Mit uns kann man’s ja machen!

Dass die Inflation sprunghaft gestiegen ist, hat jeder schon bemerkt. Doch dass sie derart explodiert ist, wohl nur wenige: Im Oktober sprang sie im Vergleich zum Vorjahresmonat auf 4,5 Prozent – so hoch wie seit 1993 nicht mehr.

Explodiert sind unter anderem Spritpreis und Heizkosten. Edeka-Südwest titelte im wöchentlichen Flyer (KW 47): „Wohnung heizen kostet bald so viel wie die Wohnung.“ Das war zwar ironisch gemeint. Doch viele, denen wegen der Preisexplosion das Gehalt nicht mehr bis zum Monatsende reicht, empfanden das weniger ironisch als bitterernst.

Alles wird teurer und Energie wurde am teuersten. Erdgas und Strom sind im Vergleich zum Vorjahr im Schnitt um irrsinnige 48,2 Prozent teurer geworden. Wer hätte gedacht, dass eine warme Wohnung jemals ein Luxus werden würde, den sich nur noch Bessergestellte leisten können? Zählt ein warmes Zuhause nicht mehr zur Menschenwürde?

Tierische Erzeugnisse wie Milch, Eier oder Käse wurden um 7,9 Prozent teurer. Den Preissprung merkt jeder sofort an der Kasse vom Supermarkt in Euro und  Cent am eigenen Geldbeutel. Bei vielen, die wegen Corona in Kurzarbeit oder Existenzbedrohung gerutscht sind, lautet die Bilanz am Ultimo: Es reicht nicht mehr zum Leben. Kein Leitartikler und erst recht kein Politiker scheint das bislang gewürdigt oder auch nur bemerkt zu haben. Im Gegenteil. Alle reden derzeit nur noch über Nachhaltigkeit. Nichts dagegen, eher dafür. Doch dass dadurch die Preise noch mehr steigen werden als jetzt und als in Alpträumen vorstellbar, ist logisch. Aber auch diese Logik wird tabuisiert. Vielleicht geht der Elefant ja raus aus dem Wohnzimmer, wenn man nicht über ihn spricht … Warum steht er überhaupt im Wohnzimmer?

Wieso ist alles so teuer geworden? Wir erkennen vier Inflationstreiber. Erstens: Angebotskrise. Viele Lieferketten sind noch durch Corona so geschwächt, ge- oder zerstört, dass einfach nicht genug produziert und transportiert werden kann. Das treibt schon in normalen Zeiten die Preise hoch. Doch zwischen der dritten und vierten Corona-Welle setzte, zweitens, auch noch ein gewaltiger Nachholeffekt ein. Wegen dieses Effektes überragt die Nachfrage das Angebot noch weiter. Und je höher die Nachfrage das Angebot überragt, desto höher steigen die Preise. Normalerweise treten in so einer Situation die Zentralbanken auf die Bremse und reduzieren die Geldmenge: weniger Geld, weniger Inflation.

Doch die Zentralbanken vieler Länder haben, drittens, ihre Handlungsmacht verloren. Das sagt zwar keiner laut. Doch immer noch pumpen Zentralbanken zig Milliarden ihrer Währungen in die Geldmärkte, um unter anderem den Bankrott überschuldeter Staaten noch ein wenig hinaus zu zögern. Die Wirtschaft wird mit Geld geflutet. Und wie ausgeschüttetes Wasser, so will auch Geld irgendwohin. Natürlich dringt das Geld auch auf den Aktienmarkt, wo es seit Jahren eine Hausse nach der anderen befeuert. Doch etliche Milliarden gelangen auch auf den Gütermarkt, wo sie die Preise weiter in die Höhe treiben. Denn es gibt einfach nicht so viele Güter wie Geld, das gerade im Umlauf ist. Überspitzt gesagt: Wir alle zahlen bei Benzin, Gas, Strom, Öl, Milch, Käse und Eiern drauf, damit marode Staaten noch eine Weile überleben können. Es ist wie immer: Der kleine Mann wird für die Fehler der Großkopferten zur Kasse gebeten. Wenn nicht via Steuern, dann via Inflation. Uns ist das Jacke wie Hose: Zahlen müssen wir so oder so.

