Die Kuh in der Garage

Niemand kauft sich eine Kuh für ein Glas Milch. Aber ein Auto. Dabei benutzen wir es, im Schnitt, lediglich an 8 Prozent des Tages. Wenig überraschend, dass Car Sharing boomt. Vor allem in den Metropolen.

Um 37,4% (2014 auf 2015) stieg die Zahl der Deutschen, die ein Auto sharen statt kaufen. Im selben Zeitraum wuchsen die Neuzulassungen von Privat-Kfz lediglich im einstelligen Prozentbereich. Dass ein geshartes Auto einen ungleich sinnvolleren Nutzungsgrad hat, zeigt auch die Zahl seiner Nutzer: Im Schnitt nutzen rund 42 Fahrer ein geshartes Auto. Dabei geht es gar nicht um Car Sharing.

Es geht um die Mobilität der Zukunft. Wobei das Sharing sofort an utopischem Flair einbüßt: Alles schon mal dagewesen. Auch um mit der Straßenbahn zu fahren, müssen wir sie nicht erst kaufen. Also warum sollte das Auto uns gehören, bevor wir es fahren? Kauf war zwar bislang auch ein Statussymbol, entpuppt sich aber im 21. Jahrhundert zunehmend als Nutzungshindernis. Und Hemmnisse sind Feinde der Mobilität. Das wissen auch Autovermieter.

Was war das früher ein Papierkrieg, bis man den Sprinter für den Umzug gemietet hatte! Kein Wunder, dass bislang kein nennenswerter Teil der Bevölkerung mal schnell übers Wochenende ein Hipster-Cabrio fürs Neiderblassen der Nachbarn oder eine repräsentative Limousine für das standesgemäße Vorfahren vor dem 5-Sterne-Wellness-Tempel mieten möchte. Deshalb testen Autovermieter Leihprozesse, die so schlank sind wie die 1-Click-Bestellung von amazon: Kundenkarte durchziehen und das gewünschte Mobil steht bereit! Ein Auto zu mieten wird bald so einfach sein wie per Smartphone Musik zu downloaden: Knopfdruck genügt. Die Strategie dahinter: Eigentum ist egal.

Der Unterschied zwischen kaufen, mieten, leihen und teilen soll verschwinden. Weil er ein Nutzungshemmnis geworden ist. Es geht nicht mehr darum, ob ich mir ein Auto kaufe, sondern dass meine Mobilität mit meinen Träumen Schritt hält. In der heutigen Zeit ist nicht mehr Eigentum Statussymbol, sondern Mobilität. Je mobiler, desto statusträchtiger. Dass wir an dieser Stelle keinen Aufschrei der Automobilindustrie hören, liegt auch daran, dass deren Strategen längst auf die Shareconomy setzen. Denn während ein Autokauf gesetzlich und finanziell stark restriktiv ist, ist es Mobilität nicht. Mobil kann und möchte jeder sein. Zum Beispiel Sechsjährige.

Wie kommt der Sechsjährige vom Fußballtraining nach Hause, wenn Mama unvorhergesehen den rauflustigen Hund zum Tierarzt bringt, Papa nicht aus dem Büro kann und der nächste Bus erst in einer Stunde fährt? Er ruft ein Auto. Ohne Führerschein? Braucht er nicht für das selbstfahrende Auto. Er hat ja ein Smartphone. Und plötzlich dreht sich die Dystopie der Unken („Zukunft ohne Auto – Automobilindustrie entlässt Millionen Arbeitnehmer!“) zur Utopie: Anstatt grob 20 Millionen potenzieller deutscher Kfz-Nutzer haben wir dann plötzlich 60 Millionen. Was machen dann die Taxi-Unternehmer? Oder Uber? Oder die Verkehrswege- und Stadtplanung? Das ist die Frage.

Nicht die Frage nach dem Taxi, sondern die Frage: Wenn die Mobilität der Zukunft radikal anders sein wird als jene der Gegenwart – wie sehen die Geschäftsmodelle aus, die diese radikal andere Mobilität bereitstellen? Wer diese Frage beantworten kann, dem gehört die Mobilität der Zukunft und die Zukunft der Mobilität.

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