Wikipedia: Glückwünsche zum 20. Geburtstag am 15. 01. 2021

 

1) Wikipedia: Eine Netz-Idee

Es gehört zu den Grundüberzeugungen Platons, dass es sich bei der Philosophie nicht um ein besonderes Wissen, sondern um eine besondere Umgangsform mit Wissen und natürlich auch mit Nichtwissen handelt“ heißt es bei Kuno Lorenz am Anfang seiner Schrift von 2002: „Die Wiedervereinigung von theoretischer und praktischer Rationalität in einer dialogischen Philosophie“.

Enzyklopädien wie Wikipedia, die sich in eine  lange Geschichte der Enzyklopädien seit Diderot (ein Aufklärer) von 1751 einreihen, wollen Wissen jeglicher Art systematisch behandeln, was eine besondere Umgangsform mit Wissen ist.  Enzyklopädien sind nicht nur bei wissenschaftlicher Arbeit eine Produktivitätshilfe (productivity aid). Man stelle sich mal vor, man müsse die gesamte Literatur, die zu einem Beitrag führt, komplett lesen und verarbeiten.  Der Aufbau und Nutzen von Wikipedia ist ein philosophisches Unterfangen, aus Platons Sicht, weil es um eine Umgangsform des Wissens geht. Ob das dem Gründer von Wikipedia, Jimmy Wales, vor 20 Jahren am 15.1.2001 bewusst war, mag dahin gestellt bleiben. Bloß was er  methodisch schuf auf der modernen Basis des Internets, hat  einen tiefen philosophischen oder wissenschaftstheoretischen Charakter, was noch zu zeigen ist. An der Person des Physikers Tim Berners-Lee, dem Schöpfer eines welt-weiten Netzes, kann man aber schon erkennen, dass der Primäranspruch an das Netz wissenschaftlicher Natur war.  Die allbekannten Missbräuche kamen erst später. Wikipedia ist im Gegensatz zu den sozialen Netzen die einzige Organisation, die als Insel in dem heutigen Sumpf übrig geblieben ist und der Gründeridee des Netzes folgt. Das ist so, weil   jeder heute  in das Netz hinein pinkeln kann, wie Hasso Plattner es einmal  drastisch meinte. Das kann bei Wikipedia nicht passieren. Es geht philosophisch gesprochen um „Wissen“, das man subjektiv wie objektiv fürwahr halten kann, und nicht um bloße Meinungen, die im subjektiven wie objektiven Fürwahrhalten unzureichend sind.  Wikipedia sollte aber auch relevante Beiträge enthalten. „Relevant“ ist ein anderes Wort für „erheblich“; Beiträge sollten sich also aus dem Weltmeer der Informationen erheben. Wikipedia ist gedacht für eine informierte Gesellschaft; es ist kein Konversationslexikon, das für altertümliche „Konversations-Salons“ welchen Couleurs auch immer taugt.

Jeder kann am Produzieren wie auch am Konsumieren von Beiträgen sich beteiligen. Erwünscht ist also ein „Prosument“, der beides ist, Produzent und Konsument. Das ist neu. Das kennt man in alten Enzyklopädien nicht. Es gibt keine Enzyklopädisten mehr wie zu Diderots Zeiten, die ein riesiges Werk schufen, das aber schnell veraltete. Auch mein Brockhaus steht schon seit Langem im Keller und schimmelt vor sich hin. Was mit meinem Mittelstraß „Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie“ (2.Aufl. 8 Bände, 2018) passiert, weiß ich nicht.  Immer neue Auflagen? Es handelt sich aber beim Mittelstraß um eine Fach-Enzyklopädie, nicht um eine Allgemeine Enzyklopädie. Unter „Pandemie“ findet man deshalb im Mittelstraß nichts. Bei Wikipedia ist alles ganz einfach: Irrelevantes, bloße Meinungen und Falsches verschwinden und Neues kommt hinzu. Wikipedia wird also immer besser mit der Zeit, so die Hoffnung. Die Möglichkeit besteht aber, und das ist das Attraktive.

Es gibt sogar eine Wiki-Spielwiese oder Wiki für Anfänger. Jeder kann nach Herzenslust üben, Wikis zu produzieren.

Alle diese Anforderungen gelingen aber nur bei stetiger Kontrolle und Überprüfung untereinander. Brillant beschrieben ist das ganze Wiki-System von Pavel Richter in seinem Buch (2020) „Die Wikipedia Story – Biografie eines Weltwunders“. Wikipedia ist in der Tat ein Weltwunder, keine Reklame und auf Spenden und Ehrenamtliche angewiesen. Facebook ist kein Weltwunder. Es ist das Anderssein, was Wikipedia so attraktiv macht und hoffnungs-voll stimmt.

2) Diskutieren mit Argumenten oder Dialogisieren

Wer ganz oben auf einer deutschen  Wikipedia-Seite nachschaut, der findet vor allem  zwei Flächen:   „Artikel“ und „Diskussion“. Der Artikel kommt sofort hoch, die Diskussion um den Artikel jedoch nur bei Bedarf. Manchmal ist eine Diskussion viel interessanter als der zugehörige Artikel selber. Man sieht auch, wie ein Artikel zustande gekommen ist. Um persönliche Eitelkeiten (Subjektivitäten) zu vermeiden, geht ein Schreiben und Diskutieren anonym vor sich. Das Wort  „Dialog“ kommt aus dem Griechischen und heißt Gespräch.