Vierter Preistreiber, natürlich: Corona. Insbesondere die Senkung der Mehrwertsteuer im Sommer 2020 treibt heute die Inflation hoch. Wie das? Ist das nicht paradox? Ja – und es ist ein rechnerischer Effekt: Die Senkung der Mehrwertsteuer wirkte natürlich deflationär. Doch als die Senkung zurückgenommen wurde, wirkte das inflationär. Deshalb betrug die Inflation 2020 nur sensationelle 0,5 Prozent. 2021 wird sie sich schätzungsweise versechsfacht haben und bei grob 3 Prozent liegen. Gleichzeitig liegen die Sparzinsen immer noch bei nahe Null. Der kleine Mann und die kleine Frau werden doppelt abgezockt. Jeder, der nicht in Geld schwimmt, hat das in den letzten Monaten schmerzlich bemerkt.

Auch optisch deutlich wird das in den USA. Weil dort die Kluft zwischen Superreichen und ganz normalen Menschen noch heftiger ist als bei uns, gibt es dort sehr viel mehr 1-Dollar-Läden. Und diese schockten ihre sparsamen Kunden seit dem sprunghaften Anstieg der Inflation: Überall wurden die 1-Dollar-Preisetiketten mit 1,99 oder 1,49 überklebt – immerhin eine Teuerung von grob 50 bis 100 Prozent. Für jemanden mit sechsstelligem Gehalt sind das sprichwörtliche Peanuts. Doch niemand, der die Dollarware zum Überleben braucht, wird das so empfinden, sondern hungern, frieren, sich schämen – und auf Rache sinnen. Und immer noch gibt es Politiker, die sich nicht vorstellen können, warum brave Bürger das Vertrauen in die Regierigen, wie Tucholsky sie nannte, verloren haben. Niemand, der ums Überleben kämpft, steckt eine partielle Teuerung von 100 Prozent weg. Das empfindet er nicht als Inflation, sondern als Bedrohung seiner Lebensart, wenn nicht seines Lebens. Aber mit uns kann man’s ja machen …

Wenn das so weitergeht, wo führt das hin? Auch dafür gibt es ein beispielhaftes Land: Venezuela, mit einer Inflation (2018) von 65.000 Prozent (kein Vertipper). Das Land hat inzwischen die 1-Million-Banknote eingeführt. Auch unsere Großeltern kannten das noch. 1923 mussten sie zum Brotkaufen die Schubkarre mitnehmen – nicht wegen des Brotes. Und auch damals war die Ursache eine Gelddruckmaschine auf Amphetaminen. Man hatte viel mehr Geld gedruckt als Güter da waren. Das ist VWL erstes Semester: Zu viel Geld macht Inflation – was uns nicht hilft und jenen, die uns helfen könnten, auch nicht.

Diese vertrösten uns seit Wochen: „Die Inflation ist nur vorübergehend!“ Die haben keine Ahnung, wie eine Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern, die sich schon jetzt das Schulzeug für die Kleinen vom Mund abspart, bei diesen Preisen überhaupt noch jeden Mittag eine warme Mahlzeit auf den Tisch bringen soll. Oder wie ein Koch in der Gastronomie, der wegen Corona schon wieder in Kurzarbeit ist, seine unaufhaltsam steigende Miete bezahlen soll, wenn am Ende vom Geld noch Monat übrig ist. Eine inflationäre Geldpolitik ist schon übel genug. Aber dass deren fatale Folgen für viele niemand offen und ehrlich anspricht, ist deutlich schlimmer. Was wir an der Geldmenge zu viel haben, haben wir an Ehrlichkeit und Menschlichkeit zu wenig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.