Wir drucken uns die Welt, wie sie uns gefällt

Früher druckte man mit dem 3D-Drucker vor allem Prototypen, weshalb „Rapid Prototyping“ lange Zeit fast synonym war mit „3D-Druck“. Heute kann der Drucker sehr viel mehr! Er druckt: Zahnprothesen, Schmuck, Besteck und Geschirr, Kleidung und ganze Häuser (bezugsfertig in wenigen Tagen).

Edel-Restaurants servieren Gourmetgerichte aus dem Drucker. Mediziner hoffen, dass sie bald schon komplette Organe drucken werden. Fans von „Grey’s Anatomy“ kennen das. Die sogenannte additive Fertigung verbreitet sich rasant. Kein Wunder, die Drucker erleben den üblichen Preisverfall von Hochtechnologie. Ein Hobby-Drucker ist heute schon für 500 Euro im Internet erhältlich.

Für die Wirtschaft heißt das: Die bislang teure kundenindividuelle Fertigung mit Losgröße 1 wird selbstverständlich, Business as usual, und die User Experience geht durch die Decke. Leider ist das tendenziell schlecht für Lieferanten: Je mehr eine Fabrik selber druckt, desto weniger Lieferanten braucht sie – und Spediteure, die Lieferteile spedieren. Das ärgert den Logistikdienstleister, freut aber die Umwelt – und die Verkehrsteilnehmer (weniger Staus!). Die Supply Chain wird weniger störanfällig, die Lager kleiner, die Kapitalbindung sinkt und die Rentabilität steigt. Und für uns Konsumenten öffnet sich das Paradies!

Wir gestalten mit wenigen Klicks am PC das Produkt unserer Wünsche oder downloaden es und füttern unseren Drucker damit. Oder besser: den Drucker eines 3D Copy Shops, denn dieser hat den leistungsfähigeren Drucker. Das ist jetzt arg utopisch? Keineswegs. Solche Copy Shops gibt es bereits. Zum Beispiel in München. Seit über einem Jahr.

Inzwischen hat sich auch ein Netzwerk aus 3D-Hubs gebildet, die sogenannte Maker-Bewegung. Das ist ein Netzwerk von Menschen, die mit dem Drucker technische Probleme lösen. Wer beispielsweise Zubehör für sein Handy (z.B. eine Schutzhülle im Eigendesign), ein Ersatzteil für Fön oder Waschmaschine braucht, druckt gegen geringe Gebühr bei einem privaten Drucker in der näheren Umgebung aus. Die Bewegung hat momentan Mitglieder in über 150 Ländern und bietet mehr als einer Milliarde Menschen Zugriff auf einen 3D-Drucker innerhalb von 10 Meilen (16 km) von seinem Zuhause. Das ist was?

Nachhaltig. Man braucht weniger Material. Wer klassisch spanabhebend fertigt (also feilt, fräst, bohrt oder schleift), produziert nolens volens Ausschuss. Der 3D-Drucker nicht. Er druckt nur, was gebraucht wird. Außerdem leben herkömmliche Produkte sehr viel länger, wenn der Drucker praktisch unbegrenzt Ersatzteile liefert. Das ist revolutionär.

Nicht umsonst spricht man bereits von der nächsten industriellen Revolution. Der Drucker ermöglicht eine komplett neue Fertigung, die ohne traditionelle Hersteller und Lieferanten auskommt. Wie brutal das sein kann, zeigt die Hörgeräte-Industrie. Jene Unternehmen, die rechtzeitig in 3D investiert haben, sind gut im Geschäft. Viele andere, die „erst mal abwarten“ wollten, sind nicht mehr da. Warum nicht?

Früher veränderte sich die Wirtschaft langsamer. Wer nicht sofort mit den Avantgardisten das Neue umarmte, konnte immer noch als Early Adopter oder oft sogar noch als Nachzügler die Früchte der Innovation ernten. Heute gilt immer öfter: Wer zu spät bekommt, den bestraft das Leben. Das halten manche für eine Grausamkeit der Marktwirtschaft, dabei ist es eine Charakterfrage. Aus der Diffusionsforschung wissen wir, dass Innovatoren und Early Adopter sich durch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale vom innovationszögerlichen Normalmanager unterscheiden: hohe Empathie, geringe Dogmatik, positive Bewertung von Wandel und Risiko.

Es liegt nicht an der Technik: Der 3D-Drucker ist schon da! Es liegt an unseren individuellen und kollektiven Charakterzügen. Die sind nicht gottgegeben, sondern allemal (wenn auch unbewusst) erlernt. Also können wir es als Individuen und als Organisationen lernen, empathischer, weniger dogmatisch und veränderungsfreundlicher zu werden – anstatt ständig zu sagen/denken: „Warten wir erst mal ab!“, „Das setzt sich bestimmt nicht durch!“

Ob wir die Zukunft erleben, ist keine technische, sondern eine Charakterfrage. Oder wie der Neusprech es bezeichnet: Mindset. Wer die Revolution, das scheinbar Unmögliche, das Unerhörte nicht denkt, erlebt es nicht. Wie schon Lewis Carroll sagte: „Why, sometimes I’ve believed as many as six impossible things before breakfast!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.