Von flächendeckenden Stromausfällen und schwimmenden Casinos

7. Praxisforum Geographie: Risikomanagement

Was passiert eigentlich, wenn es in Deutschland einen flächendeckenden Stromausfall gibt? Wie modelliert man das Versicherungsrisiko von schwimmenden Casinos? Und was kann man tun, um in Bangladesch die Konsequenzen von Überschwemmungen für die Bevölkerung zu minimieren? Die Lösungen für diese Fragen halten – natürlich! – Geographen bereit und haben dies beim 7. Praxisforum Geographie des DVAG-Regionalforums Erlangen-Nürnberg zum Thema ‚Risikomanagement‘ eindrücklich untermauert.

 

Dipl.-Geogr. Christian Barthelt ist für die Münchener Rück Stiftung international unterwegs und verantwortet Projekte im Bereich der Katastrophenvorsorge und Resilienz. Wenn es also darum geht, ein Frühwarnsystem für Hochwasser in Bangladesch zu implementieren, dann ist Barthelt zur Stelle. Gerade im Kontext des Klimawandels und extremer Naturereignisse gebe es in Entwicklungsländern eine Menge zu tun. „Das gibt mir natürlich auch das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun“ erklärt Barthelt, der in München studiert hat und sich eigentlich zunächst  in Richtung ‚Tourismus‘ orientieren wollte. Auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 war die Jobsuche jedoch kein leichtes Unterfangen. Eine Vielzahl an Bewerbungen und ebenso viele Absagen spiegeln die damalige Berufseinstiegssituation vieler Absolventen wieder. Es sei „erarbeiteter Zufall“ gewesen, dass er schließlich bei der Münchener Rück Stiftung gelandet ist: „Ich habe während eines Praktikums Gas gegeben, hatte ein gutes Auftreten und bin in Erinnerung geblieben“ erinnert er sich. Das ‚window of opportunity‘ bot sich schließlich, als eine ehemalige Kollegin in Elternzeit ging, ein anderer wechselte die Stelle – und Barthelt nutzte die Chance, die sich ihm bot.

Beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn ist Dr. Julia Mayer im Referat ‚Kritische Infrastrukturen‘ tätig. Sie konzipiert einen Notfallplan, wenn es in Deutschland zu einem flächendeckenden Stromausfall kommen sollte, d.h. falls mehrere Bundesländer für mehrere Wochen ohne Strom wären. Das sei, so Mayer, zwar recht unwahrscheinlich, aber eben nicht unrealistisch. Und da in so einem Fall eigentlich die jeweiligen Bundesländer zuständig wären, koordiniert Julia Mayer die Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen bei der Umsetzung von Maßnahmen in diesem Themenfeld. „Man muss sich vor Augen führen, dass ein solches Ereignis zu katastrophalen Zuständen in Deutschland führen würde!“ erklärt sie. Während des Studiums in Bonn und der anschließenden Promotion habe sie sich schon immer mit ‚Risiken‘ beschäftigt, auch wenn sie eigentlich einen „Theorie-Fimmel“ hatte: „Ich habe meine Nase viel lieber in Bücher gesteckt, mich leidenschaftlich mit der Luhmann’schen Systemtheorie beschäftigt“ berichtet sie. Dabei hat Mayer von Beginn an ein breites thematisches Netzwerk, sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Praxis, aufgebaut und gepflegt. Das wird beim Smalltalk nach der Diskussion deutlich: schnell finden sich gemeinsame Bekannte der drei Podiumsgäste an diesem Abend …
Für Julia Mayer war ebenfalls ein Praktikum bei ihrem jetzigen Arbeitgeber ausschlaggebend: „Damals durfte ich schon selbst eine Projektidee umsetzen  …“. Und sie ist auch nicht die einzige Geographin am Arbeitsplatz: „Geographen ziehen Geographen an!“ weiß sie zu berichten, allerdings reiche nur die Geographie allein nicht aus: „Bewerber brauchen bei uns ein klares Profil!“

 

Marius Henseli M.A. bezeichnet sich selbst als „ein bisschen Nerd“. Der müsse man vielleicht auch sein, wenn man mit den vielen Daten in der Risikomodellierung für die Versicherungswirtschaft  jongliere. Henseli ist ‚Client Services Associate‘ im Münchener Büro von AIR Worldwide und berät Erst- und Rückversicherer bzgl. ihres Risikos bei Natur- und anderen Katastrophen. So kann er u.a. das Versicherungsrisiko eines schwimmenden Casinos modellieren – und natürlich viele weitere geokodierte, versicherte Risiken. „Die Versicherer sind auch nicht so dröge, wie es immer scheint!“ greift Henseli einem Vorurteil vor, im Gegenteil, die Arbeit sei abwechslungsreich, international und man entwickele sich ständig weiter. Das schwimmende Casino sei dafür ein gutes Beispiel: „Ich wusste nicht weiter, da habe ich einfach einen Kollegen in London angerufen.“
Auch Henseli hat zuvor ein Praktikum in der Branche gemacht und war dann, gepaart mit seinen GIS-Kenntnissen, einschlägig für seinen jetzigen Job qualifiziert.

Die knapp 100 Zuhörer an diesem Abend – Besucherrekord beim Praxisforum! – waren beeindruckt. Nicht nur bieten sich gute Anknüpfungspunkte für den Studienschwerpunkt Entwicklungsforschung, auch bei den GIS-affinen Studenten stößt ‚Risikomanagement‘ auf reges Interesse.

Im Anschluss an das inzwischen siebte Praxisforum Geographie nutzten viele Studenten die Gelegenheit die Podiumsgäste noch persönlich zu sprechen. Mit Waffeln und Glühwein hat die Fachschaftsinitiative Geographie dafür den passenden Rahmen geschaffen.

 

Stimmen zum 7. Praxisforum Geographie: Risikomanagement

„Beeindruckend war es zu hören, wie die Referenten an ihren Job gekommen sind und welchen Weg sie dabei gegangen sind. Das Praxisforum hat einmal mehr die vielen Möglichkeiten gezeigt, welche die Geographie für die spätere Berufswahl bietet.“

Carina Austermühl, BA-Studentin

 „Risikomanagement stellt ein spannendes und sehr abwechslungsreiches Berufsfeld für Geographen dar, welches den meisten Studenten und Absolventen eher unbekannt ist. Interessant zu hören war vor allem wie forschungsgeleitet und praxisnah zugleich sich dieser Tätigkeitsbereich gestaltet.“

Sabrina Fest, MA-Studentin

 

Praxisforum Geographie

Das Praxisforum Geographie findet jedes Semester mit wechselnden thematischen Schwerpunkten am Institut für Geographie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) statt. Organisiert wird es vom DVAG-Regionalforum Erlangen-Nürnberg in Kooperation mit der Alumniarbeit der Fränkischen Geographischen Gesellschaft. Die Podiumsdiskussion mit berufstätigen Geographen dient der Berufsorientierung von Geographie-Studenten und gewährt dabei Einblicke in Berufseinstieg, Karriereplanung und Praxisalltag.

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