spätantike das politische Denken durch christliche Theologie überdeckt wurde. Seitdem haben wir den Primat des Individuums, dessen Würde in seiner Beziehung zu Gott liegt. Das ist der Primat des individuellen Seelenheils vor der res publica, vor dem Gemeinwohl, wie man ungenau übersetzt. Nach dem Mittelalter verliert das Christentum durch humanistische Bildung und die neuzeitliche Naturwissenschaft seine allgemeine Verbindlichkeit. Die Menschen als Individuum kümmern sich nicht mehr primär um ihr Seelenheil, sondern um materiellen Besitz, um wirtschaftlichen Erfolg. Das ist die säkularisierte Form des christlichen Primats der individuellen Interessen vor der res publica, vor dem Staat, wie es dann in der Neuzeit heißt. Die politische Verfassung und die Rechtsordnung wird dem Zweck untergeordnet, die freie Entfaltung der Individuen, insbesondere ihre wirtschaftlichen Erfolge zu ermöglichen und zu sichern. Politik wird dadurch  eine technische Aufgabe –  und politische Vernunft wird uminterpretiert in die skeptische Weisheit der Toleranz gegenüber allen Religionen und Ideologien.“

Lorenzen führt uns also von der Politischen Vernunft  auf den Begriff „Skeptische Toleranz“. Ist „Skeptische Toleranz“ abstrahierbar?  Toleranz heißt Duldsamkeit. Ist Duldsamkeit abstrahierbar?

Wenn ich  einen Fall einmal  toleriere, das andere mal  aber nicht, dann ist das  Willkür, also ist Unvernunft am Werke. Unvernunft ist nicht abstrahierbar. Schauen wir auf 60 Millionen Flüchtlinge in Afrika, dann kann nur Willkür am Werke sein. Den einen nehme ich, den anderen nicht, alle geht nicht. Willkür ist  wie Unvernunft nicht abstrahierbar, weil ich keine Äquivalenzrelation, kein dahinter stehendes, tragfähiges  Prinzip finde.

Lorenzen zeigt uns einen Niedergang (decline) der Politischen Vernunft, nicht bloß eine Niederlage (defeat), die wie eine Schlacht verschmerzbar wäre.  Sein Pessimismus ist aber auch schon 1978 in seiner Schrift „Konstruktive Wissenschaftstheorie und politische Vernunft“ zu erkennen. Er schreibt hier “Transsubjektivität ist den Menschen erfolgreich ausgetrieben worden. Ohne Überwindung des neuzeitlichen Subjektivismus bleiben die Aussichten ethisch-politischer Wissenschaften gering.“

3 ) Politische Vernunft als Niederlage nach Egon Flaig  (*1949)

Das Buch von  Egon Flaig „Die Niederlage der politischen Vernunft-Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen“ ist eigentlich recht einfach zu analysieren, obwohl es in summa   über ansehnliche 415 Seiten mit vielen interessanten  Details  geht. Flaig benutzt das  arithmetische  Strukturierungs-Prinzip des Ausklammerns (factorizing) und stellt  im 1. Kapitel den Begriff „Politische Vernunft“ vor die Klammer. Die Klammer  besteht aus weiteren 10 Kapiteln, die hier nicht zur Debatte stehen.   Er beschreibt die Politische Vernunft mit 12 Implikaten, wie er sagt, die er auch unglückselig „Bedingnisse“ nennt. Wahrscheinlich hat Flaig zu viel Heidegger studiert, der mit komischen Ausdrücken dieser Art die philosophische  Welt zeitweise  in Atem hielt.

Flaig bedarf einer  logischen Rekonstruktion. FLaigs Implikate sind  12  hinreichende  Bedingungen, die wir als Typ im Beitrag „Rationale Theologie“ ausgiebig erörtert haben.  Wir werden die 12  hinreichende Bedingungen   gleich kurz skizzieren. Notwendige Bedingungen sind für ihn die Öffentlichkeit (B1) und die Urteilskraft (B2), womit wir mit Kant die Fähigkeit verstehen, einen Einzelfall im Prozess der Subsumtion  unter eine Regel zu bringen. Das ist klassische Jurisprudenz, ohne die nichts geht. Wir können als notwendige Bedingung  schreiben: Öffentlichkeit (B1) Und (∧) Urteilskraft (B2) bedingen die Politische Vernunft:

B1 ∧ B2 → Politische Vernunft.

