Die Straße zur Weltherrschaft

In die Neue Seidenstraße investiert China die unvorstellbare Summe von tausend Milliarden Euro. Ein horrender Betrag, aber ein Schnäppchenpreis für die Welt. Denn das ist das Ziel des Straßenbaus, wie offizielle Kreise seit wenigen Wochen verlautbaren: die dominierende Weltmacht zu werden. Das treibt die Ökonomisierung der Welt auf die Spitze.

Denn was früher mit Panzern und Zerstörern versucht wurde, rückt heute mit einer ganz anderen Waffe in den Bereich des Möglichen: Logistik. Wer die Straßen der Welt beherrscht, beherrscht die Welt.

Allein in 2020 hat China für den Ausbau der Neuen Seidenstraße 22,5 Mrd. US-Dollar ausgegeben. Wenn die Straße einmal komplett ist, wird sie über 60 Länder von Afrika bis Europa miteinander verbinden. Und das schneller und direkter als die bisherigen Handelswege, die überwiegend in westlicher Hand sind. Was hier aufgebaut wird, kennen Ökonomen unter dem Begriff „Bypass des Handels“. Vergleichbar mit dem, was Amazon mit dem stationären Handel gemacht hat: in eine Nebenrolle und oft genug ins Aus gedrängt. Ganze Innenstädte sind voll mit Leerständen. Das ist wie beim Monopoly: Wer die Straßen und Häfen hat, macht das Geschäft.

Pikant ist, dass ausgerechnet ein sozialistischer Staat den Kapitalismus besser versteht und anwendet als die vorgeblichen haifischkapitalistischen Staaten. Staatskapitalismus schlägt Marktkapitalismus. Wir Marktkapitalisten haben den Paradigmenwechsel noch nicht verstanden: vom Commodity Approach zum Supply Chain Approach. Wir denken immer noch: Wer die besseren Produkte macht, macht das Geschäft. Seit der Erfindung der Globalisierung gilt das nicht mehr. It’s logistics, stupid!

Jüngst hat Kroatien sein größtes Infrastrukturprojekt eröffnet, eine 2,5 km lange, mehrspurige Brücke über die Adria. Sie macht Reisen und Transport schneller. Wer hat’s gebaut? Eine chinesische Baufirma. China versteht die Bedeutung der Logistik in einer globalisierten Welt deutlich besser. Wobei: Liegt es wirklich am Verständnis?

Wahrscheinlich raufen sich weitsichtige Unternehmer und Politiker auch hierzulande längst die Haare, weil sie absehen können, dass China die Welt gehört, sobald die Neue Seidenstraße steht. Aber welcher demokratische Staat kann schon tausend Milliarden locker machen? Und welche Parteien-Demokratie könnte und würde diese Summe über zig Wahlperioden hinaus planen und investieren? Das scheint ein eingebauter Systemfehler zu sein. Allein die Genehmigung für ein neues Windrad dauert bei uns doch schon zehn Jahre – mit ungewissem Ausgang. Die Globalisierung ist ein Wettkampf der Systeme und wer gerne wettet, wird sein Geld auf den absehbaren Sieger setzen. Neun Jahre nach dem Startschuss für die Neue Seidenstraße hat das auch die EU erkannt und ein verspätetes Konkurrenzprojekt gestartet.

Dieses hieß kurzfristig „EU-Asien-Konnektivitätsstrategie“. Und weil das so kurz, prägnant und leicht zu merken ist, wurde es flugs umbenannt in: Global Gateway. Von der Leyen verspricht dafür 300 Milliarden Euro, mit denen sie, so informierte Kreise, den chinesischen Dominanzanspruch auf die Welt kontern möchte. Die Wortwahl ist unglücklich, wie jeder Sport-Fan ahnt: Wer sich aufs Kontern verlegen muss, ist bereits in der Defensive. Die Frage der Weltherrschaft wird nicht mehr in den Sandkästen der Militärstrategen entschieden, sondern am Desktop der Supply Chain Manager. Du willst die Welt erobern? Studier‘ SCM! Ein schöner Spruch für ein Basecap (demnächst eventuell im Online-Shop des Lehrstuhls erhältlich).

Wobei der Global Gateway in seinem Anspruch deutlich bescheidener ist. Er möchte vor allem die klassischen Routen auf der Nordhalbkugel stärken. Was fehlt und was China exzellent abdeckt, ist der globale Süden; Afrika, Lateinamerika. Auch das hat die EU inzwischen bemerkt und intensiviert nun die Kooperation mit handverlesenen Südstaaten wie zum Beispiel Namibia, einem potenziellen Lieferanten für Grünen Wasserstoff. Mehrere andere Projekte sind geplant.

Guru Henry Mintzberg schrieb 1994 den Bestseller „The Rise and Fall of Strategic Planning“. Die aktuelle Ausgabe müsste von einer Renaissance sprechen. Denn was China heute treibt, ist von einzigartigem strategischem Weitblick und beherrscht in zehn bis 20 Jahren die ganze Welt. Ein europäischer Hafen oder Logistik-Hub mit chinesischem Management oder auch nur Eignern kann zum Beispiel problemlos bestimmen, welche Waren welcher Unternehmen bevorzugt beladen und gelöscht werden. Das ist per se die unternehmerische Freiheit. Wer die Straßen und Häfen der Welt hat, hat die Welt.

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