Mehr als ‚Bestandspflege‘

10. Praxisforum Geographie: Wirtschaftsförderung

Wirtschaftsförderung ist ein klassisches Instrument der Regionalentwicklung und weit mehr als bloße ‚Bestandspflege‘ ansässiger Unternehmen. Vielmehr agieren Wirtschaftsförderer als Dienstleister, Projektmanager, Vernetzer, Interessensvertreter, Vermarkter u.v.m. – häufig an der Schnittstelle von Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Beim 10. Praxisforum Geographie des DVAG-Regionalforums Erlangen-Nürnberg diskutierten drei Geographinnen und Geographen ihren vielseitigen Berufsalltag in der Wirtschaftsförderung.

Die Auswahl der Referenten für das nunmehr 10. Praxisforum Geographie am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg war alles andere als einfach: Nahezu alle Wirtschaftsförderer-Stellen in der Region sind mit Geographen besetzt, die Handwerkskammer Oberfranken wird gar von einem Geographen-Triumvirat geführt und auch die übrigen einschlägigen Institutionen sind mit Geographen gespickt. Im Bereich der Wirtschaftsförderung scheinen Geographen schlichtweg omnipräsent zu sein – aus gutem Grund! Die Vielseitigkeit, die eine Tätigkeit im Bereich der Wirtschaftsförderung erfordert, ist geradezu prädestiniert für Geographen, die in der Lage sind, verschiedenste Elemente in einem größeren Kontext zu sehen und entsprechend zu agieren.

Der kommunale Wirtschaftsförderer

Dr. Andreas Rösch ist ein ‚alter Hase‘ im Geschäft. Er ist Fachbereichsleiter für Wirtschaft und Infrastruktur, Energie und Klima im Landratsamt Forchheim. Als kommunaler Wirtschaftsförderer ist es seine Aufgabe, die Rahmenbedingungen für die im Landkreis Forchheim ansässigen Unternehmen positiv zu gestalten und den Standort beständig weiter zu entwickeln. Zentral seien dabei die drei Säulen Bestandspflege, Existenzgründung und Unternehmensansiedlung. Gerade letzteres sei in den letzten Jahren mit der Ansiedlung von Siemens sowie einigen großen Logistikdienstleistern in Forchheim von großer Bedeutung gewesen. „Oft werden Investitionsentscheidungen über informelle Wege eingeleitet“, weiß Rösch zu berichten und kann so manche Erfolgsgeschichte präsentieren. Auf die Frage, ob er als kommunaler Wirtschaftsförderer nicht häufig den politischen Interessen des Landrates ausgeliefert sei, reagiert er ganz entspannt: „Ich bin in der glücklichen Situation, dass mein Landrat ebenfalls Geograph ist – das macht das Leben leichter.“ Seinen Doktortitel setzt Rösch in seiner täglichen Arbeit mit Bedacht ein: „Natürlich ist der Titel bisweilen hilfreich, aber manchmal lasse ich ihn auch bewusst weg.“ Promovieren sollte man jedoch nur dann, wenn man dies auch wirklich wolle …

Die Projektmanagerin

Bei der Europäischen Metropolregion Nürnberg ist Rahel Baier als Projektmanagerin beschäftigt. Neben wirtschaftsfördernden Projekten für (neue) Fachkräfte in der Metropolregion wie Welco­meCard und WillkommensPaket, sowie einer digitalen Willkommensplattform Leben & Arbeiten, ist sie auch in der regionalen, bundes- und europaweiten Netzwerkarbeit aktiv. „Die Metropolregion ist ein Zusammenschluss von 23 Landkreisen und 11 kreisfreien Städten mit über 160.000 ansässigen Unternehmen.“ Durch diese Kooperation könnten so manche Projekte angestoßen und begleitet werden, die auf der kommunalen Ebene sonst nur schwer realisierbar wären. Gemeinsame Messeauftritte sind hierbei nur ein Beispiel unter vielen. Baier ist inzwischen seit zwei Jahren bei der Metropolregion Nürnberg beschäftigt und blickt positiv auf ihr Geographie-Studium in Bamberg (BA) und das Master-Studium in Freiburg (‚Geographie des globalen Wandels‘) zurück: „Den Weitwinkel-Blick, den ich mir durch die Interdisziplinarität des Geographiestudiums angeeignet habe, braucht man in der täglichen Arbeit von früh bis spät“. Auch der Jobeinstieg gelang reibungslos mit einem Praktikum als Türöffner, einer wirtschaftsgeographischen Masterarbeit über die Hidden Champions der Metropolregion Nürnberg und einer Initiativbewerbung – und es gehöre eben auch ein wenig Glück dazu, sich zur richtigen Zeit beim richtigen Arbeitgeber zu bewerben.

