Worauf es ankommt

Ich bin im Urlaub. Mit der Familie. Auf einer Insel im Mittelmeer. In einem paradiesisch gelegenen Ferienhaus. Kein Wassernetz – das Trinkwasser ist Regenwasser aus der Zisterne. Kein Strom aus dem Stromnetz, sondern via Solar-Anlage. Weil diese sparsam dimensioniert ist, zünden wir abends Kerzen an. Was soll ich sagen? Am zweiten Tag hatten wir uns daran gewöhnt und der wunderbare Ort entfaltet seither seinen ganzen Charme. Überraschende Erkenntnis: Der ganze luxuriöse Zivilisationskram ist nett, aber nicht notwendig. Es geht auch so.

Wenn man Logistik nicht mehr als „Transport“ missversteht, sondern im ursprünglichen und modernen Sinne als Versorgung, dann erleben wir als Familie gerade eine Versorgung, die auf das Wesentliche konzentriert ist. So lebten unsere Großeltern teilweise auch noch – und es ging. Auch unsere Großeltern hatten ein gutes Leben.

Was ich damit sagen will: Vieles von dem, womit die moderne Logistik, der „Motor der Globalisierung“ uns heutzutage versorgt, ist nicht wirklich wesentlich. Man könnte es auch als Luxus bezeichnen. Steigerungsform: Umweltverschmutzung, Luftverpestung, Klimazerstörung, Bereicherung auf Kosten von Schwellenländern. Wohlgemerkt: nicht alles. Aber vieles. Genau das ist die Frage: Wie vieles?

Wir haben inzwischen die totale Logistik. Wenn ich will, kann ich alles haben – und morgen schon; E‑Commerce und 24h-Belieferung sei Dank. Wollte ich das? Hat mich jemand gefragt? Nein. Wir haben uns nicht einmal selbst gefragt. Wir haben die totale Versorgung. Aber total ist nicht notwendigerweise gut. Total ist noch nicht einmal effizient. Kiwi aus Neuseeland? Im Winter nötige Vitaminversorgung. Aber Sandalen aus Bangladesch? Getriebe aus Malaysia? Ist das wesentlich? Ich weiß es nicht. Und dieses Nichtwissen beunruhigt mich. Wir haben die Totalversorgung, aber wir haben keine Wesentlichkeitserwägung.

Wir haben keine Logistics Governance. Wir liefern ohne nachzudenken, wir liefern wie bestellt. Die Leute wollen Kugelschreiber aus China? Wir schippern sie! Wie sinnvoll, nötig, vertretbar oder in einem Wort essenziell das ist, fragen wir nicht. Das ist eine sehr juvenile Vorgehensweise. Jugendliche agieren gerne so: Erst mal machen – nachdenken können wir danach noch.

Erwachsene machen es anders herum: Look before you leap. Natürlich ist der Kunde verantwortlich für das, was er bestellt und von uns um die halbe Welt fliegen, schiffen, fahren lässt. Aber das heißt nicht, dass man nicht auch einen Jugendlichen zumindest mit den Grundzügen eines Essential Supply Chain Managements, einer essenziellen, am Wesentlichen orientieren Logistik vertraut machen kann, machen sollte. Erwachsene machen das.

Es wird Zeit, dass die Logistik erwachsen wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.