Logistik der Massen

Ist das 9-Euro-Ticket ein Erfolg? Hat es unser Klima gerettet? Das hängt davon ab, woran wir das messen. Zum Beispiel: plus 56 Prozent. So stark wuchs in den Ticket-Monaten der Schienenverkehr laut Statistischem Bundesamt im Vergleich zu 2019. Sensationell.

Zur gleichen Zeit nahm der innerdeutsche Flugverkehr um 32 Prozent ab – wobei keine Kausalität unterstellt wird. Trotzdem hat das Luft und Klima zusätzlich von Abgasen entlastet. Laut ZDF-Politbarometer vom Juni gaben zwei Drittel der Befragten an, sehr zufrieden mit dem Ticket zu sein. Das sollte man bedenken, wenn man Bekannte klagen hört(e): „Alle Züge überfüllt und keiner pünktlich!“ Das sind wohl jene 27 Prozent aus der Befragung, die sagten, dass sie Nah- und Regionalzüge wegen des Ticket-Chaos meiden: Jede Bewegung löst (mindestens) eine Gegenbewegung aus; jede Lösung ist zugleich ein Problem. Für die Zielführung relevant ist lediglich, ob die Lösung schlimmer oder besser ist als das eigentliche Problem. Darauf weist die nächste Zahl hin.

Es wurde nämlich ein lediglich um zwei Prozent erhöhter Auto-Individualverkehr festgestellt. Das heißt, dass nicht alle von den 27 Prozent Bahn-Meidern aufs Auto umstiegen. Ebenfalls ein Erfolg. Denn genau das hätte bei dem Experiment auch herauskommen können: Die 56 Prozent mehr Schienenverkehr hätten auch reiner Ausflugs- und Touristikverkehr sein können, während die üblichen Bahn-Pendler wieder aufs Auto umsteigen, um den überfüllten Zügen zu entkommen. Dann wäre der Schuss nach hinten losgegangen. Dann hätte das Klima-Ticket dem Klima geschadet. Rein theoretisch ist das ebenfalls eine Möglichkeit. Man weiß bei solchen Großexperimenten nie, was dabei herauskommt. Bis man es probiert. So war das 9-Euro-Ticket eines der größten Feldexperimente der jüngeren Wirtschaftsgeschichte – mit hoher Kundenzufriedenheit.

Denn 72 Prozent der vom ZDF Befragten würden ein Nachfolge-Ticket begrüßen. Nur 8 Prozent wollen keinen Nachschlag. Deshalb wurden – bis die Gaskrise mehr Schlagzeilen erhielt –  Optionen für eine Nachfolgeregelung wie ein 29- oder ein 69-Euro-Ticket diskutiert. Die Politik, die das Experiment gestartet hatte, winkte jeweils ab: zu teuer. Das 9-Euro-Ticket kostete den Bund Milliarden – Monat für Monat. Anders ausgedrückt: So viel kostet die Rettung des Klimas. Deutlichstes Ergebnis des Experiments: Diese Rettung können wir uns nicht leisten (je nach politischer Ideologie ist das eine Sachaussage oder Sarkasmus). Ein lebenswertes Klima für unsere Kinder und Enkel ist zu teuer. Wir kaufen das nicht. Diese Investition tätigen wir nicht. Müssen wir auch nicht. Wir haben ja unsere Klimaziele. Die erreichen sich von selbst. Doch selbst wenn uns als Gesellschaft der Zusammenhang zwischen Rettung des Klimas und Preis der Rettung klar wäre: Es würde nicht reichen. Nichts würde gerettet werden.

Denn derzeit erhöht unter anderem die Münchner Verkehrsgesellschaft die Taktung von U-Bahnen nicht, damit mehr Menschen das Klima retten können. Sie reduziert die Taktung. Wie man hört, weil Fahrer fehlen. Alle wollen mit der Bahn das Klima retten, aber keiner will die Bahn steuern. Wo sind die Zugführer? Und es sind nicht nur die Zugführer. Überall fehlt Fachpersonal. Ist das der demographische Wandel? Oder haben nach Corona viele keinen Bock mehr auf Arbeit? Wo sind die Leute alle hin?

