Metropolisierung, Resilienz, Konvergenz?

Alle zwei Jahre trifft sich die deutschsprachige Wirtschaftsgeographie zum Symposium auf Schloss Rauischholzhausen. Am letzten Wochenende im April war es wieder soweit und auch ich (Markus Neufeld) durfte einen Vortrag halten.

„Metropolisierung, Resilienz, Konvergenz? Zur Performance von Metropolregionen während der Wirtschaftskrise lautete der Titel meines Referats, das zugleich einen Baustein meines Dissertationsprojektes darstellt.

Zentrale Fragen meines Vortrags waren:

  1. Wie haben die Metropolregionen Europas während der Wirtschaftskrise performed? (Auch im Vergleich mit anderen siedlungsstrukturellen Gebietstypen)
  2. Führt die ökonomische Entwicklung von Metropolregionen zu einer Abnahme oder Zunahme regionaler Disparitäten auf der subnationalen Ebene?
  3. Wie lassen sich diese Entwicklungen – Metropolisierung, Resilienz und Konvergenz – wirtschafts- und regionalpolitisch interpretieren?

Und die Antworten dazu:

Eigene Darstellung nach Daten von Eurostat.
Eigene Darstellung nach Daten von Eurostat.
  1. Zunächst verlief die Entwicklung von Metropolregionen gesamteuropäisch gesehen unterdurchschnittlich. Allerdings ist die positive Performance von Hauptstadtregionen hervorzuheben. In Bezug auf die Krise zeigt sich, dass ländliche Räume einerseits schwächer betroffen waren und andererseits sich auch deutlich schneller wieder erholt haben.
  2. Dort, wo Metropolregionen für einen Großteil der Bruttowertschöpfung verantwortlich zeichnen, kommt es durchaus vor, dass die regionalen Disparitäten (gemessen am gewichteten Variationskoeffizienten des BIP/Kopf) abgenommen haben, weil auch die Metropolregionen als Top-Performer starke Verluste hinnehmen mussten (z.B. Lettland), allerdings ist auch das Gegenteil möglich, wenn das gesamte Land gleichermaßen betroffen war (z.B. Irland).
  3. Exemplarisch für die Krise: (neo-)liberale Argumente interpretieren die Krise u.a. als Konsolidierungsprozess oder als temporäres Ungleichgewicht. Aus keynesianischer Sicht werden hier Selbstverstärkungseffekte sichtbar und (neo-)marxistische Argumente sehen die Krise als Konsequenz aus der Überakkumulation von Kapital und mangelnder staatlicher Regulation.

Spannend war insbesondere die Diskussion mit den Fachkollegen im Anschluss – folgend ein paar Fragen, die wir diskutiert haben:

  • Ist der Indikator „BIP“ auf der NUTS 3-Ebene überhaupt noch belastbar? Welche Indikatoren könnten alternativ für eine kleinräumige Betrachtung herangezogen werden?
  • Darf man überhaupt alle Metropolen in einen Topf schmeißen, muss man nicht viel stärker räumlich differenzieren?
  • Sind Veränderungen im BIP/Kopf während der Krise potentiell auch auf starke Bevölkerungsveränderungen zurückzuführen (Landflucht)?
  • Warum wird der Resilienz-Begriff verwendet, der hier vielleicht gar nicht notwendig ist?
  • Braucht man den Neomarxismus überhaupt, um räumliche Entwicklungen regional- bzw. wirtschaftspolitisch zu reflektieren oder genügen hier nicht (neo-)liberale und keynesianische Argumente?
  • Ist es nicht problematisch, das Metropolenfieber als Aufhänger zu nehmen und Metropolregionen in ihren unterschiedlich diskursiv hergestellten Raumzuschnitten zu betrachten und dann eine Metropole schlichtweg auf NUTS 3- Ebene auf Basis von Einwohnerzahlen zu operationalisieren?
  • Kann die Performance von Metropolregionen nicht auch über varieties of capitalism erklärt werden?

Mit einigen Anmerkungen hatte ich gerechnet, mit anderen weniger – aber gewinnbringend war die Diskussion in jedem Fall.

Mein Beitrag war auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so einschlägig wirtschaftsgeographisch – zumindest wenn man die anderen Beiträge und aktuellen Diskussionen in der Wirtschaftsgeographie betrachtet. Ich hatte mich auch eher im Bereich der Disparitätenforschung/Regionalentwicklung verortet …
Gefreut habe ich mich daher sehr über Einschätzungen, die meine Arbeit tatsächlich im Kern der Wirtschaftsgeographie sehen: „Das ist eigentlich Wirtschaftsgeographie, das sollten wir viel mehr machen!“ Stimmt. Und das mache ich …

 

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