Da brennt doch was

Jetzt brennen also die Smartphones. Die defekten Geräte zu ersetzen, hat nicht geholfen. Ebenso wenig ein Wechsel des Akku-Lieferanten. Wie kann sowas nur passieren? Wer hat’s versemmelt?

Die Konstrukteure? Die Zulieferer? Die Materialprüfer? Nein, der Innovationsdruck.

Am iPhone 7 wurde kritisiert: zu wenig innovativ! Also witterte Samsung die Chance, dem Konkurrenten mal so richtig die Innovationsharke zu zeigen. Mit lauter innovativen Features, die das iPhone nicht hat. Als ob das den Ingenieuren und Technikern nicht schon Druck genug gemacht hätte, wollte man auch noch zeitgleich zur Markteinführung des iPhone 7 das Galaxy Note 7 präsentieren. Ich weiß nicht, wo Manager lernen, dass Druck ein gutes Führungsinstrument sei.

Aber ich weiß, was bei Überdruck passiert: Ist der Druck zu hoch, brennen die Entwickler aus. Oder die Handys.

Natürlich kann mal wieder niemand was dafür: Man muss eben jedes Jahr ein neues Smartphone auf den Markt werfen! Wir Konsumenten erwarten das angeblich. Selbst wenn man diese zweifelhafte Annahme akzeptiert: Druck und wie man damit umgeht, sind zwei Paar Stiefel.

Und auch die Firmenkultur ist Teil des Dampfkessel-Problems. In vielen Unternehmen wird es schlicht nicht geduldet, wenn ein Techniker sagt: „Wir haben Probleme mit Komponente X. Wir müssen den Produktstart verschieben!“ Das ist in vielen Unternehmen so unerwünscht, dass der Techniker lieber gleich den Mund hält. Man nennt diese Projektmanagement-Methode auch „Prinzip Berliner Flughafen“.

Einige Hardware-Entwickler haben dafür auch den Begriff „Bananen-Marketing“ geprägt: Man liefert das Produkt „grün“ aus und lässt es dann beim Kunden reifen. Mit Software geht das ganz einfach. Der Kunde kriegt eine meist nicht so benannte Beta-Version, die nach der Installation so lange upgedatet wird, bis sie den Anforderungen der ursprünglichen Bestellung entspricht. Der Irrtum technisch wenig begabter Manager liegt darin, zu glauben, dass man für ein termin- und anforderungsgerechtes Produkt lediglich genügend Druck benötige. Das Gegenteil ist der Fall.

„In Europa steigt die Zahl der Rückrufe seit Jahren in sämtlichen Industrien“, vermerkt die Wirtschaftswoche. Die Experten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin rechnen mit einem neuen Höchststand in diesem Jahr. In der Wegwerf-Gesellschaft leben wir schon lange. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter zur Schrott-Gesellschaft, in der immer mehr Produkte nicht marktreif, sondern schrottreif vom Band laufen. Und schuld daran ist der exorbitante Innovationsdruck.

Der Manager fühlt sich von der Konkurrenz unter Druck gesetzt und der Techniker vom Manager. Der Einkäufer steht unter Preisdruck und drückt den Lieferanten, der zum gedrückten Preis nun auch nicht unbedingt 1A-Qualität liefern kann. So macht jeder jedem Druck und der Druck potenziert sich so lange, bis es an der schwächsten Stelle in der Supply Chain zur Explosion kommt. Test to destruct, nennt man das in der Materialprüfung: Ein Test, der erst zu Ende ist, wenn einem alles um die Ohren fliegt.

Nun fliegen längst nicht alle Produkte in die Luft. Was, wenn deren Hersteller nicht vom Zufall profitieren? Sondern wissen, wie viel Druck ihre Mitarbeiter und Lieferanten gerade noch schultern können? Was, wenn deren Manager nicht einfach nur Glück haben, sondern sozusagen druck-kompetent sind?

Dass die meisten Menschen nämlich auf Druck mit Nachgeben (oder trotziger Rebellion) reagieren, ist weder logisch noch sinnvoll. Wer Druck nachgibt, managt nicht. Management sollte doch gerade der sinnvolle Umgang mit äußeren Einflüssen auf das Unternehmen sein. Als individuelle Menschen haben wir alle schon mal ein Stressseminar besucht oder ein Buch mit Stressstrategien gelesen.

In diesen stressigen Zeiten müssen wir als Individuen so gut wie nur irgend möglich stress-resistent sein. Es wird Zeit, dass es unsere Unternehmen auch werden.

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