Nachruf auf ein Genie

Letzten Monat starb Ingvar Kamprad, der Gründer und Erfinder von Ikea. Fast jede(r) von uns hat etwas von ihm schon mal zusammengebaut, besessen oder in der Wohnung stehen gehabt. Die Marke ist bei uns derart zum Haushaltsbegriff geworden, dass viele vergessen: Als Kamprad die Idee hatte, revolutionierte er damit die Möbelbranche.

Die Revolution fegte ein bis dahin ehernes Konsumgesetz vom Tapet: Unsere Großeltern kauften Möbel oder ließen sie sogar bauen, damit diese ein ganzes Leben oder länger hielten. Eiche ist unverwüstlich. Davon zeugen viele Erbstücke, die mit ein bisschen Politur heute noch so gut dastehen wie damals. Die Beliebtheit und Häufigkeit des Billy-Regals als Erbstück dürfte dagegen tangential gegen Null gehen. Seit Ikea ist das Möbel ein Konsumprodukt, ach was, ein Verbrauchsgegenstand.

Kamprad gründete das erste Möbelhaus, das eine private Investition in Konsum verwandelte: Ikea-Möbel hat man zwei, drei Jahre, dann sucht man sich was anderes Schönes aus. Für diese Konsumisierung der Möbelwelt liefert Ikea günstige Basisprodukte. Es waren auch die ersten Möbel zum selber Zusammenbauen. Damit sollte ursprünglich keinesfalls der Basteltrieb der KäuferInnen bedient werden. Das war eher eine angenehme Nebenwirkung.

Schon im zarten Alter von 17 Jahren gründete Kamprad in seinem schwedischen Heimatdorf einen Postversand – für Kugelschreiber, Nylonstrümpfe und Uhren. Der Ikea-Katalog erschien 1951 zum ersten Mal. Damals verteilte ihn noch der Milchmann (Millennials dürfen den Beruf googeln). Ein paar Jahre nach Gründung spezialisierte sich Kamprad mit seinem Versand auf Möbel. Um Frachtkosten zu sparen, versandte er Schränke und Regale in Einzelteile zerlegt, als Bausatz. Paradoxerweise brachte ihm diese logistische Effizienz- und Sparmaßnahme den großen Durchbruch. Als er zehn Jahre nach Ikea-Gründung das erste Möbelhaus baute, behielt er die Bastel-Idee bei.

Von seinem Heimatdorf aus ging es danach erst nach Stockholm, dann in die ganze Welt. Heute gibt es das Möbelhaus in über 40 Ländern weltweit, sein Umsatz beträgt 36 Milliarden Euro. Woher so viel Erfolg?

Denn eigentlich macht Ikea alles falsch, was man in einer Dienstleistungsgesellschaft falsch machen kann: kein All-Inclusive-Service! Alles muss man selber machen. Wenn ich bei Ikea etwas einkaufe, muss ich mir das selber kommissionieren, im Lager abholen, aufladen, nach Hause transportieren und dort leise schimpfend zusammenbauen (was sicher nicht an der Aufbau-Anleitung liegt). Was Ikea da praktiziert, ist ein sehr ausgedehntes Logistik-Crowdsourcing. In einem „richtigen“ Möbelhaus macht das alles das Möbelhaus für mich: Kommissionierung, Auslieferung, Transport, Montage vor Ort bei mir in der Wohnung.

Dafür muss man bei Ikea nicht lange auf seine Möbel warten, spart eine Menge Geld und kann zu Hause basteln. Forscher der Harvard Business School fanden heraus, dass wir Möbel, die wir selber zusammengebaut haben, mehr wertschätzen als Möbel, die „bloß“ gekauft und geliefert werden. Die Forscher nannten das den „Ikea-Effekt“. Machen schlägt kaufen.

Ich kenne Leute, die haben irgendwo immer noch ein Regal oder einen Schrank von Ikea stehen, den sie zu Studienzeiten günstig erstanden und zusammengebaut haben. Das dürfte eher die Ausnahme sein. Denn wer Möbel als Konsumprodukt betrachtet und verkauft, spekuliert eher darauf, dass wir Möbel in relativ hoher Frequenz wechseln, das heißt wegwerfen und neue kaufen. Dass Ikea den Wegwerf-Trend ankurbelt, dürfte daher kein Vorwurf, sondern eher ein Geschäftsmodell sein. Das entspricht vollauf unserer eigenen Wegwerf-Mentalität, passt aber schon lange nicht mehr in eine Zeit, die ressourcenmäßig 1,6 Erden verbraucht, obwohl wir nur eine haben.

Ressourcenschonender und damit respektvoller gegenüber unseren Kindern und Enkeln ist wohl, sich lieber etwas Besseres zu leisten und das dann nach zehn Jahren locker und ohne große Schrammen gegen einen hübschen Preis gebraucht zu verkaufen – anstatt immer alles auf den Müll zu schmeißen. Unsere Großeltern orderten beim örtlichen Schreiner Möbel nach Maß, weil man das damals eben so machte und weil sich das so gehörte, von Standes wegen. Vielleicht, hoffentlich machen wir es bald auch wieder so, weil sich das so gehört, der Umwelt und der Erde zuliebe.

2 Kommentare zu „Nachruf auf ein Genie

  1. na ja. Stimmt schon soweit, nur Ikea hat sein Sortiment auch angepasst. Es gibt inzwischen schon hochwertige, langlebige Möbel. Schlafzimmerschränke, die sich leicht variieren können, was die Raum-und Stapelmöglichkeiten betrifft z.b.und auch einen Umzug überleben. Aber die generelle Ausrichtung ist schon so, dass eine Kommode mit Schubfächern, nach reger Nutzung bald instabil wird. Nach einem Umzug zum nochmaligen Aufbau sind diese Teile nur bedingt geeignet. …Und dann haut man das alte Teil weg und holt sich ein neues Regal.

    1. Danke, Norbert, für den Hinweis auf die mildernden Umstände eines Umzuges: Wenn das Möbel diesen nicht überlebt, dann ist Nachhaltigkeit leider verständlicherweise sekundär. Umso heftiger sollten wir uns dann wünschenswerterweise selbst von der Anschaffung von Einrichtungsgegenständen überzeugen (lassen), die sowohl Umzug als auch regen Gebrauch intakt und ansehnlich überstehen. Ich weiß, das ist ein frommer Wunsch. Aber mit etwas Glück ist der Wunsch die Mutter des Vorhabens.

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