Der Netzwerker

„Persönliche Nähe als Erfolgsfaktor“ – so könnte das Motto von Dipl.-Geogr. Rüdiger Busch lauten. Er ist Clustermanager ‚Mechatronik & Automation‘ in einem vom Bayerischen Wirtschaftsministerium initiierten und geförderten Projekt und betreut ein Netzwerk aus über 200 Unternehmen. Im Rahmen von branchenspezifischen Veranstaltungen und persönlichen Unternehmensbesuchen ist es seine Aufgabe, neue Trends aufzuspüren und Unternehmen miteinander zu vernetzen. Das laufe dann manchmal ganz ‚klassisch‘ ab: „Im Gespräch mit den Unternehmen gehe ich schon im Kopf mein Netzwerk durch und überlege, welche Kontakte hier hilfreich sein könnten – und dann hole ich zwei, drei Visitenkarten aus der Tasche und bin bei der Kontaktaufnahme behilflich.“ Busch weiß, wovon er redet. Als Förderer der Wirtschaft ist er seit knapp 20 Jahren in verschiedenen Positionen aktiv, u. a. als Berater bei der CIMA GmbH, als Projektleiter der IHK International GmbH und als Marketing Consultant der AHK Malaysia. Und wenn er noch einmal anfangen könnte zu studieren? „Dann würde ich Maschinenbau studieren!“ sagt er mit einem Augenzwinkern, nur um zu ergänzen: „damit ich die Materie noch besser verstehe, mit der Unternehmen zu tun haben.“ Busch ist – natürlich – überzeugter Geograph.

Bereits zum zehnten Mal hat das Praxisforum Geographie wertvolle Einblicke in den Arbeitsalltag von Geographen gewährt – und markiert zugleich den 5. Geburtstag des DVAG-Regionalforums Erlangen-Nürnberg. So nutzen auch Prof. Dr. Tobias Chilla, Mit-Initiator des Regionalforums und derzeitiger Geschäftsführer des Instituts für Geographie, und Prof. Dr. Georg Glasze, 1. Vorsitzender der Fränkischen Geographischen Gesellschaft, die Gelegenheit in Form von Grußworten den Sprechern des Regionalforums Markus Neufeld und Simon Reichenwallner für ihr langjähriges Engagement zu danken und die besten Wünsche für die nächsten fünf Jahre zu überbringen.

Dank gilt in diesem Zusammenhang auch der Fachschaftsinitiative Geographie, die erneut für das leibliche Wohl sorgte. Auch der Erlanger Spezialiätenbrauerei Steinbach Bräu, die den Geburtstag des Regionalforums mit einem 20-l-Fass Storchenbier würdigte, sei herzlich gedankt. Wir freuen uns auf den nächsten Geographen-Stammtisch bei Euch!

 

Freude über 5 Jahre DVAG-Regionalforum Erlangen-Nürnberg und zehn erfolgreiche Praxisforen am Erlanger Institut für Geographie (vlnr): Simon Reichenwallner (Sprecher), Prof. Dr. Tobias Chilla (Initiator) und Markus Neufeld (Initiator und Sprecher) (Foto: Fabian Kinnen)

Stimmen zum Praxisforum ‚Wirtschaftsförderung‘

„Das Praxisforum zum Thema Wirtschaftsförderung hat wieder richtig Spaß gemacht – auch, weil die drei Diskutanten ganz unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Deutlich wurde auch, wie vielseitig Tätigkeiten in diesem Bereich sein können. Im Master-Studium, das ich im Herbst beginnen werde, ist mein Schwerpunkt im Bereich der Regionalentwicklung. Da liegt es nahe, dass ich mich auch mit Wirtschaftsförderung als möglichem Beruf beschäftige.“

Cornelia Müller, BA-Studentin

Praxisforum Geographie

Das Praxisforum Geographie findet jedes Semester mit wechselnden thematischen Schwerpunkten am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) statt. Organisiert wird es vom DVAG-Regionalforum Erlangen-Nürnberg. Kooperationspartner sind die Alumniarbeit der Fränkischen Geographischen Gesellschaft und die Fachschaftsinitiative Geographie. Die Podiumsdiskussion mit berufstätigen Geographen dient der Berufsorientierung von Geographie-Studenten und gewährt dabei Einblicke in Berufseinstieg, Karriereplanung und Praxisalltag.

 

 

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