Breit aufgestellt mit klarem Profil

Breit aufgestellt mit klarem Profil

8. Praxisforum Geographie: Unternehmensberatung

Consulting ist in der Geographie schon seit langer Zeit kein Fremdwort mehr. Unzählige Geographen beraten erfolgreich Politik und öffentlichen Dienst – und Unternehmen! Neben einer gehörigen Portion betriebswirtschaftlichem Knowhow wird dabei auch die Interdisziplinarität zur Kernkompetenz, von klugen Antworten auf raumbezogene Fragestellungen ganz zu schweigen. Im Rahmen des 8. Praxisforums Geographie, das im Juni am geographischen Institut der Universität Erlangen stattfand, diskutierten zwei Unternehmensberater über ihre Tätigkeit im Consulting.

Markus Neufeld diskutiert mit Magdalena Blank (links) und Philipp Köppe (rechts) (Foto: Simon Reichenwallner)

Morgens früh aufstehen, mit dem Zug, Auto oder Flugzeug in eine andere Stadt um an verschiedenen Orten in Deutschland Unternehmen der Gesundheitswirtschaft beratend zu unterstützen – für Philipp Köppe ist das Alltag. Köppe ist Unternehmensberater im Bereich Gesundheitswirtschaft bei Rödl & Partner in Nürnberg  – und Geograph. Wie passt das zusammen? Philipp Köppe erklärt, dass er vor seinem Geographie-Studium in Erlangen eine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht hat, sich dann aber neu orientieren wollte. Um sein Studium zu finanzieren, hat er auch weiterhin nebenbei im Rettungsdienst gearbeitet und gegen Ende des Bachelor-Studiums habe es dann ‚klick‘ gemacht: „Mein damaliger Professor hat mir geraten, dass ich mich auf Themen der Gesundheitsgeographie spezialisieren solle. Das sei zwar kein Mainstream, aber so könne ich mir ein klares Profil aufbauen.“ Gesagt – getan. Fortan orientiert sich Köppe an Gesundheitsthemen, ein studentisches Forschungsprojekt zur Gesundheitsversorgung im Ländlichen Raum ist da nur ein Beispiel. Die Abschlussarbeit über die optimale Stationierung von Rettungshubschraubern ein weiteres: „Das klingt natürlich erstmal sehr speziell, hat aber viele Parallelen zu Christallers Theorie der zentralen Orte.“

Der Berufseinstieg war dann kein großes Problem mehr: durch die mehrjährige Berufserfahrung fand Köppe schnell eine Anstellung und ehe er sich versah war er Geschäftsführer des Zweckverbandes für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Amberg, zunächst mit Personalverantwortung für 20, später als Regionalvorstand der Johanniter in Oberfranken dann für bis zu 200 Mitarbeiter.

Nach einer Initiativbewerbung ist er seit 2015 für Rödl & Partner tätig. Insbesondere seine Praxiserfahrung und sein klares Profil haben den Einstieg als Unternehmensberater bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft ermöglicht. Zu seinen Tätigkeiten zählen nun u.a. die Beratung von Pflegeeinrichtungen, Kliniken, Krankenkassen, Medizinischen Versorgungszentren oder Wohlfahrtsverbänden. Das Spektrum reicht von der Prozess- und Organisationsberatung bis hin zu Sanierungs- und Restrukturierungsberatung sowie Interimsmanagement. Natürlich ist das bisweilen sehr BWL-lastig, aber auch die Geographie kommt nicht zu kurz: „Gerade bei Fragen der medizinischen Infrastruktur und potentiellen Standortschließungen denken wir die Region natürlich immer mit.“

Wenn Köppe nach mehreren Tagen auf Achse abends wieder in seiner Nürnberger Wohnung ankommt, braucht er Sport, Familie und Freunde als Ausgleich zum fordernden Job – auch wenn sich diese Aktivitäten auf wenige Tage komprimieren. Für Köppe kein Problem: „Der Beruf des Unternehmensberaters macht mir große Freude – insbesondere die sehr abwechslungsreichen und unterschiedlichen Projekte. Dafür nimmt man gerne Reisen oder auch längere Arbeitszeiten in Kauf.“

Etwas familiärer geht es bei ‚Markt & Standort‘ in Erlangen zu, wo Dipl.-Geogr. Magdalena Blank als Projektleiterin tätig ist. Und der Unternehmensname ist Programm: Zu den Kernkompetenzen der Beratungsgesellschaft zählen Markt- und Standortanalysen – konkret: die Beratung von Shopping Centern, Einzelhändlern, Banken, aber auch Kommunen. Wenn es also um die Filialentwicklung oder SB-Konzepte einer Sparkasse geht, dann ist Markt & Standort in Person von Magdalena Blank zur Stelle. Kartographische Aufbereitungen mit geographischen Informationssystemen, aber auch die Datenerhebung direkt vor Ort gehören dabei zum Standardrepertoire. Hier spielen auch Kriterien wie Pendlerverflechtungen oder die Bevölkerungsentwicklung eine Rolle, die regionale Kaufkraft ist bei derartigen Fragestellungen quasi gesetzt. Und in diesem Kontext habe sie als Geographin natürlich Wettbewerbsvorteile gegenüber manchen Kollegen: „Den Betriebswirten fehlt häufig eine räumliche Perspektive, den Architekten bisweilen das Verständnis für ökonomische Zusammenhänge …“

