Bauch, Beine, Seele

Ich bin verblüfft. Am Anfang hielt ich es noch für einen Einzelfall, aber seither habe ich drei, vier Dutzend Briefe von Theologen und Geistlichen erhalten. Mir hatten vorher noch nie Theologen Briefe geschrieben!

Erst einmal, auch auf diesem Wege: Herzlichen Dank! Dann aber:  Was für eine Überraschung! Ich hatte erwartet, dass Ökonomen, Moralphilosophen, Supply (Chain) Manager, Internet-Trolle und „ganz normale Konsumenten“ Buch (siehe hier) und Thema Moral diskutieren. Aber Theologen? In so großer Zahl? Und durchweg positiv bis begeistert?

Je länger ich darüber nachdenke, desto stärker wird in mir der Verdacht, dass meine Überraschung ein Symptom des Zeitungeistes ist und der Kirche Unrecht tut. Denn jahrhundertelang waren die Kirchen aller Konfessionen eine prägende moralische Instanz in den Ländern der Welt. Sieht man einmal ab von Kreuzzügen, Verfolgung Andersgläubiger und steuerfinanzierten Prunkbauten. Aber das ist im Grunde egal: Es kommt nicht auf die Kirche(n) an.

Sondern auf den Glauben. Meine Kenntnis von konfessionellen Dingen reicht nicht über die einer im Glauben Erzogenen hinaus. Aber schon als Kind hat mich beeindruckt, wie sehr die Weltreligionen auf der Seite der Armen, Leidenden und Unterdrückten stehen (auch wenn sich Kirchen immer wieder von den Mächtigen instrumentalisieren lassen). Seit wir nicht mehr regelmäßig in die Kirche gehen – im Bundesdurchschnitt, sagen die Umfragen, machen das nicht einmal mehr 10 Prozent der Christen – haben wir diesen kirchlichen Dienst an den Geringsten unserer Brüder und Schwestern ein wenig vergessen.

Wir haben deshalb auch vergessen, dass die höchsten Dinge des Lebens letztendlich alle zusammenhängen. Moral, Anstand, Respekt, Religion, Glaube, Spiritualität, Authentizität – das eine ist ohne das andere nicht denk- und praktizierbar. Wenn ich als Supply Manager beim Lieferanten-Squeezing die Daumenschraube nicht bis zum Blutvergießen zuziehe oder als Konsument glaubhaft zertifizierte Kleidung kaufe, dann verhalte ich mich moralisch, bin ein anständiger Mensch und tue etwas für meinen Nächsten und mein Seelenheil. Dass Geistliche davon begeistert sind und mich für Vorträge buchen möchten, verstehe ich jetzt: Früher waren es Notre Dame und der Kölner Dom, heute ist der Konsum quasi die Kathedrale des Kapitalismus. Man kann durchaus beim Shoppen und Managen zu Glaube und Moral finden. Wenn man möchte.

Die kirchlichen Hilfswerke spenden jährlich Millionen, um die Lebensumstände in Entwicklungsländern zu verbessern. Die Kirchen waren schon um das Wohl der Ärmsten bemüht, lange bevor mir auffiel, dass es Sweat Shops in Asien gibt. Sie taten Gutes, redeten aber nicht groß darüber. Genau aus diesem Grund erlebe ich einen kleinen Ansturm von Nachfragen aus Theologie und Klerus nach Vorträgen zum Thema Moral in der Globalisierung. Einige Theologen scheinen die Chance zu erkennen, die in einer offenen Diskussion von moralischen Themen liegt: Kommt der Mensch nicht über den Glauben zu seinem Seelenheil, erreicht er es über Anstand und Moral bei Management und Konsum. Wer hätte gedacht, dass Glaube und Supply Chain Management in diesem Punkt eine Gemeinsamkeit aufweisen? Einen Appell, uns um unser Seelenheil zu kümmern?

