Haben wir den größten Trottel gefunden?

Vor kurzem crashte der Bitcoin und mit ihm der Markt der Kryptowährungen. Vor diesem Erdrutsch galten Kryptowährungen als das Gelbe vom Ei, der Hype der Stunde, als gute Anlage, als extrem attraktives Anlageobjekt. Die Preise stiegen scheinbar ins Unermessliche entlang einer simplen Inflationslogik: Der jeweils nächste Spekulant war stets bereit, einen noch höheren Preis zu bezahlen als seine Vorgänger.

Dieser Automatismus der spekulativen Zwanghaftigkeit bewegte Bill Gates dazu, den Markt zu bezeichnen als „zu hundert Prozent basierend auf der Theorie des größten Trottels.“ Nicht unähnlich von Pyramidensystemen und Kettenbriefen oder wie der Volksmund sagt: „Jeden Morgen steht ein Dummer auf. Die Dummen gehen uns nicht aus.“ Was exakt die Frage war, die vor kurzem mit Nein beantwortet wurde: Die Dummen gingen aus, die Kurse brachen ein. Die Vernunft war wiederhergestellt: Auch bei den Kryptowährungen fließt Wasser nicht (länger) den Berg hinauf.

Bill Gates bezog sich mit seinem Spruch nicht nur auf Kryptowährungen, sondern auch auf NFT’s, auf Non-Fungible Tokens, was sich wörtlich übersetzt mit „Nicht-austauschbare Wertmarken“ und als Erklärung wenig taugt. Besser geeignet sind konkrete NFT’s, zum Beispiel der „Bored Ape“, ein Bild aus der Reihe der sogenannten Monkey Art. Das sind, wie der Name schon sagt, Zeichnungen von Affen, die nicht analog auf Papier oder Leinwand gezeichnet wurden, sondern rein digital nur in der Cloud existieren. Wie ein Kunstkenner jüngst sagte: „Also nichts, was ein vernünftiger Mensch je brauchen würde.“ Und damit Kunst. Deshalb erreichen die Preise für Monkey Art utopische Höhen.

Gerüchten in der Szene zu Folge soll der Rapper Eminem 450.000 Dollar für ein Kunstwerk mit dem Namen „EminApe“ bezahlt haben – ein ästhetisch wenig ansprechendes Bildnis mit einer gewissen unterstellten Ähnlichkeit zum Rapper. Daher hat er es wohl gekauft. Deshalb „hat“ er das Bild jedoch nicht. Was er hat, ist eine URL, eine Internet-Adresse, unter der sein digitales Bild gespeichert ist. Besitz und Eigentum sind im Zeitalter der Digitalen Revolution zu etwas recht Abstraktem geworden. Ein Besitzer besitzt nicht mehr, was er besitzt, sondern lediglich eine digitale Vorstellung davon. Besitz ist jetzt eine Idee. Wenn morgen das Internet abstürzt, ist dieser „Besitz“ erst mal weg. Die Besitzeinschränkungen gehen noch weiter.

Wer ein NFT kauft, ersteht damit nicht automatisch das Recht zu dessen weiterer Verwertung. Das ist so, als ob ein Autokäufer ein Auto kauft, aber der Kaufpreis nicht das Recht beinhaltet, es auch zu fahren. Abstrakter geht‘s nicht mehr. Und trotzdem werden mit NFT’s Millionen umgesetzt. Bei Christie’s erzielte ein NFT des Digitalkünstlers Mike „Beeple“ Winkelmann die Rekordsumme von rund 69 Millionen Dollar. Für Menschen, die im nächsten Winter die Gasrechnung nicht bezahlen können und jetzt schon hungern, weil das Haushaltsbudget nicht mehr für die verteuerten Lebensmittel reicht, ist das der Gipfel der Obszönität. Was könnte man alles Sinnvolles mit dem Geld anstellen? Wenn der Mensch nur vernünftig werden würde. Doch wenn die Vernunft nicht hilft, dann ein Krieg.

Seit Beginn der Ukraine-Invasion sind nicht nur Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum, die vorher wie Gold gehandelt wurden, massiv eingebrochen. Zwischen Mai und Juni fiel auch der NFT-Handel von 34.000 Verkäufen auf 20.000. Gleichzeitig verringerte sich der Gesamtwert der Transaktionen um 93 Prozent. Der Markt ist eingebrochen, die NFT-Blase geplatzt und dafür brauchte es nur einen Krieg. Die Kunst-Experten haben bereits das Kaddisch gesprochen und verlautbart, dass das Vorhaben, NFT’s als digitale Kunstmarke zu etablieren, damit bis auf weiteres gescheitert sei. Vermutet wurde das schon länger.

Die Vermutung ging auf eine Blase hin, was bei einem Handelsgut naheliegt, dessen Preis nicht auf einem physischen Gegenwert basiert. Es ist ja nicht so, als ob man einen Goldbarren kauft, der jenseits aller spekulativen Preisentwicklungen letztendlich aus physischer Materie besteht, die man anfassen kann. Bei einem NFT kauft der Käufers so gesehen das bloße Nichts, eine Idee, ein Luftgespinst – daher auch das erwähnte Gates-Zitat: Wer so etwas kauft, muss ein echter …

Das lässt sich auch am Wash Trading erkennen, das ans Greenwashing erinnert: Man verkauft als grün, was nicht grün ist. Beim Wash Trading ist dieselbe Person zugleich Verkäufer und Käufer bei einem NFT-Deal. Mit diesem Kniff, der in einem digitalen Markt kaum zu durchschauen ist, kann der Verkäufer den Preis des NFT’s in horrende Höhen treiben, um einem potenziellen echten Käufer dann diesen Mondpreis als Mindesthandelspreis wie ein Stöckchen hinzuhalten, über das er springen muss, wenn er kaufen möchte. Im Gegensatz zu manchen NFT’s ist dieses Manöver ein echtes Kunststück, auch Marktmanipulation genannt.

In einem solchen Markt ist die Gefahr der Geldwäsche sehr hoch: Der Geldwäscher kauft mit schmutzigem Geld auf einem gänzlich unregulierten Markt ein paar digitale Affen, verkauft sie gegen sauberes Geld und schon ist das Geld gewaschen. Die Experten schätzen das „Waschvolumen“ der NFT-Waschmaschine weltweit auf einige Millionen Dollar.

Abseits dieser kriminellen Tendenzen ist der NFT-Markt ein Jahrmarkt der Eitelkeit und Gier. Es sind sehr viele Menschen sehr schnell sehr reich mit NFT’s geworden. Das ist absolut legal. Und dekadent.

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