Geography abroad

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Erasmus+ in Polen: Zwei Auslandssemester in Poznan

Die Kooperation mit der polnischen Uniwersytet im. Adama Mickiewicza in Poznan ist wahrscheinlich eine der am wenigsten genutzten Austauschmöglichkeiten für Geographiestudierende. Vier erasmusgeförderte Plätze gibt es, aber die Konkurrenz darum ist nicht gerade groß. Auch ich war 2016 die einzige Bewerberin und nachdem Polen nicht gerade zu den Erasmusklassikern gehört, habe ich mich entschieden, auch gleich mit einer anderen Konvention zu brechen und von Anfang an zwei Semester (das Wintersemester 16/17 und das Sommersemester 17) statt, wie üblich ein Semester dort zu verbringen. Eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe.

Poznan liegt auf halber Strecke zwischen Berlin und Warschau und ist daher mit dem Zug leicht zu erreichen. Die Stadt ist mit knapp 550 000 Einwohnern etwa so groß wie Nürnberg, hat aber aufgrund der insgesamt sechs Universitäten einen Studierendenanteil von ca. 1/3 der Bevölkerung, was man der Stadt wirklich anmerkt. Zahlreiche kulturelle Angebote, Festivals, Konzerte und Veranstaltungen und ein umfassendes Angebot an studentischen Restaurants, Clubs und Kneipen sorgen dafür, dass einem nie langweilig wird. Ein weiterer Vorteil dabei sind die Preise, die nicht nur wegen der Erasmusförderung und dem Unterschied von Euro und Zloty, sondern auch aufgrund zahlreicher Rabattangebote für Studierende mit polnischem Studierendenausweis (den bekommt man gleich in der ersten Woche) absolut im Rahmen bleiben. Wer wirklich doch einmal knapp bei Kasse ist kann aber auch einfach samstags das Angebot eines kostenlosen Museumsbesuchs nutzen, oder an einem der beiden städtischen Seen spazieren gehen.

Einen bedeutenden Teil der Zeit kann aber natürlich auch die Universität in Anspruch nehmen wobei man sich dabei ganz nach persönlicher Vorstellung und ECTS-Bedarf einen eigenen Stundenplan aus dem umfassenden englischsprachigen Angebot zusammenstellen kann. Manche Kurse werden auch in deutscher, französischer oder spanischer Sprache angeboten. Wer bereits Polnisch spricht kann natürlich auch das „normale“ Uniangebot wahrnehmen, für alle anderen gibt es die Möglichkeit, einen kostenlosen Sprachkurs (4, 6 oder 10 Stunden pro Woche) zu besuchen, um das Alltagsleben besser meistern zu können.

Die einzelnen Fakultäten haben ihre ganz eigenen Regelungen dazu, wie viele Studierende nötig sind, damit ein Kurs zustande kommt und spontane Änderungen sind ebenfalls möglich, sodass man lieber ein paar Kursalternativen zur Hand haben sollte. Bei mir lief es im ersten Semester noch etwas chaotisch und unübersichtlich ab, im zweiten wusste ich dann schon besser, worauf zu achten war und auch, dass man sich nicht zu sehr stressen sollte, wenn ein Kurs zunächst nicht ausreichende Mitglieder hatte, denn bis zu sechs Wochen nach Kursbeginn kamen immer noch wieder NachzüglerInnen dazu.

Die geographische Fakultät liegt im Norden der Stadt etwas außerhalb in der Nähe eines größeren Unicampus. Wer in Erlangen Geographie studiert fühlt sich dort also gleich wie „zuhause“. Im Unterschied zu Tennenlohe gibt es vor Ort aber sogar eine kleine Mensa und einen Copyshop. Die Seminar- und Vorlesungsräume meiner Kurse waren allesamt sehr gut ausgestattet und durch das englischsprachige Angebot war die Teilnehmerzahl meist sehr übersichtlich. Nur wenige polnische Studierende haben an den Veranstaltungen teilgenommen. So kam es etwa dazu, dass ich einen GIS Fortgeschrittenenkurs mit nur zwei weiteren Teilnehmerinnen besucht habe, was bei Fragen oder Problemen natürlich ein großer Vorteil war.

Nachdem ich auch Kurse an anderen Fakultäten hatte, kann ich sagen, dass die Ausstattung doch sehr unterschiedlich ist. Während die Bibliothek der Politik- und Medienwissenschaften mit Apple-Computern ausgestattet ist und die Naturwissenschaftliche Fakultät (und damit auch die Geographie) in sehr modernen Gebäuden untergebracht wurde, sind Gebäude und Seminarräume anderer Fakultäten teilweise in einem nicht allzu guten Zustand. Die Qualität der Lehrveranstaltungen, die ich in meinen beiden Semestern vor Ort gewählt habe waren sehr unterschiedlich, ich hatte leider ein paar Kurse, in denen eher frontal und für mein Empfinden auf geringem Niveau unterrichtet wurde und mehrere Kurse, die mich sowohl inhaltlich als auch von der Vermittlungsweise absolut begeistert haben und die ich zu den besten Veranstaltungen zählen würde, die ich in meiner Universitätszeit besucht habe. Es lohnt sich daher auf jeden Fall auch, die ersten Semesterwochen zu nutzen, um sich in einige Kurse hineinzusetzen und anschließend endgültig zu entscheiden, was man im nächsten Semester belegen möchte.

Leider habe ich trotz einiger Suche kein Angebot wie Unisport oder ähnliches gefunden, die örtliche ESN-Fraktion bietet aber ein sehr breit gefächertes Veranstaltungsangebot, bei dem man andere internationale Studierende kennenlernen kann. Hilfreich sind dafür auch die Wohnheimsplätze, für die man sich bewerben kann. Bei den universitätseigenen Häusern sollte man aber wissen, dass nur Plätze in Doppelzimmern (dafür für lediglich  ca. 80€/ Monat) vergeben werden. Mir war das für ein Jahr dann doch ein bisschen zu wenig Privatsphäre und ich habe mich daher auf die Suche nach einem privaten Wohnheim gemacht, in dem ich auch etwas mehr Kontakt zu polnischen Studierenden haben konnte.

Ich habe meine beiden Auslandssemester genutzt, um Poznan kennen zu lernen, Reisen innerhalb Polens (Studierende bekommen 50% auf die Bahnreisen) zu unternehmen und konnte mir auch unkompliziert viele meiner erbrachten ECTS in Erlangen anrechnen lassen. Ich bin sehr beeindruckt von dem Land und seinen Möglichkeiten. Meiner Meinung nach wird Polen als Erasmusland eindeutig noch unterschätzt.

Verena Knöll