Jevons Paradoxon

Wozu nochmal hat die EU die Glühbirne abgeschafft? Damit Energie gespart wird. Und was ist passiert?

Richtig. Und verrückt: Seit die Sparlampe da ist, sparen (etliche) Haushalte nicht mehr, sondern weniger. Installateure kolportieren Aussagen ihrer häuslebauenden oder renovierenden Kunden wie: „Wenn wir mit den Sparlampen so viel sparen, können wir jetzt auch die Gartenbeleuchtung anschaffen!“ Oder man leuchtet mit zwei, drei zusätzlichen Leuchten endlich die dunklen Ecken in der Wohnung in mehreren Zimmern ansprechend aus. Und – zack! – ist der Spareffekt ins Gegenteil verkehrt. So war das nicht gedacht! Weshalb man vom Bumerang- oder auch Rebound-Effekt spricht. Ganz korrekt heißt es Jevons-Paradoxon, nach seinem Entdecker William Stanley Jevons.

Dieser entdeckte den Bumerangzusammenhang im 19. Jahrhundert anhand der Kohle. Damals wurde die Dampfmaschine erfunden. Sie ermöglichte es, Kohle weitaus effizienter zu nutzen als bis dato möglich. Jeder vernünftige Mensch nahm an: Höhere Effizienz bedeutet fast schon axiomatisch weniger Ressourcenverbrauch. Das Gegenteil war der Fall. Der Kohleverbrauch ging durch die Decke. Weil sich komplette Industriezweige mit Dampfmaschinen eindeckten. Die Innovation steigerte nicht nur die Effizienz, sondern auch die Nachfrage – und der Nachfrageeffekt überkompensierte den Effizienzeffekt. Das muss nicht sein.

Aber das kann so sein und zwar bei vielen Ressourcen, die wir eigentlich schonen möchten. Ein heißer Bumerang-Kandidat ist zum Beispiel die Sharing Economy (http://go.fau.de/7kt.g9). Allgemein nimmt man an: Je mehr Autos geshart werden, desto weniger Autos werden hergestellt und desto weniger CO2 wird ausgestoßen. Das wäre zu wünschen. Das meiste jedoch, was ein gekauftes Auto macht, ist: Rumstehen. Auf dem Parkplatz. Dagegen wird ein geshartes Auto idealerweise 24/7, zumindest jedoch häufiger genutzt als ein gekauftes. Und „häufiger genutzt“ kann auch bedeuten: mehr Abgas pro Auto. Wenn die Nutzungszunahme die Kaufrückgänge überwiegt, der Einzelne also mehr fährt als zuvor oder ganze Kundengruppen welche zuvor nicht fuhren nun mobil werden, dann wird auch die Luft schlechter, nicht besser. Dank Shareconomy. Verrückt. Paradox. Und tödlich.

Kurz nach Einführung des Sicherheitsgurtes im Jahr 1974 beispielsweise fiel die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland nicht wie beabsichtigt. Sie stieg (kurzfristig). Wie Jevons vermutet hätte. Viele Fahrer dachten „Jetzt mit dem Gurt kann ja nichts mehr passieren!“ und drückten kräftig auf die Tube. Dieser Rückprall-Effekt ist mit allem Guten denkbar.

Zum Beispiel auch mit der additiven Fertigung, dem 3D-Drucker (http://go.fau.de/7kt.eq). Wenn wir bald alles/vieles im eigenen Wohnzimmer ausdrucken können, brauchen wir keine/weniger Sklaven, die in Sweat Shops in Schwellenländern für uns produzieren. Allein die Aussicht darauf könnte nun manchen Unternehmer zum Gedanken verleiten: „Wenn das so ist, sollten wir nicht länger in eine aussterbende Fertigung investieren und brauchen daher die Arbeitsbedingungen in Schwellenländern nicht zu verbessern!“ Böse Falle, Catch 22.

Völlig verrückt wird es, wenn intelligente Menschen den Rebound-Effekt als Vorwand zur Aussage und Absicht nehmen: „Dann brauchen wir gleich gar nicht mehr zu sparen, Sklaven zu befreien oder die Umwelt zu schonen: Hat ja eh‘ kein‘ Wert!“ Denn erstens ist nicht gesagt, dass der Mengeneffekt den Effizienzeffekt übersteigt. Und zweitens lautet die sinnvollere Frage doch wohl: Wie können wir solche und ähnliche Fallen von Nachhaltigkeit und Moral vermeiden?

Eine dringende Frage. Denn es wird immer wieder Innovationen geben mit Effizienzeffekt (so sind Innovationen fast schon definiert). Steigt die Effizienz, sinkt der Preis. Sinkt der Preis, steigt c.p. die Nachfrage. Das ist quasi Marktgesetz. Ein Gesetz, das aus dem Markt heraus nicht aufgehoben werden kann. Aber wir haben nicht nur den Markt.

Wir haben auch Herz, Verstand und Charakter. Wer zwingt uns denn, unseren Garten wie den New Yorker Times Square auszuleuchten? Natürlich: der eigene Konsum- und Statusdrang. Und das sind mächtige Treiber! Wenn wir jedoch Lampe für Lampe, Sharing für Sharing lernen, solchem Drängen unseren Moraldrang gegenüberzustellen, dann aktivieren wir das Korrektiv, das den Bumerang aufhält.

Inzwischen stärken immer mehr Menschen dieses Korrektiv. Sie berichten darüber im Internet, richten Plattformen ein, bloggen. Einige tun das sogar angeregt durch diesen Blog hier oder mein Buch. Viele von diesen klugen, weitsichtigen und moralischen Menschen bedanken sich für die Anregung. Aber ganz im Gegenteil: Wir bedanken uns. Ganz herzlich.

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