Womöglich ist das Ganze gar nicht so kompliziert: Die Österreicher haben seit etlichen Monaten ein Klima-Ticket. Kostet 1.095 Euro im Jahr. Das klingt nach viel. Doch für Vielfahrer rechnet sich das. Auf den Monat umgerechnet sind das grob 91 Euro – der deutsche Preis für eine einzige ICE-Fernstrecke 2. Klasse. Im Nachbarland funktioniert das Klima-Ticket und zwar auf Dauer, was Sinn macht, da nach drei Experimentalmonaten nichts gerettet ist. Rettung dauert länger. Warum haben wir kein dauerhaftes Klima-Ticket?

Weil wir ein Problem mit Antecedents haben. Alle wollen das Klima retten, aber keiner meldet sich als Zugführer, Schienenbauer oder Busfahrer. Wir bauen wie verrückt LNG-Terminals in die Nordsee, aber wie kommt das Gas in die Netze? Bauen wir ebenso schnell viele neue Pipelines? Oder Tanklaster? Das scheint niemanden zu interessieren. Als ob es so etwas wie Logistik gar nicht gäbe.

Interessiert ja auch keinen. Schließlich füllen sich die Supermarktregale wie von selbst, Heinzelmännchen-artig, über Nacht, von Geisterhand. Um ein Bonmot von Henry Mintzberg zu variieren: „Wir alle leben in Versorgungsnetzen, aber keiner hat eine Ahnung, wie sie funktionieren.“ Nämlich nicht im luftleeren Raum, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Zu diesen Voraussetzungen der Klima-Rettung gehören für die Rettung ausreichende Zugführer, Busfahrer, Fahrdienstleiter, Busse, Züge, Schienen, Passagier-Wagons und Ticket-Automaten, die ohne Zusatzstudium zu bedienen sind. Doch für diese Voraussetzungen fehlt das Geld, der politische Wille, die gesellschaftliche Volition und die vielen neuen Züge, weil auch deren Hersteller ausgebucht sind. Und je mehr fehlt, desto stärker wird der eigentliche Kern des Problems übersehen: Antecedents, Voraussetzungen.

Wir diskutieren munter die ehrgeizigsten Klima-Ziele, ohne auch nur einen Bruchteil der Diskussion auf die Voraussetzungen zur Erreichung dieser Ziele zu verwenden. Wir wollen alles! Wir wollen ein prima Klima, eine intakte Umwelt, Wohlstand, gesunde Kinder und fünf Kilo weniger auf der Waage, aber haben nicht annähernd ausreichend Ahnung, welche Voraussetzungen wir je dafür erbringen müssten. Ist auch egal, macht doch bloß Arbeit.

Und erfordert Wissen. Wir wissen jedoch ungern. Wir meinen lieber. Es gibt immer noch Abnehmwillige, die meinen, dass man durch Sport oder Diäten abnimmt. Und Klima-Retter, die mit dem SUV auf Klima-Demos fahren, weil das ihrer Meinung nach den größten Impact auf die Klima-Rettung hat. Wir sollten nicht Meinungen oder Ziele diskutieren, sondern Voraussetzungen.

Voraussetzung ist, dass ein echtes Klima-Ticket nicht nach drei Monaten verfällt, weil nach drei Monaten das Klima nicht gerettet ist. Voraussetzung ist, dass ÖPNV und Schienenfernverkehr so attraktiv werden, dass es schlicht unrentabel und unbequem wird, ein Auto zu kaufen und aus der Garage zu holen. Voraussetzung wäre auch München – Hamburg in drei Stunden mit Hyperloop oder Magnetschwebebahn. Das sind alles Utopien? Das ist das Killer-Argument jener, die das Klima nicht retten wollen, weil solche Voraussetzungen der Rettung unpopulär sind. Ist ein ruiniertes Klima populärer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.