E-Food: Need for Speed

Wenn Sie Pizza online bestellen – wie lange möchten Sie darauf warten? Oder auf eine Kochbox für ein ganzes Menü? Die E-Food-Branche weiß es. Sie kennt die Erwartungshaltung ihrer Kunden. So zeigt eine Studie der E-Commerce-Plattform Spryker für Deutschland (2021): Jüngere Konsumenten im Alter zwischen 18 und 29 Jahren wünschen sich eine Belieferung mit ihren online bestellten Drogerie-Artikeln, Consumer-Elektronik und Fashion innerhalb welches Zeitraums? Was tippen Sie?

Vier Stunden. Welche Adjektive fallen uns dazu ein? Irre. Dekadent. Maßlos. Immerhin 30 Prozent der Befragten wünschen sich diese Blitz-Belieferung. Bei der Online-Bestellung von Lebensmitteln sind es sogar 50 Prozent der Jüngeren; im gesamten Bevölkerungsdurchschnitt „nur“ jede(r) Dritte. Als Nation von Konsumenten haben wir jedes Maß verloren, jedoch willige Lieferanten gefunden.

So verspricht der Lieferdienst „Gorillas“ für 21 deutsche Städte auf seiner Homepage (natürlich nicht auf Deutsch für deutsche Konsumenten, sondern auf Englisch): „Groceries delivered in 10 minutes“! Und liefert gleichzeitig offensichtliche Schlussfolgerung und Wettbewerbsvorteil mit: „Faster than you“! In der Tat.

Selbst wenn noch ein Tante-Emma-Laden um die Ecke wäre: Wenn ich zum Einkaufen aus dem Haus und wieder zurück ginge, bräuchte ich deutlich mehr als 10 Minuten selbst für einen kleinen Einkauf. Liefern lassen ist schneller geworden als selber einkaufen. Kaufst du noch oder lässt du schon liefern? Wobei das die falsche Frage ist.

Die richtige lautet: Nehmen wir Nürnberg – wie um alles in der Welt schafft der Lieferfahrer es im Stadtverkehr zur Stoßzeit in 10 Minuten von einem Ende der Stadt zum andern? Das schafft doch niemand! Aber die Gorillas. Das ist Highspeed-Food-Logistik. Das erklärt, warum der Online-Einkauf immer voluminöser wird, nicht nur wegen Corona. Auch die Zahlen zeigen es.

So machte der Online-Umsatz 2018 zwar nur ein Prozent des gesamten deutschen Lebensmittel-Umsatzes aus. Zum Vergleich: In Frankreich waren es 6, in Großbritannien 7 Prozent. Doch 2019 wuchs dieser Online-Umsatz bereits um knapp 18 Prozent und im 3. Quartal 2020 dann auch Corona-bedingt um 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahres-Quartal.

Experten schätzen, dass bis 2025 ungefähr 3,8 Prozent aller Lebensmittel-Umsätze online gemacht werden; was fast einer Vervierfachung in nur sieben Jahren entspricht – ein rasantes Wachstum. Nun klingen 3,8 Prozent nach nicht viel. Doch wer weiß, dass die Lebensmittel-Branche in Deutschland rund 220 Milliarden Euro im Jahr umsetzt, weiß es besser. Da ist selbst mit einem einstelligen Prozent-Anteil unglaublich viel Geld verdient. Und alle sind glücklich damit. Außer Klima, Luft und Umwelt.

Denn die Tausenden Lieferfahrer – bei den Gorillas heißen sie wildwest-mäßig „Rider“ – blasen beim Lieferfahren natürlich zig Tonnen CO2 in die Luft, was das Gegenteil von Nachhaltigkeit ist. Bis uns einfällt: Würden wir nicht liefern lassen und selber Einkaufen fahren, würden wir Luft und Klima ja auch verpesten. Wer pestet also weniger?

Das E-Bike. Denn damit liefern die modern geführten Lieferdienste in den großen Städten aus. Nicht nur, weil sie nachhaltig sein wollen, sondern auch, weil jedes Lieferauto unweigerlich im Stoßverkehr stecken bleiben würde und so die knappen Lieferzeiten nicht halten könnte. Das Rad als Lieferfahrzeug ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch nachhaltiger als ein Verbrenner – eine ideale Synthese aus Ökonomie und Ökologie (falls das E-Bike mit Solar- oder Windstrom geladen wird). Seltsamerweise ist Nachhaltigkeit nicht der Engpassfaktor beim Business Case „E-Food“, sondern was?

Richtig: die Kosten. Ein Branchen-Report enthüllte unlängst, dass im Grunde erst bei einer Bestellung im Wert von 80 Euro oder mehr sich diese aufwändige Zustellung für den Lieferdienst rentiert. Kein Wunder, wenn Liefergebühren von nur 1,80 € genommen werden. Wie macht man denn bei so einer Unter-Kosten-Kalkulation überhaupt noch Gewinn? Und was kriegt am Ende der Fahrer vom Gewinn, der bis jetzt bei vielen Lieferanten überhaupt noch nicht erwirtschaftet wird? Oder kommt am Ende ein Hungerlohn heraus, wie wir ihn vom im wahrsten Sinne des Wortes privatisierten Fahrer-Modell eines großen Online-Händlers und eines Pseudo-Taxi-Dienstes kennen?

So sehr solche Geschäftsmodelle prekäre Arbeitsverhältnisse provozieren: Davon lassen wir uns, wenn wir unseren Besteller-Hut aufhaben, nicht schrecken. Wir bestellen weiter ungerührt und hungrig. Jacke ist näher als Hose. Der Verstand hat Sendepause, wenn der Magen knurrt. Vor allem die Generation, die mit dem Smartphone am Nuckel aufgewachsen ist, wird auch Lebensmittel munter weiter und immer häufiger online bestellen. Warum auch nicht? Bequemer ist es allemal. Und bewundernswert schnell.

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