Ihre Tätigkeit bei Markt & Standort in Erlangen ist nach dem Geographie-Studium in Würzburg ihre erste Arbeitsstelle: „Ich hatte damals nach kurzer Bewerbungszeit zwei Vorstellungsgespräche – und bei meinem jetzigen Arbeitgeber hat die Chemie von Anfang an gestimmt, deswegen fiel die Entscheidung leicht“, weiß Blank zu berichten. Das angenehme Arbeitsklima spiele nach wie vor eine wichtige Rolle: „Wir sind alle per Du, die Türen beim Chef sind immer offen und das erfahrene Team arbeitet perfekt zusammen, das spüren auch unsere Kunden.“

Schon während ihres Studiums hat sich Blank für die ‚geographische Handelsforschung‘ interessiert und einschlägige Seminare besucht. Im Bereich GIS habe allerdings die Grundlagenausbildung ausreichen müssen, dafür hat sie sich dann selbständig in die Software im Büro eingearbeitet und ist nun für den gesamten Geomarketingbereich zuständig. Diese Fähigkeit ist ihr auch bei den Praktikanten wichtig, die sie betreut: „Eigeninitiative und Engagement zahlen sich da natürlich aus – wir merken sofort, ob jemand Gas gibt oder nicht und fordern unsere Praktikanten dementsprechend. Das Arbeiten mit geographischen Informationssystemen kommt im Studium leider oft zu kurz, dabei kann man sich gerade über diese Spezifikation als Geograph von der Masse abheben.“

Auch Magdalena Blank ist viel unterwegs: „Wir sind in der glücklichen Situation, dass viele Kunden an uns herantreten.“ Trotzdem kann man sich natürlich nicht aussuchen, wo das nächste Projekt ist. Die Kunden sind deutschlandweit verstreut, aber auch die Anrainerstaaten wie Luxemburg oder Frankreich spielen für Markt und Standort eine Rolle. „Der Wechsel zwischen Büro und der Arbeit vor Ort macht für mich den Unterschied.“ Nach den straffen Außendiensttagen ist Blank froh wieder am Schreibtisch zu sein, aber sobald dort die Arbeit aufgearbeitet wurde, kann es auch wieder losgehen.

Für Philipp Köppe und Magdalena Blank ist die Unternehmensberatung derzeit ein absoluter Traumjob: arbeitsintensiv, aber abwechslungsreich. Tiefgehende Branchenkenntnis , gepaart mit einer gehörigen Portion Interdisziplinarität. Breit aufgestellt, mit einem klaren Profil. Das macht die Unternehmensberatung so spannend. Auch für Geographen? Gerade für Geographen!

 

Stimmen zum 8. Praxisforum Geographie: Unternehmensberatung

„Die beiden Forumsgäste gaben sehr detaillierte und auch interessante persönliche Einblicke in ihre Tätigkeit als Berater. Dabei war es spannend zu sehen, dass ihre Beratungstätigkeit so breit und vielfältig, in einem Fall sogar fast fachfremd, sein kann. Beide fühlen sich als Geographen in ihrem Job jedoch gut aufgehoben. Das macht wieder einmal Mut, dass man mit seinem eigenen spezifischen Profil als vermeintlicher ‚Quereinsteiger‘ viele Chancen hat. Man muss sich nur trauen und sich bewerben.“

Johanna Nitsch, MA-Studentin

 

„Beim 8. Praxisforum mit Schwerpunkt ‚Unternehmensberatung‘ fiel deutlich auf, dass die Geographie eine Fülle an Möglichkeiten bereithält und unsere Stärken auch in der Interdisziplinarität liegen. Das Geographiestudium bietet einem sozusagen das ‚Kochbesteck‘, kochen muss man jedoch selbst. Das heißt für uns Studenten: breit aufgestellt zu sein hilft uns sehr, um über den Tellerrand hinaus zu blicken und Sachverhalte zu verstehen. Jedoch ist eine Spezialisierung in einem Teilbereich (z.B. im Master-Studium) nicht verkehrt um seine Kernkompetenzen zu stärken und seine Berufschancen zu erhöhen.“

Felix Grocholl, BA-Student

 

Praxisforum Geographie

Das Praxisforum Geographie findet jedes Semester mit wechselnden thematischen Schwerpunkten am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) statt. Organisiert wird es vom DVAG-Regionalforum Erlangen-Nürnberg. Kooperationspartner sind die Alumniarbeit der Fränkischen Geographischen Gesellschaft und die Fachschaftsinitiative Geographie. Die Podiumsdiskussion mit berufstätigen Geographen dient der Berufsorientierung von Geographie-Studenten und gewährt dabei Einblicke in Berufseinstieg, Karriereplanung und Praxisalltag.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.