Intelligenter als der Mensch

Die Roboter übernehmen die Welt? Seltsam, dass sich Menschen davor fürchten. Denn wenn man so einem Roboter am Band von Daimler, BMW, Opel oder VW zuschaut, muss man fast lachen: Roboter machen immer dasselbe. Sie schweißen, lackieren und biegen. Die laufen nicht aus der Fabrik raus und übernehmen die Welt. Die können das nicht. Die wollen das nicht. Weil: Die können nicht denken. Die KI kann das.

Deshalb heißt die Künstliche Intelligenz so. Sie denkt. Sie rechnet; zum Beispiel Wahrscheinlichkeiten: Wie hoch ist das Risiko, dass im Amazon-Auslieferungslager X bei einem Anstieg der Nachfrage nach Powerbanks von Y eine Lieferverzögerung von Z Tagen eintritt? Das ist höhere Mathematik und sehr nützlich. Das kann schon eine sogenannte schwache KI.

Eine schwache KI rechnet das, worauf sie programmiert wurde. Sie braucht dafür Daten, Rechnerkapazität und Algorithmen. Aber sie kann nicht abseits dieser Algorithmen denken, neue aufstellen, eigenständig Schlussfolgerungen ziehen, unabhängig gedankliche Verknüpfungen vornehmen. So intelligent ist sie nicht. Deshalb heißt so eine KI auch „schwach“.

Deshalb gibt es sogenannte starke KIs – in der menschlichen Phantasie. Logisch, dass manche Menschen davon träumen. Sie träumen davon, eine Maschine zu erfinden, die wirklich eigenständig denken kann. Möglichst besser, schneller, nachhaltiger und weniger aggressiv als der Mensch. Das wäre ein ungeheurer technischer Fortschritt. Davon träumen manche, aber wollen wir das wirklich?

Wollen wir eine Instanz, die klüger ist als wir? Wir hatten das schon mal. Jede und jeder von uns (hoffentlich). Die Instanz hieß „Eltern“. Haben wir auf sie gehört? Wie sinnvoll ist eine überlegene Intelligenz, wenn keiner auf sie hört?

Glücklicherweise hält sich der technische Fortschritt nicht mit Überlegungen zur Sinnhaftigkeit auf. Schließlich geht es um Fortschritt, nicht um Sinn. Und so rechnen Experten damit, dass allein in diesem Jahr weltweit über vier Milliarden Euro für Künstliche Intelligenzen ausgegeben werden. Bis zum Jahr 2020 soll das Geschäft auf 21 Milliarden Euro wachsen. Wer kauft sich eine KI?

Eingesetzt werden sie unter anderem in Produktion, Logistik und strategischer Planung. Denn überall dort gilt: Intelligenter ist besser, ist meist effizienter, schneller, kostensparender. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Deutschland durch den KI-Einsatz bis zum Jahr 2035 ein Produktivitätsanstieg von knapp 30 Prozent erzielt werden kann. Und das nur mit schwachen KIs. Das ist stark. Was die Schätzungen nicht sagen: Wo sind dann die Menschen, die das stark finden können? Noch im Job? Oder schon arbeitslos, wegen der KI? Beziehen sie dann bedingungsloses Grundeinkommen? Haben sie andere Jobs?

Warum hört und stellt man diese Fragen so selten? Weil wir viel und gerne über Technologie, Fortschritt, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz reden. Wir sprechen von Digital Leadership, von Risk Management und Supply Chain Management. Von Responsibility Management habe ich, ehrlich gesagt, diesen Monat noch niemanden sprechen hören. Korrigiere: dieses Jahr. Die letzten fünf Jahre?

Verantwortung wird immer nur für Produktionsprozesse übernommen. Selten für die Opfer, die sie produzieren. Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft. Wäre es nicht Zeit für eine verantwortliche, responsable Marktwirtschaft? Bislang bedeutet „sozial“ tendenziell: Fortschrittsprofite werden privatisiert, das Los der Fortschrittsopfer wird sozialisiert. Soll sich die Gesellschaft drum kümmern. Der Staat. Die Sozialsysteme. Andere, bloß wir nicht. Erwachsen klingt das nicht. Aber vielleicht reguliert sich das verantwortungsindolente System von alleine.

Die vielen Firmen, die schon heute mit KIs managen, beziehen die dafür nötigen megalomanen Rechnerkapazitäten von ein paar wenigen Riesenrechnerfirmen wie Amazon, Google oder IBM. Meist aus der Cloud. Die Digitalisierung produziert damit das, was jeder kluge Manager, jede selbstständig denkende Managerin seit Anbeginn der Zeit zu verhindern suchen: Singuläre, zentrale Strukturen, die fatale Abhängigkeiten schaffen und im Falle eines Versagens komplette Unternehmen innerhalb von wenigen Tagen von der Landkarte fegen können. Das nennt man Digital Dependency. Noch so ein Thema, über das kaum jemand sprechen mag.

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