In der Ruhmeshalle

Jeff Bezos wird am 9. November in die internationale Hall of Fame der Logistik aufgenommen. Das wundert jetzt keinen, oder?

Mit den Millionen Tonnen Sendungen, die er seit der Gründung von Amazon in die Luft, auf die Schiene und die Straße geschickt hat, hat er nicht nur uns Konsumenten ein Paradies eröffnet, sondern auch der Logistik ein ungeheures Auftragsvolumen verschafft. Und nicht nur das: In vielen Bereichen ist Amazon heute logistisch führend. Deshalb kommt Bezos jetzt auch in die Ruhmeshalle und in illustre Gesellschaft.

In der Hall of Fame sind solche Größen versammelt wie Henry Ford – der Erfinder der Fließbandfertigung. Oder Gottlieb Daimler, der den LKW erfunden hat. Oder Malcolm McLean – Preisfrage: Was verdanken wir ihm?

Die Globalisierung. Kein Scherz. Er hat nicht nur den Frachtcontainer erfunden, sondern das komplette Frachtsystem dahinter. Deshalb wird er auch als der „Vater der Containerisierung“ der Logistik bezeichnet. Ohne Container wäre die Globalisierung nie möglich gewesen. Dass Jeff Bezos so viel für Konsum und Logistik tut, war von vorneherein nicht klar.

Bezos hat eigentlich Informatik und Elektrotechnik studiert. In Princeton. Mit Bestnoten und Bachelor (behaupte keiner, man könne mit Bachelor-Abschluss nicht die Welt aus den Angeln heben). Er war danach bei einem Mobilfunkunternehmen und in der Vermögensverwaltung, wo ihm die Geschäftsidee mit dem Internet kam. Das ist untertrieben. Bezos ist praktisch der Erfinder des modernen Online-Handels. Sein Erfolgsgeheimnis ist dabei nicht nur das Internet.

Er hat auch den Handel an sich revolutioniert. Früher war der Handel stark vom Einkauf und dessen Marktparametern dominiert. Bezos machte daraus: Anbieten, was und wie der Kunde es will. Das machte er ganz konkret, indem er zum Beispiel bei Meetings einen leeren Stuhl an den Meetingtisch stellte und sagte: „Darauf sitzt der Kunde. Bei allem, was wir heute verhandeln, fragen wir uns: Was sagt der dazu, der da sitzt?“ Diese unbedingte Kundenorientierung hat Amazon groß gemacht. Und die schlanken Prozesse, die exzellente Software und die Automatisierung: Amazon war eine der ersten Firmen, die Roboter im Lager einsetzten. Geht auch nicht anders, wenn man mehrere Hundert Bestellungen erhält – pro Sekunde.

Ein anderes „Erfolgsgeheimnis“ (es ist kein Geheimnis) von Amazon ist die Experimentierfreudigkeit. Beispiele dafür sind Alexa, der Dash Button oder auch die erste autonome Drohnenauslieferung einer Sendung, die dieses Jahr in Großbritannien erfolgreich zugestellt wurde. Amazon probiert neue Dinge gerne erst mal aus, bevor man sie endlos analysiert. Ein Beispiel dafür ist der intelligente Supermarkt, bei dem man ganz bequem beim Verlassen des Ladens sozusagen im Vorbeigehen an Sensoren mit dem Smartphone bezahlt.

Weil Amazon eine so gute Supply Chain hat, steht diese auch anderen zur Verfügung: Amazon Marketplace. Hier übernimmt Amazon teilweise für andere Händler und Unternehmen die Lagerhaltung, Verkauf, Abrechnung, Inkasso – und alles vollautomatisch. Das wird rege nachgefragt, eben weil Amazon diese logistischen Prozesse so gut beherrscht.

Analysten fanden heraus, dass jedes fünfte Produkt, das über den Marketplace gehandelt wird, für den Fremdhändler Verlust bringt. Trotzdem wird es weiter angeboten, weil man auf dem Marketplace einfach präsent sein muss, um auch andere Produkte verkaufen zu können, die dann (hoffentlich) den Gewinn auch für den Verlustbringer einfahren. Der Verlust wird einfach sozusagen direkt ins Marketing-Budget verbucht: Amazon ist beste Werbung. Für den E-Commerce.

Jener E-Commerce, der unsere Innenstädte veröden lässt. Überall schließen Einzelhändler und stehen Ladengeschäfte leer. Das Problem sind wir: Wir alle kaufen immer mehr online ein. Man kann diesen Wandel nicht aufhalten, aber nutzen: Viele stationäre Händler sind inzwischen auch online und Stadtplaner finden andere Möglichkeiten, Innenstädte wieder attraktiv zu machen. Mit mehr bezahlbaren Wohnungen zum Beispiel. Oder mit endlich genügend Parkplätzen. Außerdem eröffnet Amazon inzwischen auch stationäre Ladengeschäfte. Oder kauft ganze Lebensmittelketten auf. Das alles macht Amazon als Arbeitgeber äußerst attraktiv.

Alle wollen für Amazon arbeiten! Das heißt: für die Verwaltung und Unternehmensführung. In einigen Teilen seiner Logistik, wie zum Beispiel in den Auslieferungslagern, ist die Attraktivität nicht so blendend. Die Gewerkschaft fordert seit Jahren eine Bezahlung nach dem Einzelhandelstarif, Amazon versteht sich jedoch als Logistikunternehmen. Denken wir daran, wenn wir das nächste Mal einen überbordenden Warenkorb per Click bestellen?

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