Wir tun eine Menge für unsere Karriere, unseren Lifestyle, unser Vermögen, für Fitness und Figur. Für geistliche Gesundheit, Spiritualität und unser Seelenheil tun wir wenig und wenig systematisch. Selbst das Esoterische kommt bis heute nicht wirklich aus der Ecke des Seminarraums und der oft rein aufs Private beschränkten Beschäftigung hinaus. Sobald wir wieder im Büro sitzen oder im Supermarkt einkaufen, verlassen uns diese Glaubens- und Gewissenssurrogate nur allzu oft. Wir haben für alles ein Fitnessprogramm, für unsere Finanzen, unsere Skills, unsere Beziehungsfähigkeit, für Bauch, Beine, Po – nur für unser Seelenheil nicht. Manchen reicht das nicht mehr zum Leben.

Ich kenne einige ManagerInnen, die nicht einfach „nur“ managen wollen, sondern gut managen wollen. Die nicht immer nur Ziele erreichen, sondern die auch die richtigen Ziele erreichen wollen. Studierende, die nach dem Abschluss nicht Karriere und „jede Menge Kohle“ machen wollen, sondern das Richtige tun möchten. Etwas, das die Welt ein wenig besser macht. Sie machen nicht die Mehrheit aus und werden es wohl nie, wenn man die Geschichte der Menschheit betrachtet. Doch das ist nicht wichtig. Bei Spiritualität und Seelenheil geht es nicht um Mehrheiten. Jede(r) hat nur eine Seele. Es reicht schon, wenn er und sie nur diese eine rettet.

3 Kommentare zu „Bauch, Beine, Seele

  1. Ich,ein etwas weniges, meine meinung nach, … denken wir zu menschlich, zu habsüchtig, zu neidisch. der Mensch zerstört die Welt. Die Kirche ist immernoch viel zu farisäisch. Sie waren es früher und werden es immer sein. Früher hat die Kirche versucht die Menschen zu missionieren, das heist, versucht die Menschen als minderwertige Kreaturen zu diskrimenieren und so die Macht zu übernehmen.
    Das ist aber Menschlich. Der Mensch ist nur mal ein Kriminelle gegenüber seine Mitmenschen, gegenüber die Natur, die Tierwelt. Der Mensch wird es nie lernen,
    es gibt nur eine möglichkeit die Welt zu retten, und das ist wenn die Menschen
    sich gegenseitig umbringen,( und sie werden ), und wenn es so weit ist, werden die Tiere, die gesamte Natur wird sich wieder erholen. Ich werde versuchen nicht mehr neidisch, nicht mehr versuchen andere Religionen um zu stimmen, ich werde versuchen , mit der Natur zu leben und sie nicht aus zu beuten,und kann nur hoffen , andere machen es auch so. Die jetzige Welt ist traurigmachend, schaue dieTierein die Augen, Nashörner, Affen und so weiter, und Schämt euch, euch machtigen. Ich höre jetzt auf, die übele Taten hören nicht auf . ( Palmöl, Wahle, Plastik in die Meere, Kriege, Morde, ausnutzung, Abholzung der Tropenwälde, Bienen und Insektensterben ………….) Der Mensch ist nicht würdig weiter zuleben auf dieser Welt, und versteckt euch nicht hinter euer Glauben, um euer Gewissen zu erleichtern. Wir sind immer noch Farisäer. Ich hoffe ihr denkt mal darüber nach.
    Ich habe diese Seite genutztweil ich es mal los werden möchte. meine nachfolgende angaben , name und so, … ich wünsche die welt besserung und freundschaft unter alle Völkern. Werde endlich wach.

  2. Was für ein Labsal, sowas auf den Bildschirm zu bekommen!

    Ich wünsch mir für diese Worte/Haltung eine gut hörbare Stimme in den Medien,
    die uns allen immer agressiver in Augen und Hirn drängen, uns zu oft nur belästigen.

    1. Liebe Ulrike! Erst einmal Danke für Ihre wärmende Rückmeldung. Es ist immer schön, wenn sich Stimmen für einen etwas sinnhafteren Umgang mit unserem Leben erheben. Und was Ihren Wunsch nach medialer Präsenz solcher, Ihrer und meiner Stimmen angeht: Erfreut stelle ich fest, dass seit meiner Buchveröffentlichung die Interview-Einladungen von Presse, Funk und Internet-Medien nicht abreißen. Vielleicht befinden wir uns ja wirklich an der Schwelle einer Zeitenwende. Hoffen wir gemeinsam.

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