„Politische Vernunft“ tritt als Nachsatz auf.

In einer hinreichenden Bedingung  tritt „Politische Vernunft“ als Vordersatz auf und hat im Nachsatz mit 12 Glieder, die durch ein Oder(∨) verknüpft sind.

Politische Vernunft → A1∨A2 ∨ A3 ∨…….. ∨ A12

Wir  werden uns hüten, hier alle 12 Bedingungen darzustellen. Wie verweisen auf das Buch mit seinem 1. Kapitel und beschränken uns nur  auf die wichtigsten hinreichenden Bedingungen:

A1 = Funktionierende Staatlichkeit,

A2 = Der Staat muss säkular und republikanisch sein.

A3= Es gibt Bürger in einer Gemeinschaft und nicht Menschen in einer Gesellschaft.

A4 = Die Menschenrechte werden beachtet.

 

A5 = Der Staat muss sich verteidigen können, weil er Gegner hat.

.

.

A12 = Verantwortung ist begrenzt auf die eigenen Taten.

Im Gesamtzusammenhang der Politischen Vernunft:

B1 ∧ B2 → Politische Vernunft → A1 ∨ A2  ∨ A3  ∨ …… ∨A12

kann einiges schief laufen von B1 bis A12, was zu einer oder mehreren Niederlagen der politischen Vernunft führt. Versagt das Paar B1 und B2 ist die Politische Vernunft am Ende. Flaig denkt aber an Reparaturmöglichkeiten, weshalb er auch von einer  Niederlage  und nicht von einem  Niedergang spricht.

  • Schlussbetrachtung

Wir schieben zwei  kritische Bemerkungen in Bezug auf die Geistes- und Kulturwissenschaften ans Ende unseres Beitrags. Die eine stammt von Paul Lorenzen, die andere von Egon Flaig. Wir lassen die Bemerkungen unkommentiert stehen und erbitten eine Gegenkritik und keine wilde Polemik, die insbesondere in Sachen Flaig journalistisch üblich geworden ist. Die beiden Kritiken von Lorenzen von  1992 und Flaig  von 2017  liegen 25 Jahre auseinander.

Lorenzen in „Diesseits von Idealismus und Realismus“ (1992):

„ Die Bedrohung durch die sich selbst überlassene Naturwissenschaft und Technik und durch die wirtschaftlich und militärisch gestützte Interessenpolitik sind erstmalig in unserer Geschichte. Wenn überhaupt, dann sind die drohenden Katastrophen nur durch eine schnelle Reform der Geisteswissenschaften vermeidbar“

Flaig in seinem Buch auf Seite 82 (1917):

Dass die Kulturwissenschaften auf ein vorkritische Stadium zurückdriften, rührt aus dem massiven Wandel in den akademischen Karrieren und an dem weitgehenden Verlust an basaler Bildung, insbesondere was die kantische Philosophie angeht.“

Wir mussten auf dem Gymnasium nach dem Kriege  noch so etwas lesen wie Eduard Stucken „Die weißen Götter“ (Roman).  Stucken war für uns so um 1953  eindrucksvoll, vor allen Dingen wegen seines Pathos  in Sachen Hoffnung. Der heute sehr kritisch beurteilte  spätromantische Schriftsteller Eduard von Stucken (1865-1936)  lässt seinen Eroberer Ferdinand Cortes in Mexiko vor den Trümmern seiner Schiffe pathetisch  sagen:

„Genossenes Glück ist ein Berggipfel, schön und beängstigend; erlittenes Unglück ist eine Talschlucht, lichtlos, doch ohne Schrecken mehr. Vom Berggipfel führen alle Wege abwärts; aus tiefer Schlucht aber können Wege emporführen. Daher verarmt das Glück die Hoffnung, das Unglück aber bereichert sie. Und arm ist, wer ohne Hoffnung ist.“

Wir 18-Jährige von damals  nach dem fürchterlichen Kriege in einer Talschlucht verstanden das, und  es lässt uns heute noch  erinnern.

 

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