„Wikipedia“ ist ein Kofferwort, was auch in Wikipedia selber nachzulesen ist, eine Zusammenstellung von „Wiki“ und „Encyclopedia“ oder „Wiki + Encyclopedia = Wikepedia“.  Bloß, was ist ein „Wiki“? Wikipedia sagt:

Ein Wiki (hawaiisch für „schnell“),[1] seltener auch WikiWiki oder WikiWeb genannt, ist eine Website, deren Inhalte von den Besuchern nicht nur gelesen, sondern auch direkt im Webbrowser bearbeitet und geändert werden können (Web-2.0-Anwendung)“.

Würden wir die Wiki-Regeln anwenden, könnte sogar dieser Blogbeitrag als „Website“ theoretisch zu einem Wiki werden. Es gibt aber hier bei uns im Blog nur eine bescheidene Kommentarmöglichkeit, mehr nicht. Wiki-Beiträge sind so gesehen höherwertiger als Blog-Beiträge.

Den Kern trifft das Wort „Wikipedia“ aber nicht. Es müsste Diapedia heißen, als Kofferwort von „Dialog + Encyclopedia“. Der Dialog nach Regeln steht im Mittelpunkt, ob schnell (wiki) oder langsam ist unerheblich. „Wiki“ klingt exotisch, und nicht so langweilig wie „Dia“, und deshalb bleibt es bei Wikipedia.

Aber Wikipedia folgt einem Dialogprinzip.  Der Dialog ist philosophisch ganz hoch aufgehängt worden. Seit jeher spricht man bei der Bestimmung des Menschen vom „animal rationale“ und einem Vernunftprinzip als eine Aufforderung, die eigene Subjektivität zu überwinden (z.B.Eitelkeit), und einem „animal sociale“, einem Gemeinschaftswesen und einem Voneinander-Lernen über die Rede, den Dialog. Wir werden über Wikipedia an die Urform des Internetzes seit Tim Berners-Lee-Zeiten wieder herangeführt. Einzeln sind wir alle Stückwerksingenieure (peacemeal enginieers) nach Popper, d.h. wir bringen immer nur Teile eines Ganzen fertig. Ansonsten gilt für Wikipedia ein Marktmodell, „Wissen als Markt“.  Einer trägt etwas in den Markt hinein, und ein anderer holt es ab. Im Übrigen gilt der Ausspruch „Union fait la force“ (Einigkeit macht stark).

Die Frage steht im Raum: Ist Wikipedia akademisch zitierfähig? Die Antwort: Ja sicherlich. Man kann ja die Diskussion betrachten und beurteilen, wie der Beitrag zustande kam. Es braucht nichts unkritisch akzeptiert zu werden. Verwerfen mit der Aufgabe, neu zu schreiben, geht auch. Einen Beitrag zu löschen, ist immer möglich.

3) Rapides Wachstum

Man kann das Wachstum von Wikipedia auch ein exponentielles Wachstum nennen, wenn man den Exponenten entsprechen wählt. Ungehemmt wachsende Epidemien und die Fähigkeiten von elektronischen Geräten der Datenverarbeitung wachsen auch nach einem solchen Gesetz (Moore‘s law).

Abb.: Entwicklung von Wikipedia-Beiträgen in der Welt von 0 auf  53 Millionen

 

Eine  Statistik zu Wikipedia sagt weiterhin:

Anzahl der Beiträge pro Tag (2020): 12 963

Häufigste Sprache:  Englisch

Anzahl der deutschsprachigen Beiträge: 2 44 Millionen

Anzahl der jemals aktiven Wikipedia-Mitarbeiter: 2 51 Millionen

Sprachen in Wikipedia  : 24, (Deutsch an 4. Stelle in einer Rangfolge nach Anzahl der Beiträge)

 

Wikipedia gehört zu den am meisten aufgerufenen Webseiten überhaupt und ist so in der Liga der ganz Großen im Silicon Valley.

Das sind alles enorme Zahlen, die eine stabile, kommunikative und kooperative Aufbau- und Ablauforganisation verlangen. Für Datenbänkler steht natürlich der Aufbau und die Nutzung  einer Datenbank in WikiData  an erster Stelle. Aber auch Nicht-Datenbänkler müssten deutlich erkennen, welch große Bedeutung eine universelle Datenbank in Wikipedia hat. Schön zu hören, dass WikiData in Berlin entwickelt wurde (siehe Pavel Richter, S.76). Aber die Wikimedia-Stiftung (Foundation) mit Sitz in San Francisco betreibt eine gewaltige technische Infrastruktur in der Welt. An zentralen Orten in der Welt sind Rechenzentren aufgebaut worden. Es gibt in der Welt 39 Wikipedia-Chapter.  Eins davon ist das Chapter „Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V.“

Wikipedia ist ein Beitrag zur Aufklärung in der Welt und hat so nicht nur als Enzyklopädie eine philosophische, sondern auch eine politische Bedeutung. Wikipedia, das ist ein Ethos in der digitalen Welt.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag

5 Kommentare zu „Wikipedia: Glückwünsche zum 20. Geburtstag am 15. 01. 2021

  1. Von mir auch herzlichen Glückwunsch an Jimmy Wales , den ich kurz nach der Gründung von Wikipedia in einem Vortrag auf einer Veranstaltung der Cebit-Messe oder des VWI (Verband der Deutschen Wirtschfatsingenieure) in Hannover erleben durfte.
    Schon damals konnte man das Enzyklopädie-Vorhaben als eine geniale Idee erkennen, die völlig auf das Zusammenwirken des Geistes vieler menschlicher Individuen und der dazugehörigen technischen Vernetzungsplattform basiert.
    Rückblickend: Es hat fantastisch funktioniert , funktioniert weiterhin und ist ein modernes Weltwunder !!

    Gratulation und Chapeau !
    Klaus Hoss

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