Ein Klick – und der LKW rollt

Was schätzen Sie? Wie viele schwere LKW sind im Schnitt täglich auf Deutschlands Straßen unterwegs? Es sind eine halbe Million. Und wie viele davon fahren leer?

Jeder dritte.  Rein rechnerisch. Also ein Drittel. Ein Drittel fährt leer durch die Gegend, verbraucht unnötig Diesel, verursacht Kosten für nichts, belastet die Umwelt, den Straßenverkehr, die Atemluft, macht Lärm und trägt zu Staus bei. Seit Menschen sich gegenseitig mit Gütern versorgen, gibt es das Problem der Rückfracht: Wenn ich 15 Tonnen Kartoffeln von A nach B bringe, kann ich mit der Abfahrt nicht so lange warten, bis ich eine geeignete Rückfracht von B nach A gefunden habe.

An diesem klassischen Problem haben sich schon viele Frachtbörsen versucht, die Ladungen vermitteln. Sie konnten es nicht aus der Welt schaffen. An dieser Jahrhundert-Nuss versucht sich nun ein neuer Player: Cargonexx. Sein entscheidender Vorteil: Das Startup setzt zur Problemlösung eine KI, eine Künstliche Intelligenz ein.

Auch ohne das Rückfrachtproblem ist ein LKW-Transport selbst in unseren modernen Zeiten noch relativ aufwändig in der Organisation. Ein Frachtauftrag durchläuft viele Hände und wird in mehreren unterschiedlichen Systemen erfasst, bis endlich die Räder rollen. Eine Menge Papier wandert hin und her, viel Zeit wird allein fürs Administrative jedes Auftrags aufgewandt. Cargonexx möchte auch diesen administrativen Aufwand extrem verringern.

Ziel ist es, die Organisation von Frachten so stark zu vereinfachen, dass eine Fracht letztendlich wie eine Online-Bestellung ausgelöst werden kann: mit einem einzigen Click. Das nennt sich dann One-Click-Trucking. So richtig zum Tragen kommt die überragende Intelligenz der KI jedoch bei den ominösen Leerfahrten.

Das Problem traditioneller Frachtbörsen ist nämlich, dass sie lediglich jene Frachten vermitteln können, die am Markt sind – was denn sonst? Zum Beispiel jene Frachten, die morgen und übermorgen am Markt sein werden.

Künstliche Intelligenzen können nämlich auch zukünftige Ladeströme prognostizieren und damit Frachtkapazitäten weitaus besser planen, vermitteln und letztendlich Leerfahrten reduzieren. Der selbstlernende Algorithmus der KI sieht Frachtaufträge voraus, bevor sie entstehen. Er kann deshalb auch Rückfrachten organisieren, was heute noch in vielen Fällen unmöglich ist, wenn Frachtaufträge einfach zu kurzfristig hereinkommen, um sich darum auch noch zu kümmern. In anderen Bereichen unseres Lebens funktioniert dieses Prinzip bereits hervorragend.

Zum Beispiel beim Predictive Policing: In den USA und auch schon vereinzelt in Deutschland prognostizieren KI’s Verbrechen. Das erinnert ein wenig an den Kino-Hit „Minority Report“ mit Tom Cruise. Im Gegensatz zum Film sind die „Precogs“ jedoch keine Menschen, sondern Maschinen, eben KI’s. Sie analysieren sämtliche Verbrechen der letzten Zeit und prognostizieren dann, wann in welchen Stadtgebieten mit dem Risiko von zum Beispiel Einbrüchen zu rechnen ist. Die Polizei fährt dann dort besonders intensiv Streife – die Anzahl der Verbrechen sinkt deshalb tatsächlich. Die Methode funktioniert. Warum sollte sie nicht auch bei Frachten funktionieren?

Vor allem deshalb, weil es sich auch für die Verlader lohnt. Dank ihrer großen Übersicht kann die KI alternative Lade-Kapazitäten vorschlagen, die auch Kosten sparen. Fragt ein Unternehmen zum Beispiel fünf Tonnen Frachtkapazität an, schlägt die KI vielleicht eine freie Kapazität um 10 und eine um 15 Uhr vor. Wenn die Fracht nicht eilt, bestellt das Unternehmen dann einfach die preisgünstigere Uhrzeit.

Auf diese Weise will das Hamburger Startup der Wirtschaft und ihren Kunden Kosten, Zeit (durch den One Click) und Aufwand sparen. Man spricht von einer Triple Bottom Line: Die KI-Lösung verspricht ökonomischen, ökologischen und sozialen (weniger Staus, weniger Luftbelastung) Nutzen. Wir vergessen sowas leicht, wenn wir Kino-Filme wie die „Terminator“-Reihe anschauen.

Dort bekriegt und knechtet die KI „Skynet“ die ganze Menschheit. Was solche äußerst unterhaltsamen, aber einseitigen Phantasien übersehen, sind die großen Vorteile einer überlegenen Maschinen-Intelligenz. Manche Planungen, Entscheidungen und administrativen Vorgänge kann eine KI eben schneller, effizienter, kostengünstiger und besser ausführen als ein Mensch. Und nun mal ehrlich: Wenn eine künstliche Intelligenz wirklich intelligent ist, warum sollte sie dann die Menschheit knechten? Aggression war noch nie ein Zeichen höherer Intelligenz.

2 Kommentare zu „Ein Klick – und der LKW rollt

  1. Eine super Sache. Das Disponieren wird viel einfacher und schneller. Das System wird sich sicher im Markt durchsetzen.
    Es tauchen aber auch Fragen auf wie: Was machen die Disponenten in den Speditionen mit all der gewonnenen Freizeit? In wie weit verlässt man sich in Zukunft voll auf Cargonexx und baut alte Dispositions-Strukturen ab? Wenn die Website von Cargonexx dann einmal gehackt wird oder sonstwie ausfällt, gibt es dann genügend Redundanzen oder sind dann viele Lieferketten unterbrochen und die Versorgung- und Produktion ist gefährdet? Kümmert sich jemand um diese Risiken?

    1. Ja, das hoffen wir auch, dass sich das System durchsetzt – und dass intelligente Fachleute wie Sie mit Ihrer Intelligenz die Intelligenz der KI noch intelligenter machen. Wir hoffen auch, dass die Disponenten dann nicht freigesetzt, sondern eingesetzt werden, um den Service am Kunden noch mehr zu verbessern. Und dass irgendwann – toi,toi,toi – die IT-Architektur so sicher steht, dass Hacker wenig Erfolg haben. Ob das alles schon bei Cargonexx passiert, wäre sicher lohnenswerter Gegenstand einer vertieften Nachforschung …

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